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Mittwoch, 9. Januar 2008

Was sagt die Nichtbeachtung der eigenen und fremden Privatsphäre über einen Menschen aus?

Die Frankfurter Rundschau berichtet über Proteste einiger Nutzer der Online-Community-Plattform StudiVZ gegen die neuen AGB bei StudiVZ:

Seine Freunde bei der Studenten-Plattform StudiVZ zu finden, ist derzeit gar nicht so leicht. Gibt man links oben in das Feld "Leute finden" den Namen eines Kommilitonen ein, der Mitglied ist, kann es sein, dass keine Treffer angezeigt werden. Denn die Verunsicherung unter den Mitgliedern des StudiVZ ist groß. Viele haben ihre Nachnamen geschwärzt, nennen sich Aloe Vera oder Lore Ley, wollen auf ihren Profilseiten nicht mehr über sich verraten als unbedingt nötig.

Für ihre Verunsicherung haben vor allem die neuen Geschäftsbedingungen gesorgt, die am Mittwoch in Kraft treten. Sie erlauben den Betreibern des StudiVZ, Profile und Aktivitäten der Nutzer zu Werbezwecken auszuwerten. (Quelle: FR-Online.de)


Erfolgreiche Firmen, wirklich erfolgreiche Firmen - und nicht Firmen, die ihren wirtschaftlichen Erfolg durch Korruption oder durch die Ausbeutung von Mitarbeitern via Sklavenlohn erzielen - wissen um den Wert eines guten Arbeitsklimas. Ein gutes Arbeitsklima besagt, dass beispielsweise angstfrei gearbeitet werden kann, dass die Mitarbeiter gegenseitig Respekt voreinander haben und zeigen und so weiter. Diese Firmen wissen auch , dass beispielsweise Mobbing eine tödliche Infektion ist, die die Gesundheit, Arbeitsfähigkeit, Kreativität und Motivation ganzer Abteilungen vernichten kann.

Diesen Firmen ist logischerweise deswegen auch die soziale Kompetenz ihrer Mitarbeiter wichtig.

Und nun frage ich: Wer ist sozial kompetenter? Derjenige, der bei StudiVZ trotz der nun zu befürchtenden Werbeattacken und trotz der Gefahr des Missbrauchs seiner Daten vieles über sich, seine Person und sein Leben preis gibt? Oder nicht derjenige, der um die Wichtigkeit persönlicher Daten und um die Bedeutung der Privatsphäre weiß?

Sollte man nicht davon ausgehen, dass derjenige, der sich um seine eigene Privatsphäre sorgt, sich auch mit höherer Wahrscheinlichkeit um die Privatsphäre seiner Mitmenschen sorgt und auf sie achtet? Denn er zeigt ja durch sein Verhalten, dass er der Privatsphäre Bedeutung zuspricht. Zeigt dieses Wissen um die Bedeutung der Privatsphäre nicht indirekt auch, dass dieser Jemand vermutlich auch allgemein weiß, dass man im menschlichen Miteinander sorgsam miteinander umgehen muss? Dass jeder persönliche Grenzen hat, die man nicht verletzen sollte?

Das Beachten der eigenen und der fremden Privatsphäre heißt meiner Meinung nach, dass man versteht, dass man sich und das Gegenüber als Person ernst nimmt. Wer jedoch den Sinn des Schutzes der eigenen Privatsphäre nicht versteht, hat meiner Meinung nach ein heftiges Defizit bei seinen sozialen Fähigkeiten.

Wen sollte eine um das eigene Arbeitsklima, um das soziale Miteinander besorgte, oder auch schlicht beispielsweise um Betriebsgeheimnisse besorgte Firma also eher einstellen? Jemanden, der bei StudiVZ als Nutzer auf den Datenschutz augenscheinlich pfeift, oder jemanden, der dort und woanders möglichst viele seiner Daten zu verbergen weiß?

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Samstag, 8. Dezember 2007

Polizeichefs attackieren jetzt auch mit neuen Überwachungsforderungen das Grundgesetz

Eigentlich hatte ich vor, auch noch einen Artikel zu schreiben über die unmöglichen Antworten, die die Bundesregierung auf eine kleine, parlamentarische Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion zur sogenannten "Quellen-Telekommunikationsüberwachung" gegeben hatte. Ich wollte mich aufregen darüber, dass die Bundesregierung es für völlig okay hält, wenn Polizeibeamte zum Zwecke der Überwachung von verschlüsselten Voice-over-IP-Telefongesprächen einfach heimlich in die Wohnung von Verdächtigen eindringen und dass dieses Eindringen angeblich mit der vom Gesetz garantierten "Unverletztlichkeit der Wohnung" nichts zu tun habe. So als ob die Beamten sich von der Wohnungstür direkt zum Computer teleportieren könnten, wie Kai Raven so trefflich schreibt, und nicht nach links und rechts schauen würden in der Wohnung und nur schnell die Schnüffelsoftware auf dem Computer installieren würden und das war's.

Dieses Spiel mit Interpretationen darüber, was die Unverletzlichkeit der Wohnung ist, ist zutiefst unwürdig für eine Regierung, die angeblich die Freiheitsrechte seiner Bürger schützen will. Entweder Sex oder kein Sex, entweder man betritt die Wohnung heimlich und verletzt dabei die Grenzen und Rechte des Wohnungsinhabers, oder man bleibt draußen. Wenn das kein Beispiel für das von George Orwell beschriebene "Zwiedenken" ist, dann weiß ich auch nicht. Verrückter als dieses Verdrehen einfacher Wahrheiten durch die Bundesregierung ist höchstens noch das - wie immer - lärmende Schweigen und stumme Echo, das derartige Äußerungen der Bundesregierung in den deutschen Medien hervorruft. Da muss der aufmerksame Beobachter doch zu dem Schluss kommen, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht.

Aber bevor man sich noch über die eine Sache richtig aufregen kann, folgt schon der nächste Klopper. Dieses Mal ausnahmsweise nicht von Schäuble und Merkel, sondern von den höchsten Polizeichefs Deutschlands.

So sollen die Chefs der deutschen Landeskriminalämter und natürlich Jörg Ziercke, Chef des Bundeskriminalamtes, nun auch den sogenannten "Großen Spähangriff" auf Wohnungen, sprich heimliche Videokameras in Wohnungen, gefordert haben, sowie auch die präventive Telefonüberwachung von Leuten, die noch überhaupt gar keiner Tat verdächtigt werden. Außerdem soll ihrer Meinung nach die Überwachung von Internetcafés intensiviert werden und der Einsatz von W-Lan-Catchern bundesweit möglich werden.

Spiegel.de berichtet über einen Bericht, der ab Montag in der Tote-Holz-Ausgabe vom Spiegel zu lesen sein wird.

Die Polizeichefs verlassen mit ihren Vorschlägen natürlich ganz klar den Boden des Grundgesetzes. Um das festzustellen, reicht es schon, die Urteilsbegründungen des Bundesverfassungsgericht zum "Großen Lauschangriff" zu kennen. Liest man die, wird auch deutlich, dass auch eine Änderung oder Erweiterung des Grundgesetzes kaum dazu führen kann, einen "Großen Spähangriff" zu realisieren, denn in jedem Fall wäre bei einem Großen Spähangriff noch mehr als beim Großen Lauschangriff die Würde des Menschen bedroht. Die ist jedoch als oberstes zu schützendes Gut im Artikel 1 des Grundgesetzes unabänderlich festgezurrt.

Natürlich könnte man das Grundgesetz als Ganzes abschaffen. Und genau darauf zielen meiner Meinung nach letztlich die diversen Vorstöße von bestimmten Ministern der Bundes- und Länderregierungen und von bestimmten Behördenchefs ab. Michael Stolleis hat es in einem Artikel bei Online-Merkur.de trefflich beschrieben, wie die neue Doktrin von einem angeblichen "Grundrecht auf Sicherheit" darauf abzielt den freiheitlichen Rechtsstaat letztlich abzuschaffen. Wir leben also in immer gefährlicher werdenden Zeiten. Und zwar nicht wegen irgendeines Terrorismus von Außen, sondern wegen eines Terrorismus von Innen, aus dem "Apparat" heraus. Hier wird mit dem Feuer gespielt. Und das Feuer haben nicht die Bürger, die für Freiheitsrechte und Rechtsstaat und Datenschutz einstehen, angezündet.

Geschichte wiederholt sich also. Wie bei der Weimarer Republik wird der Staat als zu schwach dargestellt und als hilflos dargestellt von den Feinden der Demokratie - einhergehend mit der Forderung, Rechtsstaat und Demokratie abzuschaffen, um angebliche Sicherheit herzustellen.

Das ganz praktische Problem bei den nun von den Polizeichefs geforderten Überwachungsbefugnissen lautet: Jeder normale Bürger kann sehr schnell durch dumme Zufälle oder übertriebenes Vorgehen der Behörden in ein Netz von Verdächtigungen geraten und müsste dann nach den Plänen dieser "ehrenwerten" Herren einen umfassenden Angriff auf seine persönliche Integrität, sein Selbstbild, seine Würde, sprich auf das, was ihn als Menschen ausmacht, hinnehmen. Man könnte auch von einer Folter durch Überwachung sprechen, deren traumatische Wirkung dann voll zur Entfaltung käme, wenn der Verdächtige erfährt, dass der Staat wochenlang oder gar monatelang in jede seiner Poren geblickt hat.

