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Sonntag, 2. Dezember 2007

Geld für PISA-Testteilnahme: Welche Folgen hat das?

Ich lese gerade in mehreren Artikeln, dass manche Länder beim PISA-Test den Schülern für ihre Teilnahme Geld oder Gutscheine übergaben - für die Teilnahme an sich und wohl nicht je nach ihrem Abschneiden beim PISA-Test.

Und ich merke den Medienberichten eine gewisse Konfusion an, weil davon gesprochen wird, dass die Wissenschaftler sich uneins seien, ob solch eine Entlohnung oder "Aufwandsentschädigung" nun die Ergebnisse beeinflusst haben könnten oder nicht.

Hier muss man zwischen zwei Beeinflussungsmöglichkeiten unterscheiden:

1.) Es könnte sein, dass bei den Schülern die Leistungsmotivation beim Durchführen des Testes erhöht wurde und sie so bessere Leistungen abgaben als jene Schüler, die für die Teilnahme nichts bekamen.

Hier wird berichtet, dass Vortests ergaben, dass solch ein leistungssteigernder Effekt anscheinend beim PISA-Testkatalog nicht signifikant nachgewiesen werden konnte. Eigentlich sollte ein Test, der das Wissen abfragen will, auch so konstruiert sein, dass er nicht die Motivation der Schüler misst, sondern eben ihr Wissen. Es wäre also ein schlechtes Zeichen für die Validität des PISA-Tests, wenn kleinere Motivationsunterschiede der Schüler bereits große Auswirkungen hätten auf das Test-Ergebnis. Es ist davon auszugehen, dass man bei der Konstruktion des PISA-Testverfahrens darauf geachtet hat, solch eine Verfälschung des Ergebnisses durch die Motivation der Kinder möglichst auszuschließen. Außerdem kann man davon ausgehen, dass Schüler, die am Test teilnehmen - egal ob sie dafür Geld bekamen oder nicht - allgemein daran interessiert sind, gut abzuschneiden. Eine normal hohe Motivation kann also erwartet werden. Geldgeschenke können diesen Motivationsgrad vermutlich kaum dermaßen anheben, dass die Leistungsergebnisse signifikant ansteigen. Dies zeigen unterschiedliche psychologische Studien zur Wirkung der Entlohnungshöhe auf die Leistungsbereitschaft. Nicht die tatsächliche Höhe der Entlohnung spielt hierbei die größte Rolle, sondern die Wahrnehmung der Entlohnung als angemessen. Schon das eigene Selbstbild drängt einen normalerweise dazu, sich einigermaßen intensiv anzustrengen. Erleben die Kinder die Teilnahme am PISA-Test also nicht als unfair, sollte auch bei einer nicht vorhandenen Aufwandsentschädigung bei der Mehrheit der Schüler eine normal hohe Motivation gegeben sein. Ausreißer nach unten hinsichtlich der Motivation, also Schüler, die absolut nicht motiviert sind und sich bewusst verweigern, sollten durch im Test eingebaute Vorgaben aussortiert werden können oder sich statistisch ausgleichen.

2.) Schwerer wiegt die Vermutung, dass dank der finanziellen Anreize sich vor allem nur bestimmte Schüler für die Teilnahme am PISA-Test meldeten. Statt also einen Durchschnitt aller Schüler eines Landes zu messen, hätte man dann nur jene Schüler gemessen, die den Test vielleicht eher nicht freiwillig durchgeführt hätten. Denkbar ist auch, dass es rund um die Implementierung einer Zahlung einer Aufwandsentschädigung andere Auswahleffekte gegeben hat. Vielleicht wurden so beispielsweise über die Möglichkeit, am Test teilzunehmen (und sich mal eben 50 Dollar zu verdienen) nur jene Schüler informiert, die allgemein gut informiert sind über das, was an ihrer Schule vorgeht. Oder vielleicht wurden von Lehrern sogar gezielt Schüler mit der Möglichkeit der Teilnahme "belohnt"? Aus der Testteilnahme könnte so durch die Aufwandsentschädigungen ein begehrtes, knappes Gut geworden sein, das sich vor allem erfolgreichere Schüler angeln konnten als Möglichkeit für einen kleinen Zusatzverdienst.

Das Problem wäre also weniger, dass Schüler durch Geschenke stärker motiviert wurden bei der Durchführung des Tests, sondern dass die Einführung einer Aufwandsentschädigung in manchen Ländern einhergegangen sein könnte mit einer speziellen Auswahl spezieller Schüler. Dies wäre jedoch kein Fehler am Testdesign des PISA-Tests selbst, sondern ein Fehler bei der Durchführung des PISA-Tests. Anders gesprochen: Wer ein Messinstrument falsch anwendet, darf sich nicht wundern, wenn er unbrauchbare Messergebnisse bekommt. Wer die Temperatur nicht im Schatten, sondern in der Sonne misst, darf sich nicht wundern, wenn er andere Messergebnisse bekommt als die der örtlichen Wetterstation.

Aber ich weiß schon, wie man diese neuen Nachrichten rund um den PISA-Test am Montag in Deutschland politisch kommentieren wird. Und das weiß ich, obwohl ich keine Kristallkugel im Schrank habe.

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Samstag, 1. Dezember 2007

Union passt das PISA-Wetter nicht, also soll neuer Wettermann her

Netzeitung.de berichtet:

Bundesbildungsministerin Annette Schavan hat sich am Freitag der Kritik ihrer Unionskollegen angeschlossen. [...] Auch der niedersächsische Kultusminister Bernd Busemann (CDU) forderte Schleicher am Freitag zum Rücktritt auf und sprach sich dafür aus, auf längere Sicht aus der PISA-Studie auszusteigen. (Quelle: Netzeitung.de)


Könnte es sein, dass die Unions-Kultusminister und Frau Schavan, "Bildungs"- Ministerin, auch den Rücktritt von "Tagesthemen-Strömungsfilm"-Präsentatoren (sprich vom "Wettermann") fordern würden, wenn ihnen das präsentierte Wetter nicht passt?

