Samstag, 8. September 2007

Google-Bildersuche: Zensur für Deutsche nicht mehr abschaltbar

Ich weiß nicht wie lange schon, aber nun sind nicht mehr nur für Flickr.com, sondern auch für Google.de alle Deutschen minderjährig.

Früher konnte man bei der Bildersuche bei Google.de jede Filterung deaktivieren. Jetzt nicht mehr. Wählt man die "Erweiterte Bildsuche" bei Google.de und dort bei "SafeSearch" die Option "Kein Filter", so kann man jetzt folgenden Hinweis lesen (Hervorhebung von mir):

Hinweis: Sie haben ausgewählt, dass wir Ihre Ergebnisse nicht filtern sollen. Bilder, deren Anzeige aus rechtlichen Gründen (insbesondere aus Gründen des Jugendschutzes) nicht zulässig ist, werden Ihnen nicht angezeigt. Dennoch kann es vorkommen, dass Sie Bilder sehen, die für Minderjährige nicht geeignet sind. Wenn Minderjährige Ihren Browser verwenden, empfehlen wir daher, die strikte Filterung einzustellen. (Quelle: Google.de)


Hier das Ganze auch als Screenshot (drauf klicken für eine größere Version):

Screenshot der erweiterten Google-Bildersuche

Wählt man also "Kein Filter", wird dennoch gefiltert. Und schützen tut der Filter natürlich letztlich auch nicht. Dafür werden in nicht nachvollziehbarer Weise Erwachsene in ihrem Recht auf Informationelle Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit beschnitten. Wozu also das Ganze? Entweder weil Google von deutschen Jugendschützern unter Druck gesetzt wurde oder weil Google die schwammige deutsche Gesetzgebung fürchtet, in der die Rolle des "Mitstörers" von unseren Politikern im Unklaren gelassen wurde (wahrscheinlich, um der Meinungsfreiheit in Deutschland und dem Recht auf Informationelle Selbstbestimmung ordentlich in den Hintern zu treten)? Freiwillig wird Google diese Dauerfilterung wohl kaum installiert haben. Bei Google.com findet sie beispielsweise nicht statt. Vermutlich weil in den USA das Recht auf Meinungsfreiheit ein tatsächliches Recht ist und keine Illusion.

Weiß jemand wie lange Google diese Dauerfilterung auf seiner deutschen Webseite schon anwendet? Wurde darüber in deutschen Medien schon einmal berichtet? Werden deutsche Medien einmal bei Google nachfragen? Ich habe zwar eine Anfrage über die Kontaktformulare an Google geschickt mit der Bitte, den Grund für die neue Dauerzensur genannt zu bekommen, aber ich bin mir leider sicher, auf diesem Weg keine Antwort von Google zu bekommen. Dabei wäre es äußerst wichtig in Erfahrung zu bringen, warum Deutschen plötzlich ein derartiger Dauerfilter vor die Nase gesetzt wird. Vor allem, wenn Google dies in der deutschen Rechtslage begründet sehen würde. Schweigt Google dazu, wäre es auch nicht möglich, politischen Druck zu erzeugen, um unsere Politiker zu zwingen, endlich Klarheit in Bezug auf die Mitstörerhaftung für Provider oder sonstige Diensteanbieter im Internet zu schaffen. Die gegenwärtige Situation gleicht der beim neuen Hackerparagraphen: Das Risiko der unklaren Rechtslage tragen Bürger und Firmen. Dies ist eines Rechtsstaates absolut unwürdig und untergräbt das Vertrauen in ihn.

Aber ich habe wenig Hoffnung, dass reichweitenstarke, deutsche Medien hier nachhaken. In Deutschland gibt es eben - so verrückt das klingt - kaum eine Presse, die sich ernsthaft und nachhaltig für die Grundrechte einsetzt. Es sei denn, die Medien sind zufällig in direkter Weise selbst vom Thema betroffen (siehe beispielsweise das Caroline-Urteil oder das Aktivwerden gegen die Vorratsdatenspeicherung erst nachdem den Medien klar wurde, dass auch ihr Informantenschutz durch sie tangiert ist).