Worin bestünde noch der Unterschied zwischen einem Leben in einer voll überwachten Wohnung und dem Leben in einer Gefängniszelle? Ach, richtig: in der Gefängniszelle hat man mehr Privatsphäre und mehr Rechte. Man weiß da nämlich zumindest um seine Situation und kann anwaltliche Hilfe in Anspruch nehmen und sich aktiv gegen seine Situation wehren. Wohl dem, der also schnell eingesperrt wird und wehe dem, gegen den nur schwache Verdächtigungen vorliegen und der deshalb über Monate heimlich intensiv überwacht wird, um so handfestere Beweise gegen ihn zu sammeln.

Weil nach der Einführung derartiger Überwachungsmethoden die tatsächliche Schwellenhöhe für den Einsatz der Methoden anschließend erheblichen Schwankungen unterliegt (man beachte nur den exorbitanten Anstieg der Telefonüberwachungen in Deutschland in den letzten zehn Jahren), wird alleine die Existenz der Möglichkeit, dass der Staat Bürgern jeglichen Rückzugsraum, jegliche Privatsphäre entziehen kann, schweren Schaden im Verhältnis normaler Bürger zu ihrem Staat anrichten.

Denn Privatsphäre ist kein Luxus, sondern sie ist eine wesentliche Bedingung für ein selbstbestimmtes Leben. Sie ist eine wesentliche Bedingung dafür, dass ich mich als autonomes Wesen erlebe. Sie ist die Bedingung, dass ich mir selbst gegenüber und anderen Menschen gegenüber ein bestimmtes Bild meiner Person aufbauen kann. Ein Mensch, der beständig in der Öffentlichkeit steht oder sich beständig überwacht wähnt (er braucht noch nicht einmal tatsächlich überwacht zu werden!), entwickelt langfristig ganz unzweifelhaft psychische Störungen, weil er keine Kontrolle mehr hat über einen wichtigen Teil seines Lebens, oder weil er meint, darüber keine Kontrolle mehr zu haben. Psychologen wissen, dass die eigene Identität von jedem Menschen aktiv hergestellt wird. Identität ist nicht einfach da, sie wird konstruiert. Eine selbstbestimmte Identität kann nur aufgebaut werden, wenn man auch die Macht über die Grenzen seiner Privatsphäre hat. Das erlebt spätestens jeder Mensch als heranwachsender Jugendlicher und das erzeugt unter anderem die bekannten Spannungen zwischen Kindern und Eltern. Wenn Teenager also anfangen, ihre Privatsphäre und ihre Identität unabhängig von den Eltern zu bestimmen. Privatsphäre macht das Erwachsensein, sprich das selbstbestimmte Leben aus und damit einen Großteil der Würde jedes Menschen.

Wer derartige Vorschläge macht wie unsere Polizeichefs, den fordere ich schlicht auf wegen seiner Ignoranz gegenüber der Wichtigkeit der Privatsphäre fürs Menschsein doch einfach einmal umzuziehen in den Zoo und sich wie die Affen in eine Unterkunft mit einer großen Glaswand an einer Wandseite einquartieren zu lassen, durch die dann alle Zoobesucher einen beim Wohnen und Leben zugucken können. Vielleicht wird ihm dann die Bedeutung der Privatsphäre als Fundament einer freiheitlichen Gesellschaft deutlicher.

Was für ein furchtbares Land, in dem Polizeichefs, vermutlich ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, derartige Vorschläge machen!

Das wirklich Schlimme ist aus meiner Sicht, dass diese Vorschläge überhaupt gemacht wurden. So als ob die Polizeichfes nicht wüssten, dass ihre Vorschläge niemals am Bundesverfassungsgericht vorbei kämen. Diese Vorschläge sind also die pure Provokation. Ich befürchte, dass genau diese Provokation gewollt ist. Dass es also gar nicht wirklich um die Realisierung der vorgeschlagenen neuen Polizeibefugnisse geht (weil utopisch vor dem Hintergrund des Urteils des Bundesverfassungsgerichts zum Großen Lauschangriff), sondern dass die Provokation selbst das eigentliche Ziel ist.

Vielleicht wollen die Polizeichefs bewusst das Vertrauen der Bürger in die Polizei unterminieren. Ich befürchte, dass hier eine ganz bewusste Strategie der Destabilisierung des Staates verfolgt wird - vielleicht mit Rückendeckung einiger Unions-Minister.

Der Bürger wird sich wegen dieser haltlosen Forderungen nach immer mehr Überwachung und immer weitergehenden Polizeibefugnissen nicht sicherer fühlen. Im Gegenteil. Meine Eltern beispielsweise wollen das gar nicht hören, wenn ich ihnen mal wieder eines dieser Beispiele erzähle, bei denen die Polizei über die Stränge schlug. So wie neulich in Bayern, als ein Sondereinsatzkommando das Haus einer Familie stürmte, weil die Polizei aufgrund vager Gerüchte gehört hatte, dass der Familienvater eventuell für einen Farbklecks am Geburtshaus des Papstes verantwortlich sein könnte. Es schaudert meine Eltern. Man merkt ihnen ihre Angst an.

Das Spiel geht also wie folgt: Die Bürger fühlen sich durch die Reden und Taten unserer Sicherheitsbehörden und "Sicherheits"-Politiker verunsichert. Diese Verunsicherung wird dann sogleich jedoch paradoxerweise wieder zum Kraftstoff für die Unterstützung noch weitergehender Befugnisse für die Sicherheitsbehörden. Ein sich selbst verstärkender Kreis, an dessem Ende die weitgehende Abschaffung bürgerlicher Freiheitsrechte steht. Hier zeigt sich ein Mechanismus, durch den sich eine Demokratie mit tatwilliger Unterstützung großer Bevölkerungsmehrheiten selbst abschafft.

Die verrückten Vorschläge der Polizeichefs sollten also spätestens jetzt all diejenigen aufrütteln, die bislang immer noch dachten, dass das Tamtam um Bundestrojaner und Vorratsdatenspeicherung und um Schäubles Vorschläge und Aussagen zur präventiven Tötung von Verdächtigen oder zur angeblichen Unausweichlichkeit von Guantanamo und all die anderen Vorschläge nur ein parteipolitisches Profilierungsspielchen war.

Es geht also bei der Frage um mehr Befugnisse für Polizei und Geheimdienste um nichts weniger als die Zukunft der Demokratie in Deutschland.

Nachtrag: (Via Antiterror.Blog.de) Das Bundeskriminalamt fordert jetzt wohl auch noch zusätzlich zum oben dargestellten Maßnahmenkatalog die heimliche Wohnungsdurchsuchung, wie Taz.de berichtet:

Stellen Sie sich vor, Sie kommen nach Hause. Der Sessel scheint aber nicht genau da zu stehen, wo er immer steht. Und die Zahnbürste liegt links vom Zahnputzbecher statt wie üblich rechts. War da etwa jemand in der Wohnung? Bisher konnte man ausschließen, dass die Polizei heimlich die Wohnung durchsucht hat [...]. Die Argumente für die heimliche Durchsuchung sind die gleichen wie für die geplante heimliche Ausspähung von Computer-Festplatten. Man würde gerne sofort wissen, was in der Wohnung zu finden ist, ohne aber den Verdächtigen und seine möglichen Hintermänner bereits zu warnen. Und wenn die Polizei sogar bald via Spionagesoftware auf Computer in der Wohnung zugreifen kann, warum sollte sie dann nicht erst recht mit einem Dietrich in die Räume eindringen und mal in den Schreibtisch und unters Bett schauen dürfen. Schließlich ist so ein Einbruch technisch ja viel einfacher. (Quelle: Taz.de)


Diese letzte Forderung komplettiert das Bild, das schon durch die weiter oben erwähnten Vorschläge sichtbar wurde. Die unrechtsstaatliche, undemokratische Einstellung der deutschen Polizeichefs kann kaum mehr überdeckt werden. Eigentlich wäre die sofortige Entlassung bis spätestens Montag Mittag fällig - aber die Vorschläge folgen ja der inhaltlichen Linie bestimmter einflussreicher Politiker in Deutschland. Ich kann mir jedoch keinen Bürger mit Restverstand vorstellen, der derartige Polizeibefugnisse begrüßen würde.

Die Vorschläge der Polizeichefs stellen eine gefährliche Eskalationsstufe dar. Man kann nur hoffen, dass sich dadurch bestimmte Hitzköpfe nicht provozieren lassen. Denn genau solch eine Wirkungsweise dieser polizeilichen Provokationen könnte manchem politischen Hasardeur nicht unwillkommen sein. Der Rest der vernunftbegabten Politiker sollte aufpassen, dass ihnen die Situation nicht entgleitet, falls Teile der Politik sich die unverantwortlichen Vorschläge der Polizeichefs zu eigen machen sollten.

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Sonntag, 2. Dezember 2007

Geld für PISA-Testteilnahme: Welche Folgen hat das?

Ich lese gerade in mehreren Artikeln, dass manche Länder beim PISA-Test den Schülern für ihre Teilnahme Geld oder Gutscheine übergaben - für die Teilnahme an sich und wohl nicht je nach ihrem Abschneiden beim PISA-Test.

Und ich merke den Medienberichten eine gewisse Konfusion an, weil davon gesprochen wird, dass die Wissenschaftler sich uneins seien, ob solch eine Entlohnung oder "Aufwandsentschädigung" nun die Ergebnisse beeinflusst haben könnten oder nicht.

Hier muss man zwischen zwei Beeinflussungsmöglichkeiten unterscheiden:

1.) Es könnte sein, dass bei den Schülern die Leistungsmotivation beim Durchführen des Testes erhöht wurde und sie so bessere Leistungen abgaben als jene Schüler, die für die Teilnahme nichts bekamen.