Für wie bescheuert halten uns die Unionskultusminister und Frau Schavan eigentlich?

Da entsprechen die Ergebnisse aus der PISA-Studie also nicht den Wünschen und deshalb droht man aus dem PISA-Test auszusteigen? Das ist so lächerlich, dass man es kaum mit Worten beschreiben kann.

Und was soll dann geschehen? Will man dann die Schulleistungen sicherheitshalber nicht mehr wissenschaftlich evaluieren? Damit die Politiker wieder freies Feld haben für ihre Propaganda? Oder möchte man einen neuen, wissenschaftlichen Test? Da muss die Frage erlaubt sein: Warum? Gibt es wissenschaftlich etwas derartig auszusetzen am PISA-Test, dass seine Ergebnisse unglaubwürdig sind? Da würde ich aber gerne mal die Argumente hören von diesen Bildungsfritzen der Union.

Die Gründe für das Unbehagen der Union liegen wohl darin, dass PISA ein internationaler Vergleichstest ist. Und da die Verbesserung des Bildungssystems eine Sache von vermutlich eher Jahrzehnten als Jahren ist und die Union sich doch so gerne schon vor den nächsten Landtagswahlen als die "Bildungs-Partei" darstellen will, will man vermutlich schlicht diesen lästigen PISA-Test loswerden und ihn ersetzen durch einen rein nationalen Evaluationstest. Da ist Deutschland dann immer Spitze und die bayerischen Schulen am spitzesten und das lästige Skandinavien mit seinem guten Schulsystem führt nicht mehr zu unerwünschten Irritationen.

Mal sehen, wie das jetzt weiter geht und bei welchen anderen Themen und Fachgebieten die Union dann bald die Abschaffung wissenschaftlicher Expertise vorantreibt. Mit den Deutschen und ihren Medien kann man es ja anscheinend machen, ohne dass es auffällt.

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Freitag, 30. November 2007

Sind PISA-Testergebnisse pure Ideologie?

Tests wie beispielsweise der PISA-Test zur Erfassung des Lernerfolges bei Schülern sind hochkomplexe Produkte. Sie werden in mehreren Stufen nach international anerkannten, wissenschaftlichen Kriterien konstruiert. Das Gebiet der "Testkonstruktion" ist ein eigenständiger Forschungsbereich innerhalb der Sozialwissenschaften wie beispielsweise der Psychologie.

Solch ein Test, ob nun der PISA-Test oder einer der bekannten IQ-Tests (beispielsweise der Hamburg-Wechsler-IQ-Test), ist ein wissenschaftlich austariertes Messinstrument. Sozialwissenschaftler haben das Problem, dass es für das, was sie messen wollen (also beispielsweise Lernerfolg oder Intelligenz), keine physikalischen Messapparaturen wie Thermometer, Barometer, Hydrometer und dergleichen gibt. Sozialwissenschaftler müssen sich deshalb ihre Messapparate selber bauen. Und genau diese Fragenkataloge oder Leistungs- oder Wissenstests sind die Messapparate der Sozialwissenschaftler.

Genau wie ein Thermometer oder Barometer geeicht werden muss, so muss bei den sozialwissenschaftlichen Tests sichergestellt sein, dass sie genau sind. "Genau" heißt in diesem Fall, dass sie tatsächlich das messen, was sie messen sollen und dass sie zuverlässig messen, also nicht mal in einer Situation empfindlicher als Messinstrument reagieren und in anderen Situationen nicht "anschlagen". Wenn ein Thermometer also statt der Temperatur den Luftdruck messen würde, wäre das schlecht. Außerdem wäre es schlecht, wenn ein Thermometer in Deutschland genauer funktionieren würde als in Frankreich. Bezogen auf sozialwissenschaftliche Tests heißt das beispielsweise, dass bei einem IQ-Test erfasst werden soll, wie schnell jemand denken kann und nicht, welches Vorwissen er mitbringt, wieviel jemand weiß. Die PISA-Tests hingegen wollen messen, wieviel jemand lernen konnte. Der PISA-Test interessiert sich also im Gegensatz zu einem IQ-Test für das Wissen, das jemand erlernt hat. Wenn ein IQ-Test oder ein PISA-Test nun in einem Land genauer messen würde als in einem anderen Land, dann wäre das schlecht. Auch wenn ein IQ-Test oder ein PISA-Test gestern etwas anderes messen würden als heute, wäre das schlecht. Genauso wie es schlecht wäre, wenn ein Thermometer heute die Temperatur korrekt anzeigt, morgen jedoch nicht mehr. Man könnte in diesem Fall die Temperaturmessungen nicht mehr über mehrere Tage miteinander vergleichen und könnte keine Aussagen darüber treffen, ob sich beispielsweise die Durchschnittstemperatur in den letzten Wochen erhöht hat oder nicht.

Sozialwissenschaftliche Tests sind also Messinstrumente. Anders jedoch als Messinstrumente, die physikalische Eigenschaften messen, ist ihre Konstruktion weitaus komplizierter.

