Mittwoch, 6. Juni 2007

"Frontal 21" - das TV-Magazin mit dem Spin

Das ZDF-Politik-Magazin "Frontal 21" brachte gestern einen Bericht über den "Schwarzen Block" und sein Wirken auf der Demonstration am Wochenende in Rostock.

Größtenteils stellt der Bericht korrekt dar, dass der Schwarze Block anders ist als die anderen Demonstranten. Dass er straff durchorganisiert ist mit klaren Anführern und dass der Schwarze Block gezielt und in organisierter Weise Randale macht: Fensterscheiben werden eingeschmissen, ein bis drei Autos in Brand gesteckt, Parkautomaten geplündert und Polizisten und Polizeiwagen mit Steinen beworfen.

Soweit die Fakten. Aber Frontal 21 wäre nicht Frontal 21, wenn man nicht einen wunderschönen, kleinen Dreh in die Geschichte einbauen würde.

So fragt die Stimme aus dem Off beispielsweise, warum - als in organisierter Weise eine größere Zahl von Mitgliedern des Schwarzen Blocks ein Polizeiauto mit Steinen bewirft - die Menge der anderen Demonstranten nicht eingreifen würde. So als ob nicht klar zu sehen sei, dass das Geschehen am Rande der Demonstration stattfindet und außerdem noch vor den vorübergehenden normalen Demonstranten durch Mitglieder des Schwarzen Blocks abgeschirmt wird. Und so als ob nicht klar sei, dass normale Demonstranten wohl in ihrer unorganisierten Weise nicht dazu in der Lage wären, hier einzuschreiten. Wo schon die Polizei anscheinend überfordert ist, sollen nun normale Demonstranten ungeschützt sich den Gewaltaktionen des Schwarzen Blocks in den Weg stellen?

Ich gebe den Text der Off-Stimme ab Zeitcode 5:30 Minuten bis Zeitcode 6:38 Minuten ansonsten einfach einmal hier als Zitat wieder:

19:20 Uhr. Die Demonstration gerät vollends außer Kontrolle. Der Schwarze Block sucht und findet Zuflucht unter den Demonstranten auf dem Festgelände. Wasserwerfer der Polizei treiben die Menge bis dicht an die Bühne. 'Zieht euch zurück' ruft einer von der Bühne herab. Er meint die Polizei, nicht den schwarzen Block.

Nur wenige der G8-Kritiker distanzieren sich so deutlich von der Gewalt wie Monty Schädel.

Monty Schädel (Deutsche Friedensgesellschaft): 'Ich grenze mich ganz klar von Steineschmeißern ab. Die haben die Demonstration, den Konsens, den wir hier in anderthalb Jahren zusammengeflickt haben, gefährdet. Haben ihn missachtet und haben die Demonstration und unsere Inhalte diskreditiert.'

Andere suchen immer noch nach Rechtfertigungen.

Christoph Kleine (Interventionistische Linke): 'Bei einigen ist es das Gefühl in Notwehr gegen einen Angriff handeln zu müssen. In anderen Fällen ist es schon auch so, natürlich haben Leute auch von sich aus die Auseinandersetzungen gesucht. Das finden wir falsch.


Mir fällt auf: Warum die Demonstration "außer Kontrolle" gerät, wird nicht beschrieben. Könnte es nicht eventuell am Vorgehen der Polizei gelegen haben, nun, nachdem sich Mitglieder des Schwarzen Blocks unter den normalen Demonstranten vor der Bühne versteckten, mit Wasserwerfern gegen diese große Menge an normalen Demonstranten vorgegangen zu sein? Wird dadurch nicht auch der Ruf von der Bühne in Richtung der Polizei verständlich, sich zurückzuziehen? Welchen Zweck verfolgte die Polizei bei ihrem Vorgehen mit Wasserwerfern gegen die große Menge normaler Demonstranten auf dem Festgelände? Wie muss man sich als Demonstrant fühlen, der die ganze Zeit vor der Bühne stand und nun mit anrückenden Wasserwerfern konfrontiert wird? Wer lässt hier also die Situation vollends außer Kontrolle geraten? War das Vorgehen des Schwarzen Blocks nicht absehbar? Wurden dagegen nicht längst Strategien auf Seiten der Polizei entwickelt? Warum kamen diese seit den 70iger Jahren vorhandenen Polizeistrategien hier nicht zum Einsatz?

Auch die Aussage der Off-Stimme, dass sich nur wenige Demonstranten so deutlich wie Monty Schädel von der Gewalt distanzieren, ist eine ziemlich freche Unterstellung von Frontal 21. Und wo bitte schön ist in den Aussagen von Christoph Kleine eine Rechtfertigung für Gewalt zu finden? Kleine schildert lediglich, was in manchen Köpfen vor sich gehen mag, er stellt anschließend ja sogar noch einmal dar, dass er Gewalt falsch findet.

Fernsehen eignet sich hervorragend, um unterschwellig Botschaften zu transportieren. Man kann als Zuschauer nicht alles sofort aufnehmen und lässt sich deshalb gerne von der Stimme aus dem Off lenken beim Anschauen derartiger TV-Beiträge. Glücklicherweise gibt es jetzt die Möglichkeit, sich derartige Fernsehberichte noch einmal in Ruhe samt Vor- und Zurückspulen im Internet anzugucken. Da verliert die Stimme aus dem Off ihre Suggestivkraft. Frontal 21 sollte sich darauf einstellen und aufhören mit diesen Manipulationsversuchen.

Technorati-Tags: , , , ,

2 Kommentar(e):

ninjaturkey hat gesagt…

Zunehmend fällt die einseitige Berichterstattung und Wortwahl zu Ungunsten der Demonstranten in den Medien auf. Und ich meine nicht BILD, sondern die Tagesthemen, oder Die Zeit! Vorhin in der aktuellen Stunde (WDR) wurde z.B. der Eindruck erweckt, die Staatschefs hätten zum Tagungsort fliegen MÜSSEN, da die Demonstranten die Zufahrtswege blockiert hätten. Dass erste die Veranstaltung ausschließlich per Helikopter besuchen und verlassen, wurde nicht erwähnt. Da scheint die Schere im Kopf bei unsere Qualitätsjournalisten schon fleißig am schnippeln zu sein. Oder wars doch eher der Unmut darüber, durch eben diese Blockaden in der Hofberichterstattung leicht gehindert zu sein (anstatt mit der Bimmelbahn wurden Journalisten per Boot zum Empfang kutschiert).

Don Pepone hat gesagt…

Das ganze Problem liegt schon in der Tatsache begründet, daß überhaupt über die Ausschreitungen berichtet wird. In dem Moment, in dem keine Infos über Ausschreitungen über die Medien berichtet würden, hätte man dieser kleinen Zahl von Chaoten jede Grundlage ihres Verständnisses von Protest genommen. Tatsächlich scheint das Verhalten der Medien aber auf genau diese Situation gewartet zu haben, denn Berichte über friedl. Demonstrationen rufen nicht annähernd soviel Interesse und Diskussionswut in der Öffentlichkeit hervor... die Medien suchen ausschl. den eigenen Vorteil.