Hier wird berichtet, dass Vortests ergaben, dass solch ein leistungssteigernder Effekt anscheinend beim PISA-Testkatalog nicht signifikant nachgewiesen werden konnte. Eigentlich sollte ein Test, der das Wissen abfragen will, auch so konstruiert sein, dass er nicht die Motivation der Schüler misst, sondern eben ihr Wissen. Es wäre also ein schlechtes Zeichen für die Validität des PISA-Tests, wenn kleinere Motivationsunterschiede der Schüler bereits große Auswirkungen hätten auf das Test-Ergebnis. Es ist davon auszugehen, dass man bei der Konstruktion des PISA-Testverfahrens darauf geachtet hat, solch eine Verfälschung des Ergebnisses durch die Motivation der Kinder möglichst auszuschließen. Außerdem kann man davon ausgehen, dass Schüler, die am Test teilnehmen - egal ob sie dafür Geld bekamen oder nicht - allgemein daran interessiert sind, gut abzuschneiden. Eine normal hohe Motivation kann also erwartet werden. Geldgeschenke können diesen Motivationsgrad vermutlich kaum dermaßen anheben, dass die Leistungsergebnisse signifikant ansteigen. Dies zeigen unterschiedliche psychologische Studien zur Wirkung der Entlohnungshöhe auf die Leistungsbereitschaft. Nicht die tatsächliche Höhe der Entlohnung spielt hierbei die größte Rolle, sondern die Wahrnehmung der Entlohnung als angemessen. Schon das eigene Selbstbild drängt einen normalerweise dazu, sich einigermaßen intensiv anzustrengen. Erleben die Kinder die Teilnahme am PISA-Test also nicht als unfair, sollte auch bei einer nicht vorhandenen Aufwandsentschädigung bei der Mehrheit der Schüler eine normal hohe Motivation gegeben sein. Ausreißer nach unten hinsichtlich der Motivation, also Schüler, die absolut nicht motiviert sind und sich bewusst verweigern, sollten durch im Test eingebaute Vorgaben aussortiert werden können oder sich statistisch ausgleichen.

2.) Schwerer wiegt die Vermutung, dass dank der finanziellen Anreize sich vor allem nur bestimmte Schüler für die Teilnahme am PISA-Test meldeten. Statt also einen Durchschnitt aller Schüler eines Landes zu messen, hätte man dann nur jene Schüler gemessen, die den Test vielleicht eher nicht freiwillig durchgeführt hätten. Denkbar ist auch, dass es rund um die Implementierung einer Zahlung einer Aufwandsentschädigung andere Auswahleffekte gegeben hat. Vielleicht wurden so beispielsweise über die Möglichkeit, am Test teilzunehmen (und sich mal eben 50 Dollar zu verdienen) nur jene Schüler informiert, die allgemein gut informiert sind über das, was an ihrer Schule vorgeht. Oder vielleicht wurden von Lehrern sogar gezielt Schüler mit der Möglichkeit der Teilnahme "belohnt"? Aus der Testteilnahme könnte so durch die Aufwandsentschädigungen ein begehrtes, knappes Gut geworden sein, das sich vor allem erfolgreichere Schüler angeln konnten als Möglichkeit für einen kleinen Zusatzverdienst.

Das Problem wäre also weniger, dass Schüler durch Geschenke stärker motiviert wurden bei der Durchführung des Tests, sondern dass die Einführung einer Aufwandsentschädigung in manchen Ländern einhergegangen sein könnte mit einer speziellen Auswahl spezieller Schüler. Dies wäre jedoch kein Fehler am Testdesign des PISA-Tests selbst, sondern ein Fehler bei der Durchführung des PISA-Tests. Anders gesprochen: Wer ein Messinstrument falsch anwendet, darf sich nicht wundern, wenn er unbrauchbare Messergebnisse bekommt. Wer die Temperatur nicht im Schatten, sondern in der Sonne misst, darf sich nicht wundern, wenn er andere Messergebnisse bekommt als die der örtlichen Wetterstation.

Aber ich weiß schon, wie man diese neuen Nachrichten rund um den PISA-Test am Montag in Deutschland politisch kommentieren wird. Und das weiß ich, obwohl ich keine Kristallkugel im Schrank habe.

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Freitag, 30. November 2007

Sind PISA-Testergebnisse pure Ideologie?

Tests wie beispielsweise der PISA-Test zur Erfassung des Lernerfolges bei Schülern sind hochkomplexe Produkte. Sie werden in mehreren Stufen nach international anerkannten, wissenschaftlichen Kriterien konstruiert. Das Gebiet der "Testkonstruktion" ist ein eigenständiger Forschungsbereich innerhalb der Sozialwissenschaften wie beispielsweise der Psychologie.

Solch ein Test, ob nun der PISA-Test oder einer der bekannten IQ-Tests (beispielsweise der Hamburg-Wechsler-IQ-Test), ist ein wissenschaftlich austariertes Messinstrument. Sozialwissenschaftler haben das Problem, dass es für das, was sie messen wollen (also beispielsweise Lernerfolg oder Intelligenz), keine physikalischen Messapparaturen wie Thermometer, Barometer, Hydrometer und dergleichen gibt. Sozialwissenschaftler müssen sich deshalb ihre Messapparate selber bauen. Und genau diese Fragenkataloge oder Leistungs- oder Wissenstests sind die Messapparate der Sozialwissenschaftler.

Genau wie ein Thermometer oder Barometer geeicht werden muss, so muss bei den sozialwissenschaftlichen Tests sichergestellt sein, dass sie genau sind. "Genau" heißt in diesem Fall, dass sie tatsächlich das messen, was sie messen sollen und dass sie zuverlässig messen, also nicht mal in einer Situation empfindlicher als Messinstrument reagieren und in anderen Situationen nicht "anschlagen". Wenn ein Thermometer also statt der Temperatur den Luftdruck messen würde, wäre das schlecht. Außerdem wäre es schlecht, wenn ein Thermometer in Deutschland genauer funktionieren würde als in Frankreich. Bezogen auf sozialwissenschaftliche Tests heißt das beispielsweise, dass bei einem IQ-Test erfasst werden soll, wie schnell jemand denken kann und nicht, welches Vorwissen er mitbringt, wieviel jemand weiß. Die PISA-Tests hingegen wollen messen, wieviel jemand lernen konnte. Der PISA-Test interessiert sich also im Gegensatz zu einem IQ-Test für das Wissen, das jemand erlernt hat. Wenn ein IQ-Test oder ein PISA-Test nun in einem Land genauer messen würde als in einem anderen Land, dann wäre das schlecht. Auch wenn ein IQ-Test oder ein PISA-Test gestern etwas anderes messen würden als heute, wäre das schlecht. Genauso wie es schlecht wäre, wenn ein Thermometer heute die Temperatur korrekt anzeigt, morgen jedoch nicht mehr. Man könnte in diesem Fall die Temperaturmessungen nicht mehr über mehrere Tage miteinander vergleichen und könnte keine Aussagen darüber treffen, ob sich beispielsweise die Durchschnittstemperatur in den letzten Wochen erhöht hat oder nicht.

Sozialwissenschaftliche Tests sind also Messinstrumente. Anders jedoch als Messinstrumente, die physikalische Eigenschaften messen, ist ihre Konstruktion weitaus komplizierter.

So werden beispielsweise die einzelnen Items eines Tests mit statistischen Methoden daraufhin überprüft, ob sie alle unterschiedliche Aspekte des abzufragenden Themas messen. Man möchte ja beispielsweise beim PISA-Test nicht das Wissen in Geschichte dutzendmal in mehreren Items abfragen, mathematisches Wissen jedoch nur in einer Aufgabe oder einem Item. Außerdem müssen die Fragen verständlich sein und beim PISA-Test müssen die Frage-Items oder Leistungstests so konstruiert sein und so vielfältig sein, dass man mit ihnen auch die unterschiedlichen Ausprägungen des Wissens und des Lernerfolges messen kann. Es nutzt nichts, wenn man am Ende vorwiegend Kinder hat, die entweder alle Aufgaben lösen konnten (weil sie zu einfach waren) oder gar keine Aufgaben lösen konnten (weil sie zu schwierig waren).

Sozialwissenschaftliche Tests unterlaufen aus diesen Gründen eine Reihe von Vortests, in denen man Teile des Gesamttestes ausprobiert an Testpersonen, um die Fragen und Items und Leistungstests anschließend weiter zu justieren und den Test zu verändern.

Es ist außerdem nicht unüblich, als "fertig" bezeichnete Tests doch noch einmal Jahre später zu korrigieren und feinzujustieren, um bessere Messergebnisse zu bekommen.

Wird bei einer solchen nachträglichen Justierung jedoch der Test noch einmal erheblich verändert, entsteht das Problem, dass seine Testergebnisse eventuell nicht mehr vergleichbar sind mit den Testergebnissen der Test-Vorgängerversion.

Und genau dies scheint bei dem heutigen PISA-Test der Fall zu sein. So stellt es jedenfalls der OECD-Pisa-Koordinator Andreas Schleicher dar und jeder Sozialwissenschaftler wird seine Ausführungen als logisch und glaubwürdig betrachten.

So wird plötzlich aus einer scheinbaren Verbesserungen der Leistungen der deutschen Schüler beim aktuellen PISA-Test, eine eventuelle, noch nicht sicher nachweisbare Verbesserung der Leistung. Denn um solch eine Verbesserung wissenschaftlich gesichert nachweisen zu können, müsste die jetzige Version des PISA-Tests erst noch mehrmals angewendet werden.

Die Unions-Kultusminister jedoch sehen in den Äußerungen von Andreas Schleicher, dass also die scheinbare Verbesserung der Leistung deutscher Schüler nicht so sicher ist wie das zunächst aussieht, pure Politik und ideologische Befangenheit. So als wolle Schleicher den deutschen Kindern und dem deutschen Schulsystem keinen Erfolg gönnen. Die Unions-Kultusminister fordern gar deshalb den Rücktritt von Andreas Schleicher, wie Tagesschau.de berichtet.