So werden beispielsweise die einzelnen Items eines Tests mit statistischen Methoden daraufhin überprüft, ob sie alle unterschiedliche Aspekte des abzufragenden Themas messen. Man möchte ja beispielsweise beim PISA-Test nicht das Wissen in Geschichte dutzendmal in mehreren Items abfragen, mathematisches Wissen jedoch nur in einer Aufgabe oder einem Item. Außerdem müssen die Fragen verständlich sein und beim PISA-Test müssen die Frage-Items oder Leistungstests so konstruiert sein und so vielfältig sein, dass man mit ihnen auch die unterschiedlichen Ausprägungen des Wissens und des Lernerfolges messen kann. Es nutzt nichts, wenn man am Ende vorwiegend Kinder hat, die entweder alle Aufgaben lösen konnten (weil sie zu einfach waren) oder gar keine Aufgaben lösen konnten (weil sie zu schwierig waren).

Sozialwissenschaftliche Tests unterlaufen aus diesen Gründen eine Reihe von Vortests, in denen man Teile des Gesamttestes ausprobiert an Testpersonen, um die Fragen und Items und Leistungstests anschließend weiter zu justieren und den Test zu verändern.

Es ist außerdem nicht unüblich, als "fertig" bezeichnete Tests doch noch einmal Jahre später zu korrigieren und feinzujustieren, um bessere Messergebnisse zu bekommen.

Wird bei einer solchen nachträglichen Justierung jedoch der Test noch einmal erheblich verändert, entsteht das Problem, dass seine Testergebnisse eventuell nicht mehr vergleichbar sind mit den Testergebnissen der Test-Vorgängerversion.

Und genau dies scheint bei dem heutigen PISA-Test der Fall zu sein. So stellt es jedenfalls der OECD-Pisa-Koordinator Andreas Schleicher dar und jeder Sozialwissenschaftler wird seine Ausführungen als logisch und glaubwürdig betrachten.

So wird plötzlich aus einer scheinbaren Verbesserungen der Leistungen der deutschen Schüler beim aktuellen PISA-Test, eine eventuelle, noch nicht sicher nachweisbare Verbesserung der Leistung. Denn um solch eine Verbesserung wissenschaftlich gesichert nachweisen zu können, müsste die jetzige Version des PISA-Tests erst noch mehrmals angewendet werden.

Die Unions-Kultusminister jedoch sehen in den Äußerungen von Andreas Schleicher, dass also die scheinbare Verbesserung der Leistung deutscher Schüler nicht so sicher ist wie das zunächst aussieht, pure Politik und ideologische Befangenheit. So als wolle Schleicher den deutschen Kindern und dem deutschen Schulsystem keinen Erfolg gönnen. Die Unions-Kultusminister fordern gar deshalb den Rücktritt von Andreas Schleicher, wie Tagesschau.de berichtet.

Die Rücktrittsforderung der Unions-Kultusminister gegenüber Schleicher wirkt extrem lächerlich, wenn man sich etwas mit dem Problemfeld der "Testkonstruktion" auskennt. Die Unions-Kultusminister sollten sich vielleicht zunächst etwas schlauer machen, bevor sie mit unhaltbaren Anschuldigungen um sich werfen.

Sonst könnten noch Rücktrittsforderungen in ganz anderer Richtung laut werden.

Aber ich glaube eh, dass die Kultusminister ihre Rücktrittsforderungen nicht ernst meinen. Aber sie sind natürlich prächtig geeignet, um damit abzulenken von den Schwächen des deutschen Schulsystems, für die sie die politische Verantwortung tragen. Und dieses Ablenkungsmanöver wird funktioniern. Weil die deutschen Medien keine Kraft haben, um sich mit den Hintergründen eines PISA-Tests zu beschäftigen und diese dem Publikum zu erklären, befürchte ich.

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Freitag, 19. Oktober 2007

Studenten als risikolose, renditestarke Anlage für Bildungsfonds

Die Wissenschaftssendung "Nano" von 3Sat brachte gestern einen interessanten Beitrag über die Leute, die kräftig an den neu eingeführten Studiengebühren in vielen Bundesländern verdienen. Link zum Video in der 3Sat-Mediathek (anders als früher, scheint jetzt die direkte Verlinkung von Video-Beiträgen zu funktionieren!). Artikel zum Video: Studenten als Kapitalanlage.

Darin:

Dr. Frank Steinmetz hat einen Fonds gegründet, in den Kapitalanleger einzahlen und der Studenten fördert: die deutsche Bildung als Anlagegesellschaft. Die Studenten zahlen von ihrem späteren Einkommen eine definierte Zeit lang definierte Prozentsätze zurück. Die Anleger gehen von einer guten Rendite aus, weil sich ihre Investionen auf unterschiedliche Fächer verteilen. Da die Gehälter der dann einstigen Studenten mit der Inflation steigen, sind auch die Investoren vor Inflation geschützt.

Die Deutsche Bildung will aber nur jenen Geld leihen, von denen sie glaubt, dass sie auch studieren sollten. [...] Entscheidend ist auch die Aussicht auf einen überdurchschnittlichen Verdienst nach der Hochschulausbildung. (Quelle: 3Sat.de, Nano)


Solch ein Fonds ergibt natürlich nur einen Sinn, wenn Studenten auch Kredite aufnehmen müssen, um studieren zu können. Dank der neuen Studiengebühren und des weiterhin mauen Bafögs entstand hier also ein extrem lukrativer Anlagemarkt mit gleichzeitig kaum vorhandenem Risiko für die Anleger. Den Studenten wird aufgedonnert, bestimmte Prozentsätze ihres späteren Einkommens anschließend zurückzuzahlen. Dies kann in der Summe weit mehr sein als bei üblichen Bankkrediten. Weil der Student sich jedoch in einer unsicheren Lage befindet (er kann ja am Anfang seines Studiums nicht sagen, was er später verdienen wird - der Fonds jedoch kann diese Unsicherheit über viele Studenten hinweg ausgleichen), kann der Fonds genau aus dieser Unsicherheit Kapital schlagen und derartige Prozentwerte bei der Rückzahlung des Kredites einfordern.