Nachtrag: Die Zwangsfilterung bei der Bildersuche könnte auch zurückzuführen sein auf die schon vor über zwei Jahren gemachte Ankündigung der Suchmaschinenbetreiber in Deutschland keine jugendgefährdenden Seiten mehr auffindbar zu machen. Gulli-News berichtete darüber. Bislang ging ich davon aus, dass die herausgefilterten Webseiten zuvor manuell überprüft worden waren und bei Google auf der Seite mit den Suchergebnissen darauf hingewiesen wird, wie viele Webseiten aus der Trefferliste herausgefiltert wurden. Ich vermute jedoch stark, dass Google bei der Bildersuche automatisch arbeitende Filter einsetzt. Und es wird auch nicht angezeigt, ob und wie viele Bilder herausgefiltert wurden.

Man muss konstatieren, dass der deutsche Jugendschutz, angewendet auf die Arbeit von Suchmaschinen, verheerende Folgen hat für die Sicherung der Grundrechte (Artikel 1, 2 und 5). Es wird dringend Zeit, den Jugendschützern ihre Grenzen aufzuzeigen, unklare Rechtslagen zu beseitigen und die Suchmaschinen dazu zu drängen, den Wunsch ihrer mehrheitlich erwachsenen Nutzer nach Informationeller Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit zu beachten.

Nachtrag 2: Ich habe mal etwas herumexperimentiert mit der Google-Bildersuche und beispielsweise einmal nach "Vanessa Beecroft" (deutscher Wikipedia-Eintrag zu ihr, ausführlicherer englischer Wikipedia-Eintrag zu ihr) gesucht. Die Werke von Vanessa Beecroft erscheinen sowohl bei der deutschen als auch bei der englischen Version der Google-Bildersuche. Wählt man aber als anzuzeigende Größe nur "große Bilder", beziehungsweise "large images" sticht etwas ins Auge: Ein Bild, nicht von Vanessa Beecroft, sondern anscheinend eines Amateurmodells namens Vanessa wird nur bei der englischen Google-Bildersuche angezeigt. Man schaue selbst: Hier die Suche bei images.google.de und hier bei images.google.com. Wie man leicht sehen kann, fehlt bei der deutschen Version dieses Bild in der Trefferliste. Es zeigt eine junge Frau mit nacktem Oberkörper. Im Vergleich zu den vielen Fotos von den Kunstaktionen von Vanessa Beecroft, bei denen häufig Ansammlungen von völlig unbekleideten Frauen zu sehen sind, erscheint dieses eine Foto der jungen Frau mit nacktem Oberkörper, das von Google.de hier zensiert wird, als harmlos. Warum also fehlt das Foto der jungen Frau bei der deutschen Bildersuche? Vermutlich, weil die ganze Domain Iloveabbywinters.com, auf der das Foto der Frau zu finden ist, bei der deutschen Bildersuche gesperrt ist. Eine Suche nach "Vanessa" unter Einschränkung auf die Domain Iloveabbywinters.com bei der deutschen Google-Bildersuche beweist dies: Deutsche Ergebnisseite bei Google.de - und zum Vergleich die Ergebnisse bei Google.com.

Nun findet man bei Iloveabbywinters.com Fotos, die man tatsächlich teilweise als pornografisch einordnen muss. Die dort gezeigten Fotos stammen anscheinend von dem australischen Anbieter Abbywinters.com. Die Modelle von Abbywinters.com wirken zwar jugendlich, sind aber allem Anschein nach nicht minderjährig. Und wie groß ein möglicher Schaden sein könnte, wenn Jugendliche diese Seiten von Iloveabbywinters.com oder Abbywinters.com besuchen, kann ich zwar nicht beurteilen, aber im Vergleich zu dem, was ansonsten leicht auf anderem Wege im Internet an harter Pornografie zu sehen und zu finden ist, erscheint mir dieses Abbywinters.com-Zeugs doch eher harmlos zu sein.