Die Rücktrittsforderung der Unions-Kultusminister gegenüber Schleicher wirkt extrem lächerlich, wenn man sich etwas mit dem Problemfeld der "Testkonstruktion" auskennt. Die Unions-Kultusminister sollten sich vielleicht zunächst etwas schlauer machen, bevor sie mit unhaltbaren Anschuldigungen um sich werfen.

Sonst könnten noch Rücktrittsforderungen in ganz anderer Richtung laut werden.

Aber ich glaube eh, dass die Kultusminister ihre Rücktrittsforderungen nicht ernst meinen. Aber sie sind natürlich prächtig geeignet, um damit abzulenken von den Schwächen des deutschen Schulsystems, für die sie die politische Verantwortung tragen. Und dieses Ablenkungsmanöver wird funktioniern. Weil die deutschen Medien keine Kraft haben, um sich mit den Hintergründen eines PISA-Tests zu beschäftigen und diese dem Publikum zu erklären, befürchte ich.

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Donnerstag, 11. Oktober 2007

Die Befürworter von mehr Überwachung handeln unmoralisch

Wenn Gesetze verabschiedet werden, geht es letzten Endes immer darum, mit ihnen das menschliche Verhalten zu lenken und zu steuern. Beispielsweise will man Anreize erzeugen, umweltfreundliche Autos zu kaufen, indem man sie steuerlich begünstigt. Hinter dieser Annahme steckt eine ganz bestimmte, implizite Theorie darüber, wie Menschen funktionieren. In diesem Fall geht man stillschweigend davon aus, dass Menschen sich ökonomisch rational verhalten, also immer die Alternative mehrerer Handlungsmöglichkeiten wählen, die für sie ökonomisch am sinnvollsten ist - hier das umweltfreundliche Auto, sofern der Steuervorteil insgesamt tatsächlich einen finanziellen Vorteil verspricht.

In der Psychologie jedoch ist diese implizite Annahme, dass Menschen sich immer ökonomisch rational verhalten (Menschen also ein "homo oeconomicus" seien), umstritten! Das erstaunt viele Nicht-Psychologen (vor allem aber neoliberale Wirtschaftsheinis) oftmals. Und doch kennt jeder eigene Beispiele, in denen er nicht einem klar zu benennenden finanziellem Vorteil folgt, sondern seine Entscheidungen von ganz anderen Überlegungen bestimmt werden. (Es sprengt jetzt leider meine Zeit, hier näher auf alternative psychologische Modelle dazu, was Menschen in ihrem Handeln bestimmt oder bestimmen könnte, einzugehen. Deswegen hoffe ich, dass an dieser Stelle der Hinweis auf das eigene Erleben als Argument dafür ausreicht, dass die Theorie vom "homo oeconomicus" als einzig mögliche Erklärung menschlichen Verhaltens nicht überzeugend ist.)

Die Mehrheit der Gesetze versucht jedoch nicht durch das Setzen von positiven Anreizen menschliches Verhalten zu steuern, sondern durch die Androhung von Strafen. Auch hier steckt wieder die Annahme dahinter, dass Menschen so rational seien, sich Strafen entziehen zu wollen. Und auch hier kann jeder sich Beispiele und Situationen einfallen lassen, in denen er selbst eventuell trotz Strafandrohung die verbotene Handlung ausführen würde.

Ein wichtiges Kriterium, das bestimmt, ob man verbotene Handlungen nicht ausführt, ist die Frage, ob man beobachtet wird, also Gefahr läuft, beispielsweise bei einem Ladendiebstahl geschnappt zu werden. Gibt es weitere Kriterien, die die Entscheidung beeinflussen könnten, einen Ladendiebstahl zu begehen oder nicht zu begehen? Der Verfechter einer Theorie vom Menschen als "homo oeconomicus" würde jetzt sagen: Nein! Sobald sich jemand unbeobachtet fühlt, das Risiko entdeckt zu werden gering genug ist, greift man zu und stiehlt. Denn das wäre aus Sicht des einzelnen Menschen ökonomisch das sinnvollste Verhalten.

Die eigene Erfahrung und Forschungsergebnisse der Psychologie legen jedoch nahe, dass diese Sicht auf den Menschen als "homo oeconomicus" zu kurz greift. Der größte Teil der Menschheit läuft eben nicht durch die Gegend und stiehlt bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Läden leer.

Die Tatsache, ob man beobachtet wird oder nicht, die Tatsache also, ob man tatsächlich eine Strafe zu erwarten hat oder nicht, ist nur eine von möglichen Kriterien, die unser Verhalten bestimmen.

Erwachsene Menschen mit normaler Sozialisation haben übergeordnete moralische Konzepte entwickelt, Werte, die sie lenken in ihrem Handeln. Verbote werden dann nicht mehr in erster Linien danach beurteilt und befolgt, ob sie Strafen nach sich ziehen und wenn ja mit welcher Wahrscheinlichkeit, sondern vor allem werden Vorschriften und Gesetze danach beurteilt, ob sie übergeordneten Wert- und Moralvorschriften entsprechen. So kann beispielsweise ein Gesetz, das zwar in Übereinstimmung mit den eigenen moralischen Werten Ladendiebstahl verbietet, aber als Strafe für Ladendiebstahl in jedem Fall beispielsweise auch beim ersten Vergehen bereits eine langjährige Gefängnisstrafe vorsieht, als unmoralisch bewertet werden. Noch unmoralischer könnte es bewertet werden, wenn beispielsweise nur der Diebstahl von Waren einer bestimmten Art eklatant bestraft würde, der von anderen Gegenständen jedoch weniger stark. Oder wenn bestimmte Personen weniger schlimme Strafen bekommen würden. Andererseits kann es genauso sein, dass es als unmoralisch empfunden wird, wenn alle Menschen gleich stark bestraft werden. Die Auseinandersetzungen und Diskussionen über die besonderen Strafvorschriften im Jugendstrafrecht zeigen, dass darum gekämpft wird, Gesetze zu haben, die übergeordneten Moralvorschriften entsprechen.

Die Legitimität solcher Gesetze würde also in Frage gestellt werden, wenn sie diesen übergeordneten Moralvorschriften nicht ensprechen. Es spielt also bei der Beurteilung von Gesetzen nicht nur eine Rolle, ob sie einen selbst irgendwie betreffen oder nicht, ob man also geschnappt werden könnte oder nicht, sondern auch, ob sie moralisch gerechtfertigt sind. Sind sie das nicht, ist zu erwarten, dass viele Menschen solche Gesetze "innerlich" ablehnen, vielleicht sogar bewusst gegen die Gesetze verstoßen - als Ausdruck des Protestes. Oder dass sie sich eben nur dann an diese unmoralischen Gesetze halten, so lange sie Strafe konkret fürchten müssen, aber dann tatsächlich bei der nächsten, unbeobachteten Gelegenheit auf dieses unmoralische Gesetz "pfeifen".

Menschen haben also eine Moral. Und befindet sich diese im Widerspruch zu bestehenden Gesetzen, dann werden Menschen sich trotz Strafandrohung mit höherer Wahrscheinlichkeit eher nach ihrer eigenen Moral richten als nach dem, was in den Gesetzen vorgschrieben ist.

Der Gesetzgeber kann darauf auf drei verschieden Arten reagieren: 1.) Er erhöht den Strafdruck, beispielsweise indem er die Strafandrohungen erhöht oder die Wahrscheinlichkeit des Eintreffens einer Strafe erhöht durch umfassendere Überwachung. 2.) Er schwenkt auf die moralischen Vorstellungen der Bürger ein und übernimmt sie und ändert die Gesetze dementsprechend. 3.) Er versucht die Bürger zu erziehen und ihre Moral zu verändern.

Wir haben also festgestellt: Menschen richten sich eher nach dem, was sie als moralisch richtig empfinden als schlicht nach dem, was verboten ist oder nicht verboten ist. Gesetze scheinen also dann am wirksamsten zu sein, wenn sie die bestehende Moral unterstützen und nicht, wenn sie ihr widersprechen.

Und jetzt erst komme ich zu dem Punkt, auf den ich hinaus wollte:

Dass Menschen eine Moral haben (wie auch immer die inhaltlich ausgestaltet sein mag) zeigt, dass Moral für Menschen wichtig ist. Eine Moral zu haben sagt nämlich: Ich richte mich freiwillig nach bestimmten Handlungs- und Wertmaßstäben, die ich selbständig als richtig oder falsch erkannt habe. Eine Moral für sich entwickelt zu haben und ihr zu folgen, drückt aus, dass man ein freies, autonomes Wesen ist. Nach dem Motto: Ja, ich richte mich nach den Regeln der Gesellschaft, aber ich tue dies freiwillig, weil ich sie als gut und richtig erkannt habe. Für den eigenen Selbstwert ist es wichtig, wahrzunehmen oder zumindest zu glauben, dass man autonom handelt.

Insofern greifen Gesetzesvorhaben, die eine immer stärkere Überwachung des Einzelnen mit sich bringen, genau dieses Selbstbild vieler Menschen, sich freiwillig und selbstbestimmt für das Gute zu entscheiden - und nicht nur weil man insgeheim beobachtet wird und in jedem Fall Strafe zu erwarten hat - an. Wird man beständig beobachtet oder in relevant hohem Maße beobachtet, kann niemand mehr vor sich selbst in überzeugender Weise behaupten, freiwillig und selbstbestimmt zu handeln.

Umfassende Überwachung greift somit den Wunsch des Menschen an, sich als selbstbestimmt und Herr über sein eigenes Leben wahrzunehmen.