Die Bundesländer haben wegen der Studiengebühren den Universitäten teilweise die Zuwendungen weiter gekürzt. Die Unis haben also nicht mehr oder nicht wesentlich mehr Geld zur Verfügung als vor Einführung der Studiengebühren. Immer noch gibt es eklatant zu wenige Studienplätze. Es werden sogar weiter Professorenstellen nicht wieder neu besetzt, weil schlicht das Geld fehlt. Dass die Studierendenquote in Deutschland zur Zeit sinkt, ist also kein gottgegebenes Ereignis, sondern hat handfeste Gründe. Der volkswirtschaftliche Schaden für die deutsche Wirtschaft, die vor allem wegen ihrer Innovationskraft an der Weltspitze liegt, dürfte bereits mittelfristig gesehen enorm sein.

Aber Bertelsmann und Co. und einige wenige Fonds machen gute Geschäfte mit dem System der Studiengebühren. Und das ist ja das Wichtigste. Oder?

Übrigens: Typisch für die öffentlich-rechtlichen Sender: Nach dem Zeigen des kritischen Berichtes musste der Moderator im Studio in seiner Abmoderation des Beitrages (warum müssen Beiträge überhaupt abmoderiert werden?!), schnell alles wieder "gerade" rücken und das Studiengebührmodell als das Non-Plus-Ultra und der Weisheit letzter Schluss loben. Warum macht man dann überhaupt einen kritischen Beitrag, wenn die Abmoderation am Ende behauptet, dass doch alles prima ist? Ist das ein billiger, "von oben" angeordneter Versuch, die Kritik am System nicht ganz so deutlich rüberkommen zu lassen? Oder sind das eingefleischte Reflexe der Studio-Mitarbeiter, denen Kritik am System nicht ganz geheuer ist?

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Donnerstag, 20. September 2007

Statt Terrorangst jetzt mal ein paar wirkliche Probleme

Jugendpastor Bernd Siggelkow in einem Interview bei Süddeutsche.de:

Derzeit ist die Situation in Deutschland so: Eine achtköpfige Familie, die unter dem Existenzminimum lebt, hat keinen Anspruch auf eine Waschmaschine. Eine Mutter, die im Krankenhaus um etwas kostenlose Nahrung für sich und ihren Säugling bittet, wird abgewiesen. Ein Jugendlicher, der von der Mutter rausgeworfen wird und nicht weiß, wo er schlafen soll, ist auf sich selbst gestellt und muss erst einmal die Kostenübernahme klären. Die Jugendämter machen freitags um 16 Uhr Feierabend. Das ist die Situation in Deutschland. [...] Wir haben bereits französische Verhältnisse: In Berlin brennen ständig Autos. Es heißt dann: Der Staatsschutz ermittelt. Ja, was soll er denn ermitteln? Das ist Kinderkriminalität. Das sind ausgestoßene junge Leute, die nichts mit sich anzufangen wissen und sich in Banden zusammenrotten. Das wird noch schlimm werden. Sie glauben gar nicht, welches Ausmaß die sexuelle Verwahrlosung angenommen hat. Mit 15 haben die alles durch. Mit 16 kriegen die Mädchen ihr erstes Kind. So dreht sich die Spirale weiter. Das sind Probleme, die die gesamte Gesellschaft betreffen. (Quelle: Süddeutsche.de)


Und auch Welt.de berichtet anlässlich des heutigen Weltkindertages. Wie Kinder mit Hartz IV leben:

Zwar sei richtig, dass die Regelsätze die das Sozialgesetzbuch für Kinder von Hartz-IV-Empfängern vorsehen, nicht ausreichten. Nur die finanzielle Unterstützung zu erhöhen oder auszuweiten, etwa beim Kinderzuschlag, sei jedoch der falsche Weg. „Viele unserer Familien geben das Geld einfach falsch aus“, sagt Büscher. Statt in neue Kleidung werde dann eben in einen Flachbildfernseher investiert. Er plädiert deshalb dafür, Leistungen auszubauen, die den Kindern direkt zu Gute kommen – Gutscheine für Sportvereine und Nachhilfeunterricht oder kostenloses Schulessen. [...] Allerdings macht Mersch auch häufig die Erfahrung, dass selbst bei Familien, die gut haushalten, das Geld oft nicht mehr bis zum Ende des Monats reicht. Mit weit reichenden Folgen: Dem Kind bei Schulproblemen die Nachhilfe zu bezahlen sei für ALG-II-Empfänger undenkbar. Schon die kleinste Störung wie etwa eine kaputte Waschmaschine, könne das ganze System zum Zusammenstürzen. Bei der Caritas haben sich die Anträge auf Spenden seit der Einführung des Arbeitslosengeldes II verdoppelt. Bei einigen Schuldnerberatungsstellen des Verbandes ist der Andrang inzwischen so groß, dass es lange Wartelisten gibt. (Quelle: Welt.de)


Kinder können nichts für das eventuelle Fehlverhalten ihrer Eltern. Die gesellschaftlichen Folgekosten fehlender staatlicher Unterstützung sind vermutlich enorm. Es kann doch nicht sein, dass in einem der reichsten Länder der Welt so mit Kindern umgegangen werden muss?

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Mittwoch, 21. März 2007

Unbelehrbare Kultusminister

Unbelehrbare Kultusminister müssten eigentlich ein Paradoxon sein. Nicht jedoch in Deutschland.