Das Fazit lautet also: Google filtert bei seiner deutschen Bildersuch-Version auch dann, wenn unter "Safe-Search" die Option "kein Filter" gewählt wurde. Und die Filterung orientiert sich dabei nicht an den Bildern selbst, also an dem, was zu sehen ist, sondern an der Domain, auf der die Bilder gehostet sind. So werden auch Bilder gefiltert, die eigentlich kaum als jugendgefährdend bezeichnet werden können, wie zum Beispiel das oben erwähnte Bild der jungen Frau mit nacktem Oberkörper. Andererseits lässt Google Bilder zu, die Nacktheit in provozierender Weise zeigen - wenn sie nur bei der "richtigen" Domain gehostet werden. Hervorheben muss man auch, dass dem deutschen Nutzer nirgendwo von Google bei der Ergebnisliste angezeigt wird, dass bei der Google-Bildersuche Ergebnisse herausgefiltert wurden, geschweige denn die Anzahl der herausgefilterten Ergebnisse.

Ursprünglich wollten die Suchmaschinenbetreiber in Deutschland bei ihrer oben erwähnten, vor zwei Jahren ins Leben gerufenen "freiwilligen Selbstkontrolle" in Bezug auf jugendgefährdende Inhalte nur circa 1000 Webseiten sperren, vor allem gewaltverherrlichende Seiten oder Seiten mit pornographischen Darstellungen in Verbindung mit Gewalttätigkeiten oder Seiten mit Ansichten von Kindern als Sexualobjekt, wie auch Telepolis.de berichtete. Inzwischen scheint man jedoch deutschen Nutzern sicherheitshalber immer mehr vorenthalten zu wollen.

Es ist eine Jugendschutz-Farce, die hier gespielt wird. Auf Kosten der "freien Rede". Aber Google, unsere Jugendschützer und anscheinend die Mehrheit der Bevölkerung scheint wohl gerne mitzuspielen bei dieser Groteske, die mich irgendwie an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern erinnert. Warum nur?

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4 Kommentar(e):

Anonym hat gesagt…

Das sollte doch eigentlich jeder mittlerweile wissen; wenn man was finden will, nutzt man google.com, nicht google.de.

Google zensiert nun mal, ob in China oder Deutschland, die US-Variante (oder alternativ .at) scheint mir da noch die liberalste zu sein.

Solon hat gesagt…

Nun, bei der Textsuche war mir das auch bekannt. Aber dieser explizite Hinweis bei der Google-Bildersuche fiel mir jetzt zum ersten Mal auf.

Weiß noch jemand, seit wann es die Möglichkeit zur wirklichen Deaktivierung der Filterung bei der deutschen Google-Bildersuche nicht mehr gibt?

Strayed Wayfarer hat gesagt…

Mir ist auch heute erst aufgefallen, dass die Bildersuche stark zensiert wird, unabhängig von den Filtereinstellungen.

Google.com benutzen - schön wär's, aber das war einmal. Man wird seit neuestem auch automatisch auf Google.de weitergeleitet, sofern man Google nicht eine US-amerikanische IP-Adresse vorgaukelt (z.B. mit Tools wie Anonymizer).

Das Schlimmste daran ist, dass man außerhalb der Blogosphäre wohl nie etwas davon lesen wird. Dank dem übertriebenen Kinder- und Jugendkult, den unsere Gesellschaft zelebriert, wird Otto Normalsurfer mit seinen 0.7 Kindern wird höchstens anerkennend nicken, sobald er bemerkt, dass ganz Deutschland als minderjährig eingestuft wurde. Braucht er doch endlich nicht mehr seinen elterlichen Pflichten nachkommen und ein Auge auf die Surfgewohnheiten seiner verzogenen Blagen haben. Vati Staat und Mutti Kanzlerin werden's schon richten und filtern, für die gesamte entmündigte Nation. Im deutschen Sozialismus ist kein Platz für mündige Bürger.

Anonym hat gesagt…

an mein Vorgänger, auch wenn er es wahrscheinlich nie ließt. Man kann trotzdem Google US nutzen. Man muss den Befehl /webhp?hl=en&tab=ww hinter die Adresse setzen um nicht auf google.de zu landen. Wahlweise kann man auch im Befehl en durch de ersetzen, dann ist es auf deutsch aber google us halt. geht mit jeder sprache.