Das Menschenbild der Befürworter einer immer umfangreicheren Überwachung als Mittel gegen Kriminalität greift zu kurz, gefährlich zu kurz, denn sie übersehen die eigentliche Triebfeder, die Menschen zu einem sozialen und nicht zu einem asozialen Wesen macht: Die Moral.

Moralisch handelnde Menschen wissen das. Und sie wissen, dass sie ebenso - um das Selbstwertgefühl des Gegenüber nicht zu verletzen - davon ausgehen müssen, dass der Andere ihnen gegenüber eine Moral besitzt, nach der er sich auch dann richtet, wenn er gerade nicht beobachtet und überwacht wird. Diese Einstellung dem Anderen gegenüber nennt man Vertrauen, Vertrauen in ihn und Vertrauen in seine persönliche Integrität.

Eine vom Staat verfolgte Agenda, dass Verbrechensprävention eine immer umfassendere Überwachung aller Bürger nötig mache, untergräbt diesen Grundstein menschlichen, moralischen Zusammenlebens und untergräbt das Vertrauen der Menschen zueinander und erst recht gegenüber dem Staat.

Ein aktueller Artikel bei Zeit.de stellt diesen letzten Punkt hervorragend dar: Überwachung macht unsicher.

Freitag, 24. August 2007

Die Angst des Fernsehens vor den Computerspielen

(Via Das Alte Europa; sorry, ich muss doch drauf eingehen...) Huch, da issa wieder, der halbjährliche Panikruf des Fernsehens im Angesicht seines größten Konkurrenten beim Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums. Die Computerspielmesse in Leipzig boomt und das Fernsehen kriegt das Zittern. Da muss gegengesteuert werden. Und wie immer dabei, Kriminologe Christian Pfeiffer. Platz der Aufführung des hysterischen Theaterstücks darf auch dieses Mal wieder die berühmt, berüchtigte ZDF-Sendung "Frontal 21" sein, in der Pfeiffer letzten Dienstag wie folgt zitiert wurde:

In Verbindung mit anderen Belastungsfaktoren - prügelndes Elternhaus, mobbende Mitschüler, dass man Außenseiter wird, dass man nicht selbstbewusst mitten im Leben steht - bedeuten Computerspiele das Aufzeigen einer Handlungsalternative, die einem sonst gar nicht in den Sinn käme. Man wird durch das aktive Spielen ein Stück näher gerückt an selber Gewalt aktiv Einsetzen. (Quelle: ZDF.de)


Verstehe ich das richtig, dass ein prügelndes Elternhaus und mobbende Mitschüler nicht ausreichen, um das Opfer zu motivieren, eventuell zurückzuschlagen? Bedarf es für diesen Schritt erst noch eines Computerspiels? Käme ein solcherart gequältes Kind tatsächlich erst durch ein Computerspiel darauf, eventuell selbst aggressiv zu werden? Na, wie gut, dass man die Computerspiele einfach verbieten kann. Dann richten prügelnde Elternhäuser und mobbende Mitschüler ja keinen Schaden mehr an. Denn der größte Schaden wäre wohl, wenn das Opfer anfangen würde, sich zu wehren. Oder wie?

Auch auf den Gedanken, dass es zwar Menschen gibt, die Computerspiele dazu nutzen, um vor Problemen zu fliehen, dass aber im Umkehrschluss damit nicht gesagt ist, dass jeder Computerspieler Probleme hat, - auch auf diesen Gedanken kommt Frontal 21 nicht. Wäre wohl auch etwas zu viel verlangt.

Aber Frontal 21 hat noch einen Pfeil im Köcher, und zwar die kritischen Anmerkungen von Schulpsychologe und Medienforscher Dr. Werner Hopf:

Der Schulpsychologe und Medienforscher Dr. Werner Hopf, der an der Studie mitarbeitete, erläutert: "Die Jugendlichen vor allem im Kindesalter, im Grundschulalter, geben an, dass sie beim Anschauen von Horrorfilmen, dass sie später beim Spielen von Computergewaltspielen wie 'Doom' oder 'Half-life' starke Hassgefühle erleben. Und diese starken Hassgefühle werden über die Jahre hinweg konditioniert, festgefügt als eine Charaktereigenschaft, eine Haltung, die die Jugendlichen weiter in ihrem Verhalten prägt". (Quelle: ZDF.de)


Gegen diese Aussagen von Hopf ist nichts einzuwenden. Die Politiker und manche Medienfuzzis jedoch übersehen dabei, dass Hopf hier von jungen Kindern spricht. Und die sollten und dürfen auch heute schon nicht diese Computerspiele spielen, die Hopf da nennt. Aber würde man diese Tatsache herausstellen, bliebe den Politikern ja nur noch übrig, sich um die wirklichen Ursachen von Problemen von Kindern und Jugendlichen zu kümmern, statt die gesetzlichen Regelungen rund um Computerspiele zu verschärfen und das als Lösung aller Probleme zu verkaufen.

Und wie nennt man diese Art der Berichterstattung über Computerspiele? Richtig. Propaganda.

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Donnerstag, 23. August 2007

Fastfood ist gefährlicher als Terrorismus

Das meine ich ernst. Zumindest wenn man das ganze kühl betrachtet und sich schlicht die Opferzahlen anschaut. Denn wieviele Leute sind in Deutschland oder auch in den USA in diesem Jahr oder davor durch die Folgen eines Terroranschlags getötet worden? Wieviele starben jedoch auf dem Weg zu einem Fastfood-Restaurant, weil sie die Treppe herunterfielen oder als Autofahrer, Radfahrer oder Fußgänger in einen tödlichen Unfall verwickelt wurden? Wieviele durch eine unerwartete allergische Reaktion auf irgendeinen Nahrungsmittelzusatz? Wieviele verschluckten sich und erstickten an ihrem Fastfood? Wieviele sterben frühzeitig durch ständiges Essen von Fastfood und ihr dadurch bedingtes Dicksein?

Wann also schreitet die Bundesanwaltschaft ein und lässt endlich alle Fastfood-Restaurant-Betreiber verhaften?

Mehr über die völlig aus den Fugen geratene Wahrnehmung von Gefahren und Risiken in unserer modernen Welt und in unserer modernen Gesellschaft in einem Artikel bei Time.com: How Americans Are Living Dangerously.

Auszug:

Shadowed by peril as we are, you would think we'd get pretty good at distinguishing the risks likeliest to do us in from the ones that are statistical long shots. But you would be wrong. We agonize over avian flu, which to date has killed precisely no one in the U.S., but have to be cajoled into getting vaccinated for the common flu, which contributes to the deaths of 36,000 Americans each year. We wring our hands over the mad cow pathogen that might be (but almost certainly isn't) in our hamburger and worry far less about the cholesterol that contributes to the heart disease that kills 700,000 of us annually.

We pride ourselves on being the only species that understands the concept of risk, yet we have a confounding habit of worrying about mere possibilities while ignoring probabilities, building barricades against perceived dangers while leaving ourselves exposed to real ones. Six Muslims traveling from a religious conference were thrown off a plane last week in Minneapolis, Minn., even as unscreened cargo continues to stream into ports on both coasts. (Quelle: Time.com)


Die Erkenntnisse der sogenannten Entscheidungspsychologie, die sich mit den Tücken der menschlichen Wahrnehmung von Chancen und Risiken beschäftigt, sind auch bei dem Sicherheitsexperten Bruce Schneier ein häufiges Thema. Siehe dazu beispielsweise diesen lesenswerten Artikel von ihm: Perceived Risk vs. Actual Risk.

Aus der Perspektive der Entscheidungspsychologie muss man wohl sagen: Viele der Maßnahmen der Sicherheitsbehörden und wohl auch viele Vorschläge unserer Politiker beim Thema "Innere Sicherheit" würden einer kühlen Kosten-Nutzen-Abwägung kaum standhalten.

Ältere Einträge zur Entscheidungspsychologie hier bei "Schieflage":Technorati-Tags: ,

Freitag, 17. August 2007

Besserer Mensch durch gesperrte Handy-Schnittstellen

Manchmal erscheinen einem die deutschen Medien wie alte Damen, die schon etwas dement beim täglichen Kaffeekränzchen die Welt sich so zurechtlegen, wie sie sie von ihrem Tischchen im Café aus meinen wahrnehmen und verstehen zu können.

Dieses Gefühl der eklatanten Unzulänglichkeit bei der Berichterstattung tritt bei deutschen Medienkonsumenten vor allem auf bei Themen, die irgendwie mit "Technik" zu tun haben, gar mit "Kommunikationstechnik". Dann wird es richtig grausam. Dann werden in deutschen Medien oftmals Behauptungen aufgestellt, die eher darauf schließen lassen, dass auch ein wenig Hochprozentiges im Kaffee war.

So behauptet die Frankfurter Rundschau/DPA frech in Bezug auf neue Sperrmöglichkeiten der Übertragungsschnittstellen (Bluetooth und Infrarot) bei Handys (die Meldung wird wie üblich bei der Frankfurter Rundschau in wohl einigen Tagen online gelöscht worden sein):

Mit den Schnittstellen zum kostenlosen Tausch von Inhalten tauchte auch das Phänomen des "Happy Slapping" auf. (Quelle)


Und unwidersprochen wird weiter berichtet:

"Da besteht schon die Gefahr, dass jemand verprügelt wird, nur weil es die technische Möglichkeit gibt, das zu verbreiten", räumt der Mobilfunk-Chef ein. (Quelle)


Ach wirklich? Die Schnittstellen bei Handys sind also die Ursache für Übergriffe von Jugendlichen auf wehrlose Opfer ("Happy Slapping")? Erstaunlich, dass das die Frankfurter Rundschau/DPA einfach so weiß. Woher nur? Irgendwo muss es geheime Studien geben, von denen nur sie und kein Sozialwissenschaftler sonst auf der Welt weiß. Mysteriös!