Die erneute Kritik der deutschen Kultusminister am Bericht des UN-Menschenrechtsbeauftragten Muñoz über das deutsche Schulsystem beweist, dass die Bildungspolitik den Bundesländern entrissen werden muss. Seit 30 Jahren versprechen die Bundesländer, die Durchlässigkeit des Schulsystems zu erhöhen und die Chancengleichheit zu fördern. Nichts ist passiert. Selbst jetzt nicht, wo harte, wissenschaftliche Daten vorliegen und Kritik von allen Seiten auf die Kultusminister einprasselt. Zum Beispiel heute wieder: Studie des Münchner Ifo-Instituts stützt die Kritik des UN-Menschenrechtsinspektor (Netzeitung.de).

Stattdessen stecken die Kultusminister weiterhin den Kopf in den Sand und verteidigen das dreigliedrige Schulsystem, so als ob es etwas Heiliges, Unantastbares wäre: Kultusminister und Elternverein halten UN-Bildungsinspektor Muñoz für inkompetent (Netzeitung.de).

Was ist mit diesen Kultusministern los?

Bildung ist tatsächlich ein Menschenrecht. Chancengleichheit ist Menschenrecht. Aber statt das ernsthaft anzuerkennen, polemisieren die deutschen Kultusminister, dass das Bildungssystem ja wohl kein Fall für Amnesty International wäre und weisen so den kritischen Bericht des UN-Beauftragten zurück, ohne sich sachlich und ernsthaft mit ihm auseinanderzusetzen:

Starke Töne schlug der saarländische Kultusminister Jürgen Schreier an. Zwar verkenne nach der Pisa-Studie niemand die großen Herausforderungen an die deutschen Schulen, sagte er dem "Tagesspiegel". Empörend sei jedoch der von Muñoz vermittelte Eindruck, Deutschland verletze Menschenrechte. "Das deutsche Bildungssystem ist kein Fall für Amnesty International!" (Quelle. Direktlink zum Textauszug.)


Die Verantwortungslosigkeit der Kultusminister stinkt zum Himmel. Die föderal organisierte Bildungspolitik ist eine organisierte Verantwortungslosigkeit - und diese wird auch in Zukunft leider sicherstellen, dass sich auf diesem Gebiet nichts in Deutschland verbessern wird. Deshalb muss eine Diskussion darüber starten, ob man das Bildungwesen nicht den Händen der Bundesländer entreißen sollte. Würde für Bildung die Zentralregierung alleine zuständig sein, wäre es - so meine Hoffnung - weniger leicht möglich für die verantwortlichen Politiker, dem Thema immer wieder mit dummdreisten Behauptungen aus dem Weg zu gehen. Die Arbeit von Politikern auf Bundesebene erhält halt allgemein größere Aufmerksamkeit als die von Landespolitikern. Auch das Festmachen der Verantwortung an einer Person, sprich an einem Kultusminister, statt an 16 (plus einen Pseudo-Bildungsminister auf Bundesebene) würde einen größeren Handlungsdruck für die Politiker auf diesem Gebiet erzeugen. Zugleich könnte der Bund wesentlich besser sicherstellen, dass alle Bildungseinrichtungen die gleiche finanzielle Ausstattung bekommen.

Es reicht also nicht, dass ein Sachgebiet den Ländern theoretisch Anreize bieten würde, einen Wettlauf "nach oben" zu starten. Man könnte ja denken, dass jedes Bundesland auf lange Sicht profitieren würde von eigenen Investitionen in den Bildungsbereich.

Aber vermutlich besteht dieser Anreiz so gar nicht. Weil die Bundesbürger natürlich nach ihrer Ausbildung oftmals nicht im Bundesland bleiben, sondern dahin wechseln, wo es Arbeitsplätze gibt. So ist bei den Bundesländern sogar dasjenige das Dumme, das viel ins Bildungswesen investiert und die Breite der Bevölkerung fördert. Bayern zum Beispiel macht es sich besonders einfach und sortiert einfach früh aus, statt der Masse an Schülern zu helfen (TAZ.de: Bayerns ungerechter Erfolg). Wenige, aussichtsreiche Schüler zu fördern, ist insgesamt natürlich billiger als die breite Masse ausreichend zu fördern. Die Folge: Müsste Bayern sich alleine mit seinen Abiturienten versorgen, käme es bald zu einem Abwandern der Industrie in andere Bundesländer, weil Bayern viel zu wenig Abiturienten und damit Studienanwärter bereit stellt im Verhältnis zu allen Schulabgängern Bayerns. Aber da gibt es ja gottseidank die Abiturienten aus den anderen Bundesländern, die diese bayerische Lücke auffüllen.

Das föderale Bildungssystem fördert also das Schmarotzertum unter den Bundesländern statt den gegenseitigen Wettbewerb und gehört deshalb abgeschafft.

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Dienstag, 20. März 2007

Faschismus entsteht nicht im luftleeren Raum

Zufall?

Oder Methode?