Die besondere Vorgehensweise, Gewalt auf Video aufzunehmen, mag durch Handy-Cams begünstigt werden. Aber dass Jugendliche überhaupt auf den Gedanken kommen, gewaltsam gegen Opfer vorzugehen, wird wohl kaum alleine durch das Vorhandensein einer Handy-Cam ausgelöst werden. Wie müsste man sich ansonsten dann die jugendliche Gewalt vor Erfindung von Handy-Cams erklären?

Viel wahrscheinlicher ist wohl, dass vorhandene Gewalttendenzen und Gewaltwünsche durch Handy-Cams nur eine besondere Form annehmen. Vielleicht verringern Handy-Cams sogar weitere körperliche Übergriffe auf das Opfer, da die Gewalttat ja auf Video gebannt ist und die Gewalttäter sie so jederzeit wieder vergegenwärtigen können? Es könnte natürlich genauso sein, dass die Jugendlichen, die eh gewaltbereit sind, zusätzliche Motivation erhalten, weitere Opfer zu suchen. Dann würden wenige Jugendliche mehr Gewalttaten begehen, jedoch nicht insgesamt die Anzahl gewaltbereiter Jugendlicher größer werden. Wer weiß?

Aber jeder ist ja sein eigener Psychologie- und Pädagogik-Experte. Was braucht man da Fachleute und Studien? Hat nicht jeder schon erfahren, wie eine anwesende Kamera die Situation und das Verhalten verändert? Na, eben. Also wird aus friedlichen Jugendlichen logischerweise allein durch Handy-Cams und Übertragungsmöglichkeiten der Videos gewalttätige Jugendliche. Wirklich völlig logisch. Zumindest anscheinend für leicht angesäuselte Journalisten.

Ich vermute hinter der Sperre dieser Datenübertragungs-Schnittstellen durch Handy-Anbieter eher kommerzielle Interessen der Netzbetreiber. So können die Jugendlichen bei Sperrung dieser Schnittstellen auch keine Klingeltöne oder Logos oder harmlose sonstige Bilder mehr kostenlos an den Netzbetreibern vorbei auf ihre Handys kopieren und müssen nun dieses Zeug wie möglicherweise irgendwelche selbstgedrehte Videos durch kostenpflichtige MMS aufs Handy übertragen.

Aber liebe Medien, da müsst ihr noch einiges mehr an Propaganda der Netzbetreiber und Unions-Politiker raushauen, bis die Eltern diesen Quatsch glauben. So doof sind die nämlich nicht, um diesen Kommerz-Trick nicht zu durchschauen. Denn Eltern sind, was Technik (und Kindererziehung) betrifft, weitaus intelligenter als so manche einsamen, lebensfremden, alten Journalisten-Zausel hinter ihren mechanischen Schreibmaschinen, die die Jugend auf Schulhöfen nur betrachten als eine Meute von gewalttätigen, pornosüchtigen, gefährlichen Subjekten, die mittels Verboten und Überwachungsmaßnahmen im Zaum gehalten werden muss. Bis diese Subjekte dann logischerweise 18 Jahre alt sind und über Nacht wie durch Zauberhand zu vertrauenswürdigen, disziplinierten Erwachsenen werden und keinerlei Verbote und Sperren mehr benötigen.

Das Prinzip des Erwerbs von Medienkompetenz als pädagogische Aufgabe ist aber auch viel zu schwierig zu verstehen für manche/viele Journalisten und auch - sieht man sich die Kommentare zu der neuen Handy-Sperrmöglichkeit von Seiten der Schulvertreter an - für die meisten Lehrer. Verbote und Überwachung besitzen in Deutschland hohes Ansehen. Andere Völker glauben daran, dass Schamanentänze den Wind veranlassen, Regen herbeizubringen. Deutsche glauben daran, dass jedes Problem durch ein Verbot, Sperren und Zensur aus der Welt geschafft werden kann. So hat eben jedes Völkchen seine Marotten.

Nachtrag: Auch Mario Sixtus echauffiert sich über die unkritische Weiterverbreitung der PR der Handyhersteller und Netzbetreiber in dieser Sache durch Journalisten: Vodafone macht Übertragung von Gewaltvideos kostenpflichtig.

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Dienstag, 24. Juli 2007

Das politische Deutschland aus Sicht der Wissenschaft

Hanno Zulla interviewt in seinem Weblog den Psychologen Thomas Kliche, der vor kurzem, befragt nach seiner Einschätzung zu Schäubles ständigen, neuen Vorschlägen zur Inneren Sicherheit, in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung für Aufsehen sorgte. Thomas Kliche beschäftigt sich wissenschaftlich mit Politischer Psychologie.

Das Interview ist absolut lesenswert. Kliche erklärt, was Politische Psychologie (PP) ist und macht deutlich, dass die wissenschaftliche Forschung sehr vieles davon erklären kann, was momentan politisch und gesellschaftlich in Deutschland passiert. Warum zum Beispiel Politiker kaum auf Experten hören, warum viele Bürger sich nach mehr Überwachung sehnen, warum politische Maßnahmen weiterverfolgt werden, auch wenn deren Nutzen offensichtlich nicht gegeben ist. Hier einige Auszüge als Appetitanreger:

Politische Psychologie ist ein Zweig der wissenschaftlichen Psychologie. Sie befasst sich mit sehr grundlegenden Fragen und ist daher leider ziemlich umfassend. Es geht nämlich um die Zusammenhänge zwischen Macht und Herrschaft einerseits, Erleben und Verhalten andererseits.

PP erforscht also alle die Gefühle, Vorstellungen, Überzeugungen und Verhaltensmuster, die zu politischen Abläufen und der Unterwerfung darunter beitragen. Wichtige Beiträge liefert PP z.B. zur Erklärung von Fremdenfeindlichkeit, Vorurteilen, Gewalt, internationalen und interkulturellen Konflikten, von Mitläufertum und Zivilcourage, von Wahlverhalten und Apathie, aber auch von langfristigen Folgen politischer Traumatisierung. [...]

[...] es [gibt] erhebliche Fraktionen, die von Straflust und Kontrollgenuss motiviert sind. Die machen zusammen vielleicht kaum mehr als 30-40% der Bevölkerung aus. Es handelt sich um Personen mit einer hohen Ausprägung konventioneller Werte von Pflicht und Akzeptanz, von Dominanzorientierung, von Autoritärer Persönlichkeit, und um Sympathisanten des Rechtextremismus. Denn repressive soziale Kontrolle ist für Rechtsextreme immer mehr zu einem unauffälligen, gewissermaßen stubenreinen Thema geworden, mit dem sie aus ihrem Wählerstall ausbrechen können.

Zweitens leben wir in einer "Dominanzgesellschaft", wie das Sozialpsychologen nennen. Kontrolle und Erfolg sind bei uns zentrale gesellschaftliche Werte, sie sind eine Grundlage für zugeschriebene Leistung, also Aufstieg und Karriere. "Kontrolle" ist hier aber psychologisch zu verstehen, nicht im Sinne von Überwachung. Kontrolle bedeutet, alles im Griff zu haben und daher in einer berechenbaren Welt zu leben und machtvoll und wichtig zu sein.

Eine solche Dominanzgesellschaft vermittelt allen täglich, dass man Sieger sein soll. Nicht umsonst sind "looser" oder "Opfer" unter Jugendlichen zu Schimpfworten geworden. [...]

Die Polizei wird [...] durch flächendeckende Kameraüberwachung mit privatisierten Hilfsdiensten von den ernsthaften Delikten abgezogen. Trotzdem jubeln viele Menschen über mehr Überwachung. Die soziale Desintegration, der Abbau sozialer und wirtschaftlicher Sicherheit, der Zerfall verläßlicher Lebensplanung, erreicht seit Jahren immer mehr Menschen. Diese makrosozialen Stressoren erzeugen diffuse Verunsicherung und unklare Wünsche nach zuverlässiger Alltagsgestaltung. Das Versprechen, Straftäter zu erwischen, verheißt wirkungsvolle Generalprävention und nimmt damit ein bisschen die Angst. [...]

Drüber reden ergibt Gewöhnungseffekte, weil vertraute Reize ganz allgemein als angenehmer erlebt werden. Das gibt Politikern die Möglichkeit, der Bevölkerung langsam bestimmte Deutungsmuster nahezulegen, damit alles ruhig bleibt, wenn sie die Deutungsmuster für politische Entscheidungen benutzen. (Quelle)


Nur noch einmal zur Klarstellung: Dies sind keine Aussagen, die Thomas Kliche sich einfach so nach eigenem Gutdünken ausgedacht hat, sondern es sind Aussagen, die auf konkreten Forschungsergebnissen aus der wissenschaftlichen Disziplin der Psychologie beruhen.

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Freitag, 6. Juli 2007

Polizei in Angst verbreitet Angst

Polizisten im Einsatz gegen HooligansDie Sendung Kulturzeit von 3Sat berichtet über eine wissenschaftliche Studie über die deutsche Polizei, die Sprengkraft hat: Über die Traumatisierung von Polizisten im Einsatz.