Samstag, 6. Januar 2007

Ich möchte nicht Kind in Deutschland sein

Zu der gerade in den dritten Programmen gezeigten Dokumentation "Rythm Is It!" (WDR: 06.01.2007, 11:40 Uhr, BR: 14.01.2007, 12:15 Uhr) empfehle ich eine Kritik bei Filmzentrale.com: Soziales Wohlfühlkino:

Drei Monate, von den ersten Proben bis zum großen Abend der Aufführung, hat das Team um Thomas Grube und Enrique Sánchez Lansch 250 Schüler (25 Nationen) aus 5 fünf Berliner Grund- und Hauptschulen begleitet. [...] Was und wie viel das Projekt in der Breite und auf Dauer gebracht hat, bleibt fraglich; nach der Uraufführung endet die Dokumentation im Freudentaumel. Dass ein Großteil der Schülerschaft mit geringer Qualifikation, aber überhöhter Erwartungshaltung seinen Platz in einer täglich komplexer werdenden Berufswelt finden muss, wird in einem Projekt, in dem jeder alles schaffen kann, souverän übergangen. Von realistischer Zukunftserwartung keine Spur. (Quelle)


Dennoch könnte ein Blick in die Dokumentation lohnen. Einfach, um kurz mal in die Gesichter der Kinder zu blicken, die am Anfang der Dokumentation im Hintergrund gezeigt werden - bevor dann die Erfolgsgeschichten einiger Kinder die Story der Dokumentation dominieren. Denn bereits allein diese Gesichter erzählen - so kurz sie auch nur zu sehen sind - eine andere Geschichte als die, die die Dokumentation anschließend fabriziert.

Wenn Lehrer nicht solch einen Stress hätten, müssten sie Weblogs schreiben. Gerade Lehrer von Schulen in sozialen Brennpunkten. Um mitzuteilen, welchen Ängsten und welcher Chancenlosigkeit viele ihrer Schüler ausgesetzt sind. Um mitzuhelfen, die Werte in der deutschen Gesellschaft wieder zurecht zu rücken. Damit der Mensch wieder im Mittelpunkt der Politik steht und die menschenverachtende Pop-Religion des Neoliberalismus zurückgedrängt wird. Davon würden alle profitieren, nicht nur verhärmte Kinder in sozialen Brennpunkten.

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Samstag, 16. Dezember 2006

Spiegel.de mit Leserverarschung: Quatsch-Ranking von neoliberalem Think-Tank

Spiegel.de bringt "exklusiv" eine Studie des Think-Tanks "Berlinpolis": So sozial sind die Bundesländer.

Inhalt der Studie: Ein Ranking. Ja, mal wieder. Rankings sind so ungefähr das einzige, was diese Think-Tanks auf die Beine stellen. Dieses Mal geht es um die Sozialpolitik der Bundesländer. Da gibt es nämlich Unterschiede! Ja, guck an. Wo genau, das verschweigt der Spiegel-Artikel. Ist ja auch nicht so interessant. Wichtiger ist das Ranking an und für sich. Weniger der Inhalt des Rankings. Rankings sind cool. Weil, da kann man dann schön Äschi-Bätschi sagen zu denen, die total mies abschneiden im Ranking.

Rankings transportieren somit immer die Botschaft, dass es Gute und Schlechte gibt und dass die Guten und Schlechten selbst verantwortlich sind für ihr Abschneiden. Die oben an der Spitze haben ihre Aufgabe gut gemacht, die unten sind die Versager.

Nun also ein Ranking über die Qualität der Sozialpolitik der Bundesländer. Die implizite Botschaft: Bundesländer haben alle in gleichem Maße einen gleich großen Spielraum zur Gestaltung ihrer Sozialpolitik. Denn sonst würde solch ein dämliches Ranking ja gar keinen Sinn machen, nicht wahr? So steht denn auch im Spiegel.de-Artikel:

"Deutschland ist sozial dynamischer als gedacht", sagt Daniel Dettling, Vorstandsvorsitzender von berlinpolis. Dies wird im Vergleich zur Erhebung des Jahres 2000 deutlich. Einige Länder haben seither ihre Spielräume genutzt. (Quelle)


Es liegt also anscheinend nicht daran, dass manche Bundesländer kaum Geld in den Kassen haben, weil sie zum Beispiel die miesen Geschäfte von Banken-Bonzen auf dem Rücken der Steuerzahler ausbaden müssen (Berlin) oder wegen langfristiger Strukturprobleme oder allgemein, weil man kleine Bundesländer mit großen nicht vergleichen könne und so weiter. Nein, einige Bundesländer nutzen halt einfach ihre Spielräume nicht optimal. Das sei alles. Sicherlich ist es auch reiner Zufall, dass das reichste Bundesland, Baden-Württemberg, seine Spielräume am besten genutzt hat und somit das sozialste Bundesland im Ranking von Berlinpolis ist. Von einer unterschiedlichen Gewichtung der Bundesländer liest man im Spiegel-Artikel jedoch nichts. Also vielleicht doch kein Zufall das mit Baden-Württemberg, seinem Reichtum und dem Abschneiden im Ranking?

Logischerweise fordert Berlinpolis dann anschließend auch nicht etwa, die Solidarität zwischen den Bundesländern zu stärken oder den Einfluss des Bundes zu stärken, um das im Grundgesetz vorgeschriebene gleiche Lebensniveau innerhalb Deutschlands zu sichern, nein, Berlinpolis möchte, dass die Bundesländer noch mehr Spielräume bekommen bei der weiteren Stufe der Föderalismusreform. Der Bund soll sich also noch mehr raushalten und die Länder noch stärker konkurrieren, heißt das wohl.

Bleibt die Frage, wie diese administrativen Spielräume die nun einmal faktisch existierenden enormen Unterschiede zwischen den Bundesländern beseitigen sollen. Spielräume sind ja schön und gut und fördern sicherlich die Eigenverantwortung und so weiter. Aber selbst in der Schweiz mit ihrem ausgeprägten Föderalismus sind die Kantone homogener gestaltet als die deutschen Bundesländer. Und trotzdem gibt es auch dort zum Beispiel eine gezielte Förderung schwacher Kantone.

Spielräume sind nicht alles. Und ein Ranking, in dem Bremen mit Baden-Württemberg konkurrieren muss, ist alles andere als glaubwürdig.

Mehr kritische Stimmen zu Berlinpolis:
  • TAZ.de: Arschlochalarm! - Berlinpolis in einem Boot mit "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft", EnBW, Microsoft, Siemens, Dresdner Bank und so weiter.
  • Berlinpolis haben wir auch den Ausdruck "Fernuniversität der Gewalt" als Beschreibung des Internets zu verdanken. Heise.de: Deutscher Thinktank fordert Kontrolle des Internet. Seltsam. Auf der einen Seite möchte man überall Spielräume, weniger Regulierung, böse Zungen sagen dazu auch "Entsolidarisierung", aber dann wieder will man möglichst umfassende Kontrolle und Überwachung, und zwar der einzelnen Bürger. Freiheit für Konzerne? Fesseln für die Bürger? Ja, die Welt der Think-Tanks stinkt nach Gegen-Aufklärung statt nach Aufklärung, nach Gegen-Reformation statt nach Reformation. Die Mächtigen können eben immer gut das Lied von der Entfesselung des Marktes singen, um sich nach dem Liedchen an den unregulierten Tisch setzen zu können.
  • Und schließlich eine Rezension des Buches "Machtwahn" von Albrecht Müller, in dem die ganzen konservativen Think-Tanks, von denen sich viele Medien in Deutschland, allen voran der Spiegel, gerne um den Finger wickeln lassen, vorgestellt werden. Als Presse ist man ja nicht für den depperten Leser da, sondern für den wirklichen Kunden, die zahlende Wirtschaft: "Eliten" - dumm oder korrupt?
Update: Auch die NachDenkSeiten.de haben sich mit einer eingehenderen Analyse dieses manipulativen Spiegel-Artikels und des Meinungsmacher-Institutes Berlinpolis angenommen. Unbedingt lesen: Manipulatives Zusammenspiel von SpiegelOnline und berlinpolis zur Ehre CDU/CSU-regierter Bundesländer. Die Autorin des Spiegel-Artikels, so NachDenkSeiten.de, ist mit Berlinpolis verbunden. Spiegel.de ist somit ungefiltertes Sprachrohr eines politischen PR-Institutes wie Berlinpolis. Arme Spiegel-Leser...

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Dienstag, 21. November 2006

Medien kontern Killerspiel-Verbotsrufe

Es scheint so, dass die Politiker-Clique, die die tragischen Ereignisse in Emsdetten zur eigenen Profilierung verwenden möchte, zumindest in einigen Medien auf aufklärerischen Gegenwind stößt. Die populistische Forderung nach einem Verbot sogenannter "Killerspiele" (Welt.de: Amoklauf: Innenminister will Killerspiele per Gesetz verbieten) zieht jenseits von Bild-"Zeitung" und Co. anscheinend nicht mehr so stark.

Hier einige Artikel, die heute erschienen und sich entweder explizit kritisch mit der Verbotsforderung auseinandersetzen oder die Meinung von Experten denen der Politiker entgegenstellen:

  • Tagesschau.de: "Schule kann die Hölle sein". Ein Interview mit einem Kriminalpsychologen.
  • Ein kritischer Kommentar bei Welt.de: Die unnützen Reflexe überforderter Politiker.
  • Zeit.de mit einem lesenswerten Interview mit einem Pädagogen: "Wir haben die falschen Lehrer". Trotz des Titels wird im Interview längst nicht einseitig die Schuld den Lehrern zugeschoben.
  • Selbst Süddeutsche.de, wo in der Vergangenheit oft haarsträubende Artikel zur Gefahr von Computerspielen oder Computern im Allgemeinen (Computersucht!)erschienen, widmet sich dem Thema dieses Mal streng wissenschaftlich. Vorgestellt werden kurz sämtliche Theorien der Psychologie bezüglich des Einflusses von Medien auf das menschliche Verhalten und Erleben. Keine Bange, der Artikel versucht sich so kurz und verständlich wie möglich zu fassen. Mein Kompliment!: Mörderische Medien - Was sagt die Wissenschaft?
  • Und noch ein Artikel von Süddeutsche.de, in dem Thomas von Treichel von den World Cyber Games kurz etwas über das Computerspiel "Counter-Strike" erzählt (Counter-Strike steht bei den Killerspiel-Verbots-Politikern ganz oben auf der Liste): "Counter-Strike ist nicht realitätsnah"
Soweit heutige Artikel zum Thema. Das hervorragende Weblog "d-frag.de" hatte jedoch schon vor Kurzem einen klasse Artikel geschrieben zum Thema "Killerspiele" und den Verbotsforderungen. Anlass war ein extrem schlecht recherchierter, sehr tendenziöser Beitrag im ZDF-TV-Magazin "Aspekte": Wie Kinder Spaß am Morden finden.

Hier noch einige aussagekräftige Zitate aus den oben verlinkten Artikeln:

Uwe Schünemann (CDU) will mit einer Bundesratsinitiative ein Verbot von Killerspielen erreichen. Ziel sei ein Herstellungs- sowie ein Verbreitungsverbot, sagte ein Sprecher des Ministeriums. Ein Herstellungsverbot sei zwar schwer umsetzbar, da der Großteil der Baller-Spiele im Ausland programmiert werde.
(Welt.de: Amoklauf: Innenminister will Killerspiele per Gesetz verbieten)

Herstellungsverbot heißt also, dass auch den erwachsenen, mündigen Bürgern der Zugang zu derartigen Computerspielen verwehrt werden soll. Ungeachtet der bestehenden Gesetze, die bereits jetzt z.B. die Verherrlichung von Gewalt unter Strafe stellen, soll laut Schünemann eine staatlich kontrollierte Institution die Zensur von Kulturprodukten ausüben.