74 Prozent [der Polizisten] werden irgendwann mit einer traumatisierenden Situation konfrontiert. Für fast 30 Prozent von ihnen endet das in einer chronischen Angststörung, einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Das hat die erste, statistisch relevante Studie der Kriminologin Ursula Gasch ergeben. [...] Der Verlauf, der ihm [dem traumatisierten Polizisten] bevorsteht, im Hinblick auf die Verarbeitung einer Posttraumatischen Belastungsstörung, ist der gleiche, wie der Verlauf bei einer vergewaltigten Frau, dem Opfer eines Raubüberfalls, oder dem Soldaten, dessen Kamerad neben ihm selbst zerfetzt wurde. Dann trifft es mich genauso wie den Kameraden in psychischer Hinsicht. Auch das kann mich zerfetzten. (Quelle)


30 Prozent ist eine unglaublich hohe Zahl. Es ist schlicht eine Katastrophe. Angststörungen oder Posttraumatische Belastungsstörungen sind schwere Krankheitsbilder, die das Leben der Betroffenen völlig zerstören können.

Vor Traumatisierung rettet weder die Uniform noch das Wissen auf der richtigen Seite zu stehen. Oft verwechseln Polizisten Traumatisierungen mit Stress und tun das ganze laut den Erkenntnissen von Ursula Gasch als Problem von "Weicheiern" ab. Darüber gesprochen wird innerhalb der Polizei anscheinend nicht. Es soll sogar der Karriere schaden, wenn man solche Probleme offen anspricht. Die Folge: Neben der Beschädigung des eigenen Lebens können gerade auch traumatisierte Polizisten schnell vom Opfer zum Täter werden, weil die Traumatisierungen auch eine sehr erhöhte Aggressionsbereitschaft mit sich bringen können. So können diese Traumatisierungen zur Ursache von Gesetzesverstößen von Polizisten im Einsatz werden.

Die Polizei braucht also vermutlich umfangreiche Hilfe in Form einer besseren Betreuung und Ausbildung und in Form einer besseren Polizeiführung. Aber diese "weichen" Faktoren werden weiterhin vermutlich bei den Verantwortlichen unterschätzt in ihrer Bedeutung.

Copyright-Hinweis: Die Rechte an obigem Foto besitzt "lichtundschatten". Das Foto unterliegt einer Creative-Commons-Lizenz.

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Montag, 4. Juni 2007

Gewalteskalation auf Demos bei G8-Gipfel ist politisch gewollt

Deutschlandradio Kultur bringt ein äußerst interessantes Interview mit dem Polizeipsychologen Georg Sieber zu der Eskalation der Gewalt bei den Demonstrationen in Rostock rund um den kommenden G8-Gipfel: Eine "einsatztechnische Dummheit":

Es ist eigentlich in Rostock alles lehrbuchgerecht so gemacht worden, wie es nicht sein soll. Und die Beamten lernen das natürlich auch auf der Polizeiakademie, dass man es so nicht macht. Also deswegen war dieser Einsatz von vornherein eigentlich daneben, sagt man einfach. [...] Jetzt zum Beispiel sieht man ja auch, die Dienstherren der Polizei bekommen auf allen Sendern die Gelegenheit, ihre Polizeibeamten jetzt kräftig zu loben für diesen Einsatz und sogar ihnen zu danken dafür. Das wirkt natürlich für jemanden, der sich auskennt, wirkt das natürlich richtig komisch, dass ich erst einen unsinnigen Einsatz zulasse und dann nachher die Beamten dafür belobige. (Quelle)


Für mich wird deutlich: Die Eskalation der Gewalt ist politisch gewollt - von Seiten der Politik gewollt. Die Sicherheitspolitiker dieses Landes sind keine Sicherheitspolitiker, sondern Unsicherheitspolitiker. Ihr Kapital ist die Angst der Bevölkerung. Damit setzen sie immer mehr Bürgerrechte außer Kraft - entweder durch Herantasten und Ausnutzen aller gesetzlichen (Ausnahme-)Möglichkeiten wie beispielsweise die Anwendung des "Terror-Paragraphen" 129a, also dem leichtsinnigen Vorwurf gegen zivilgesellschaftliche Gruppen, dass sie sich der Bildung einer terroristischen Vereinigung verdächtig gemacht hätten, oder durch Angriffe auf das Demonstrationsrecht. Oder durch die Planung der Abschaffung weiterer Freiheitsrechte mit Vorratsdatenspeicherung und Online-Durchsuchung.

Schäuble spricht so schön vom "Verbessern des Grundgesetzes" in diesem Punkt und dass Verfassungsänderungen nicht verwerflich seien. Das Grundgesetz ist jedoch vor allem dazu da, den Bürger vor Übergriffen des Staates zu schützen. Das sieht Schäuble nicht so, oder will es so nicht sehen.

Ich bezweifle jedoch, dass Schäuble den Sinn des Grundgesetzes nicht kennt. Er ist ausgebildeter Jurist. Er weiß genau, dass das Grundgesetz dazu da ist, beispielsweise eine Wiederkehr einer nationalsozialistischen Diktatur zu verhindern und dass es deshalb in großen Teilen genau daraus besteht, den Bürger vor einem übermächtigen Staat zu schützen.

Schäuble propagiert seine Verfassungsänderungen als Auweitung des Schutzes vor Terrorismus und Kriminalität. Aber er belegt diese Behauptung nicht mit ausführlichen Darstellungen, Zahlen und Fakten. Stattdessen hört man von etlichen Experten, dass die Online-Durchsuchung oder auch die Vorratsdatenspeicherung kaum beim Jagen von Kriminellen oder Terroristen helfen würden. Aber die Meinung von Experten interessiert seit neuestem niemanden mehr in der Politik. Schäuble bringt keine Argumente und keine Schilderungen, wie eine Online-Durchsuchung genau aussehen soll und wie sie helfen soll, ohne dass Terroristen nicht - wie so häufig bei technischen Mitteln möglich - einfach Tricks und Umwege auf sich nehmen, um einer Überwachung zu entgehen. Mit keinem einzigen Wort spricht Schäuble zudem das Missbrauchspotenzial derartiger Überwachungstechnik an. Und die jüngsten Urteile des Bundesverfassungsgericht gegen Rasterfahndung, einen zu umfassenden Lauschangriff und so weiter, auf diese Rechtssprechung des Bundesverfassungsgericht geht Schäuble auch nicht ein.

Schäubles Ziel, das Ziel der Unionskampagne für "mehr Sicherheit", ist die SPD. Die dummen deutschen Bürger braucht er nicht zu überzeugen. Wer im Wahlkampf auftreten kann und ernsthaft weiträumige Videoüberwachung gegen Falschparker und Rempler propagiert und damit durchkommt, ja sogar beklatscht wird, der kommt bei einem großen Teil der Bevölkerung mit noch schlimmeren Vorschlägen an. Dank der furchtbaren Qualität der deutschen Medien hat der größte Teil der deutschen Bevölkerung eben keine Ahnung von möglichen Nebenwirkungen einer immer umfassenderen staatlichen Überwachung. Prävention ist, will sie wirklich erfolgreich sein, immer Überwachung. Der Präventionsstaat ist der Überwachungsstaat. Wer von einer umfassenden Prävention von Verbrechen als anzustrebendem Ziel des politischen Handelns redet, der will einen Überwachungsstaat.

Große Teile der Bevölkerung würden auch die sofortige Wiedereinführung der Todesstrafe befürworten sowie sicherlich Elemente einer Lynchjustiz. Es ist das Bauchgefühl, die als "ehrlich" gefühlte Empörung über Kriminalität und Verbrechen (Kinderpornographie!!1!), die den einfachen Bürger schnell und mit "gutem Gewissen" die Abschaffung seiner bürgerlichen Freiheitsrechte unterzeichnen lassen würde, hielte man ihm einen solchen "Kaufvertrag für mehr Sicherheit" an der Haustür unter die Nase.

Seine aufgeklärten Kritiker wird und will Schäuble auch nicht überzeugen. Deshalb auch das Fehlen überhaupt irgendeines Versuches, handfeste Argumente zu liefern. Schäuble will schlicht die SPD unter Druck setzen über den Umweg eines gesteigerten Rufes aus dem Volk nach mehr "Sicherheit". Und da hilft der Aufbau einer Gefahrenkulisse immer.

Die Polizei weiß genau, wie sie Demonstrationen eskalieren lassen kann. Dieses Wissen scheint in Rostock ganz bewusst zur Anwendung gekommen zu sein. Dahinter mag bei den größtenteils jungen, unerfahrenen Polizisten vor Ort Unwissenheit stecken. Bei den ihnen übergeordneten Vorgesetzten jedoch kann man nicht von Unwissenheit sprechen, sondern schlicht von Absicht.

Es wird ein schmutziges Spiel gespielt in diesem Land beim Thema "Sicherheit". Und Schäuble steht als Strippenzieher dabei ganz oben. Immer wieder werde ich bei den Auftritten von Schäuble und den anderen Leuten seiner "Drückerkolonne" (Ziercke, Freiberg, Bosbach, Beckstein, Schönbohm, Schünemann und so weiter) an den Schlemihl aus der Sesamstraße erinnert. Ausbaden müssen dieses Spiel zuerst die verletzten Polizisten und dann alle Bürger.

Und die SPD? Die SPD wird umkippen bei der Online-Durchsuchung. Die SPD wird auch die verschärften Vorschläge des Bundesrates zur Vorratsdatenspeicherung mittragen (wenn nicht alle, dann halt zumindest "kompromissbereit" ein paar davon). Genauso wie die SPD beim Mindestlohn umkippen wird.

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Freitag, 25. Mai 2007

Ist Prävention die neue Religion?

(Via Sixtus.net) Als einen kleinen Kommentar zu den Worten Schäubles vom "Internet als Brutstätte des Terrors", oder zu Plänen für restriktivere Urheberrechtsregelungen, die Verbraucher schnell zu Kriminellen machen, oder zum gerade verabschiedeten Hackerparagraphen, der alltägliche Software, die beispielsweise Netzwerkadministratoren zum Schutz gegen Eindringliche einsetzen, kriminalisiert, oder auch zur verbreiteten Videoüberwachung, Online-Durchsuchung, Vorratsdatenspeicherung, oder auch als Kommentar zum übertriebenen Vorgehen der Polizei gegen G8-Gegner und so weiter...