Schule kann die Hölle sein. Sie ist ein wichtiger Lebensabschnitt, für den man sein ganzes Leben verantwortlich machen kann. Für Versagen und natürlich auch für Glück. Es ist ein Ort in einer wichtigen Zeit, in der man sich täglich auseinandersetzen muss mit Aggression, Kränkung, Lob, Tadel und auch Mobbing. Man steckt in dieser Zeit unheimlich viel ein, das man auch als Menschenrechtsverletzung bezeichnen könnte.
(Tagesschau.de: "Schule kann die Hölle sein")

Der Ruf nach dem Jugendschutzgesetz bedeutet auch, dass schnell eine schnelle Lösung herbeigesehnt wird, statt sich Gedanken über den Umgang mit den Kindern zu machen.
(Welt.de: Die unnützen Reflexe überforderter Politiker)

Wir machen in zweifacher Hinsicht Druck auf die Kinder und Jugendlichen, und insbesondere die deutsche Schulkultur sondert Kinder mit bürokratischer Kälte aus. Das darf man nicht. Meine jüngste Tochter ist in der vierten Klasse, und da sagen die Kinder schon untereinander: Mit dir spiel ich nicht mehr, du kommst nur auf die Hauptschule. Wir nehmen vielen Jugendlichen den Rest von Zukunftsglauben und damit auch die Grundlage jeder Motivation
(Zeit.de: "Wir haben die falschen Lehrer")

Die Erfahrung und Beobachtung von Gewalt hat, insbesondere nach der weithin akzeptierten Lerntheorie von Bandura, vermutlich eine Wirkung, besonders auf junge Menschen. Und diese Wirkung kann negativ sein. Doch niemand, so sind sich die meisten Wissenschaftler einig, wird allein durch den Konsum von Mediengewalt zum Kriminellen oder gar zum Mörder. Hier spielen andere Faktoren eine wichtigere Rolle, die sich auf die Entwicklung eines Kindes auswirken - beispielsweise reale Gewalt im familiären Umfeld.
(Süddeutsche.de: Mörderische Medien - Was sagt die Wissenschaft?)

Computerspiele sind Werkzeuge zur Kommunikation, nicht zur Feindschaft. Analogien für Counter-Strike liegen eher bei den klassischen Brettspielen als in der Realität.
(Süddeutsche.de: "Counter-Strike ist nicht realitätsnah")

Egal, ob das Gespielte Kinder oder Jugendliche wirklich in ihrer charakterlichen Entwicklung beeinträchtigen könnte. Vom Markt gehört, was Verbrechen zeigt. Um sich der Wirkung auf das Publikum ganz sicher zu sein, flechte man das Wort "vergewaltigt" irgendwo ein. Denn im Gegensatz zu den anderen Beispielen, bei denen der Zweck im Rahmen einer Roman-, Film- oder Spielehandlung schon mal die Mittel heiligt, schließlich hat selbst Robin Hood die Reichen beraubt, um den Armen zu geben, schließlich hat James Bond die Welt mehr als einmal gerettet, indem er den Erzbösewicht tötete, sind Vergewaltigungen durch und durch verabscheuungswürdig. Niemand will einen Vergewaltiger spielen. Und deshalb gibt es, soweit mir bekannt ist, auch keine Spiele, in denen man das könnte [...].
(D-frag.de: Wie Kinder Spaß am Morden finden)

Die Forderung eines Verbotes von Killerspielen hat für mich also folgende Schieflagen:
  • Der noch harmloseste Aspekt ist, dass Computerspiele häufig auf "Killerspiele" reduziert werden. Eine ganze Kulturgattung wird hier schnell geächtet.
  • "Killerspiele" sind häufig gar keine Killerspiele, sondern strategisch, taktische Spiele in etwas martialischerem Gewand.
  • Computerspiele oder Medien verursachen keine Gewalt, können aber die Gewaltbereitschaft erhöhen, sofern der Jugendliche bereits Opfer realer Gewaltstrukturen wurde.
  • Das Schreien nach einem Verbot von Killerspielen lenkt ab von der Beschäftigung mit den wahren Ursachen, nämlich den realen Gewaltstrukturen in Schule und Gesellschaft. Die Schule in ihrer Art so zu ändern, dass sie unterstützend für Schüler und Eltern auftritt und nicht aussortierend und vernichtend, erfordert jedoch vorsichtige und komplizierte Lösungen, die außerdem teuer sind. Das scheint den Killerspiel-Politikern zu aufwändig zu sein.
Gut, dass die Medien anfangen, die Pseudolösungen von Wiefelspütz, Bosbach, Schünemann und Schönbohm zu hinterfragen. Die genannten Politiker fangen an, sich bei dem Thema zu blamieren statt zu profilieren. So soll es sein.

Update: (Via Netzpolitik.org) Auch Spiegel.de bringt jetzt einen ausführlichen Artikel, der den Thesen der Killerspiel-Politiker widerspricht: Egoshooter-Debatte: Rohrkrepierer gegen Ballerspiele

Update 2: Wann schafft die TAZ sich endlich mal 'nen RSS-Feed an? Aber Netzpolitik.org hat aufgepasst. Hier drei weitere Artikel zum Thema. Von der TAZ:Update 3: ZDF.de mit einem ganz brauchbaren Artikel, der zu beschreiben versucht, wie diese angeblich so hoch gefährlichen "Killerspiele" eigentlich im Detail auf dem Bildschirm aussehen und was sie dem Spieler bieten. Beschrieben werden Doom und Counterstrike: Killerspiele - Die üblichen Verdächtigen.