Mario Sixtus hat dazu ein schönes, kleines Video (Flash-Video bei Sevenload.com). Es zeigt Wikipedia-Gründer Jimbo Wales, wie er über das Design von Restaurants spricht.

Restaurant-Design? Was hat das Thema denn jetzt hier zu suchen? Das Thema interessiert nicht? Einfach das Video anschauen.

Gut, für alle, die des Englischen nicht mächtig sind, hier eine kurze Inhaltsschilderung: Jimbo Wales stellt dar, dass man beim Design eines Restaurants zum Beispiel fragt, welches Essen den Leuten serviert werden soll. Steaks? Gut. Dann folgt daraus, dass die Gäste Messer brauchen. Oh? Messer? Richtig scharfe Messer noch dazu? Uiuiui. Hm. Am besten wäre es also vielleicht, wenn man dann die Tische derjenigen, die Steaks essen, mit einem Käfig umschließt?

Jimbo Wales schlussfolgert: Es ist keine gute Strategie, eine Gesellschaft nach dem Prinzip zu gestalten, dass man immer und überall mit dem Schlimmsten rechnet.

Ein schönes, einfaches Bild, das Jimbo Wales liefert, um die Hysterie beim Thema "Sicherheit" und die Folgen dieser Hysterie vor Augen zu führen.

Wer ausführlicher und mit wissenschaftlicher Untermalung erläutert haben möchte, wie unvernünftig Politiker und Sicherheitsbehörden und die Medien mit dem Thema "Bedrohung" umgehen, dem empfehle ich zusätzlich diese Artikel vom Sicherheitsexperten Bruce Schneier: Terrorists Don't Do Movie Plots, The Psychology of Security, Rare Risk and Overreactions.

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Dienstag, 22. Mai 2007

Google lädt Nutzer zu Usability-Tests ein

Blogspot/Blogger.com - wo dieses Weblog hier beheimatet ist - gehört zu Google. Beim Schreiben von Weblog-Einträgen bekommt man als Nutzer von Blogspot auch ein sogenanntes "Dashboard" zu sehen, wo es hin und wieder Neuigkeiten über den Service von Blogger/Blogspot oder Google zu lesen gibt. Heute fand sich die allgemeine Einladung an alle Blogger/Blogspot-Nutzer, gegen Geld bei Google-Nutzertests mitzumachen. Usability-Untersuchungen neuer Google-Produkte also. Mal wieder eine Gelegenheit für mich, kurz etwas über Usability zu schreiben und die böse Politik für einen Artikel außen vor zu lassen. :-)

Usability heißt: Gebrauchstauglichkeit, Benutzerfreundlichkeit, Bedienbarkeit... Und eines wird daraus deutlich: Google nimmt das Thema Usability ernst. Ich behaupte, dass ein großer Teil des Erfolges von Google genau darauf beruht. Und Google sind die Erkenntnisse aus solchen Studien auch einiges Wert: Pro Test, der circa eine bis anderthalb Stunden dauern soll, zahlen sie Teilnehmern 75$ (ohne Anfahrtskosten allerdings). Um am Test teilzunehmen, ist keinerlei besondere Vorbildung nötig. Ein Untersuchungsleiter von Google setzt sich dann mit der Testperson zusammen und testet mit dieser einen Person intensiv Prototypen neuer Google-Dienste oder Anwendungen. Sehr personalintensiv also! Daneben gibt es noch andere Tests, wohl auch Online-Umfragen oder das von einem Google-Mitarbeiter per Telefon angeleitete Bedienen eines Prototyps via Internet und so weiter. Die bei manchen so beliebten "Eyetracking-Studies" oder gar nur der Einsatz von Online-Befragungen reichen für Usability-Untersuchungen nicht aus. Um einen wirklichen Eindruck von der Bedienbarkeit eines Produktes zu bekommen, ist es am effektivsten, man lädt einen Nutzer ein, gibt ihm eine genau beschriebene Aufgabe, die er mit einem Prototypen des Produktes durchführen soll und beobachtet ihn während seiner Tätigkeit hinsichtlich vorher festgelegter Kriterien und Fragestellungen (Führt der Nutzer einen Test erfolgreich durch? Welchen Weg von xx möglichen Wegen wählt er? Wieviele "Fehler" macht er? Findet er den schnellsten Bedienweg? Und so weiter). Am besten zeichnet man alles auf Video auf und führt anschließend direkt nach dem Test auch noch ein Videokonfrontationsinterview durch. In dem darf der Tester dann, während er sich das soeben aufgezeichnete Video anschaut, genau beschreiben, warum er was zum Lösen der gestellten Aufgabe am Prototypen gemacht hat und wie er sich dabei gefühlt hat. Natürlich gibt es diverse Varianten dieses Vorgehens (zum Beispiel ohne Video, dafür aber mit der Aufforderung an die Testperson doch bitte während der Durchführung der Aufgabe "laut zu denken", um so den Beobachter zu informieren, warum er was mit dem Prototypen macht).

Die eigentliche Arbeit bei solchen Usability-Tests besteht jedoch nicht in der Durchführung, sondern in der Begleitung der Designer bei der Entwicklung des Produktes, in der Planung der Tests und anschließend in der Auswertung und dem Herunterbrechen der Ergebnisse auf konkrete Designvorschläge. Wenn man also auch nicht unbedingt Massen an Testpersonen braucht, so doch genügend Leute, die diese Tests beobachtend begleiten. Befragt man Testpersonen in Form eines Interviews, muss man festlegen, ob man die Antworten anschließend qualitativ auswerten möchte, also in Form einer Inhaltsanalyse dessen, was die Testpersonen zum Prototypen äußern, oder ob man die Antworten anschließend mittels statistischer Verfahren aggregieren und auswerten möchte und vielleicht sogar einen Indexwert für bestimmte Usability-Probleme berechnen will. Bei einer großen Firma wie Google, die ein weltweites Publikum bedient, wären Auswerter bei einer qualitativen Auswertung sicherlich schnell zeitlich überfordert. Denn ich vermute, dass Google viele Testpersonen einlädt, um wirklich sicherzustellen, dass ihre Produkte für die unterschiedlichsten Menschen weltweit bedienbar sind. Um derartige Tests zu planen und auszuwerten, braucht es dann meist beispielsweise ausgebildete Psychologen, die solche Testkonstruktionen im Studium lernen.

Schön finde ich folgende Antwort in der zugehörigen FAQ:

Frage: Does it involve having electrodes attached to my body?
Antwort: No. Sorry.

Oder diese hier:

Frage: A member of my family works at Google. Can I still sign up?
Antwort: Yes. If you ask them nicely, maybe they'll even invite you to lunch.

:-)

Ich spekuliere mal und vermute, dass Google aktuell Prototypen testet, bei dem die unterschiedlichen Google-Dienste noch stärker als bisher unter einer einheitlichen Oberfläche integriert werden. Klar, dass das intensive Usability-Tests erfordert. Oder es sind wieder mal noch ganz neue Google-Produkte im Anmarsch... Wer weiß?

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Dienstag, 8. Mai 2007

Ich warte nur auf den nächsten verhungerten Arbeitslosen

Der vor einigen Wochen in Speyer verhungerte Arbeitslose Sascha K. war also anscheinend psychisch krank, wie aus diesem Bericht der Jungen Welt deutlich wird: Systemfehler mit Todesfolge.

Dem Arbeitslosen waren vom Jobcenter alle Unterstützungleistungen gekürzt worden, weil er seinen Pflichten zur Arbeitssuche nicht nachkam. Bis zum Einsetzen der Hartz-IV-"Reform" unterstand der Mann der Fürsorge durch das Sozialamt und es wurde sich von Seiten der Behörden aktiv um ihn gekümmert. Hartz IV verbot dieses proaktive Kümmern dann.

Ich befürchte, dass Sascha K. nur der erste von vielen noch folgenden Toten sein wird. Jeder Psychiater kennt die Zahlen: Man schätzt beispielsweise, dass circa die Hälfte der depressiv Erkrankten ihre Depressionen nicht ärztlich behandeln lassen. Zum Beispiel, weil sie gar nicht ahnen, dass sie an Depressionen leiden. Depression ist eine Krankheit, die man sich kurz gesagt wie eine Lähmung vorstellen kann. An Depressionen erkrankte Menschen können sich nicht aufraffen, sie schaffen es nicht, den inneren Willensimpuls in Handlungen umzusetzen. Da hilft kein gutes Zureden, kein Auffordern, kein Zwang. Es ist dem Erkrankten genauso unmöglich, aktiv zu werden, wie es einem Querschnittsgelähmten unmöglich ist, auf seinen Beinen im Raum herumzuspazieren.

Ich weiß zwar nicht, ob Sascha K. an Depressionen erkrankt war - andere psychische Krankheiten könnten genauso Ursache seiner Hilfsbedürftigkeit gewesen sein - aber wegen der weiten Verbreitung von depressiven Erkrankungen innerhalb der Bevölkerung (es gibt Schätzungen, dass bis zu 10% der Bevölkerung mit depressiven Störungen zu kämpfen haben) ist es nahezu zwingend, dass in den nächsten Monaten und Jahren weitere Todesfälle auftreten werden, weil derart psychisch Erkrankte häufig nicht in der Lage sein werden, offensiv Hilfe bei den Behörden für sich einzufordern.

Depression kann übrigens jeden erwischen. Eine Krankheit eben. So wie Tuberkulose, Aids, Grippe und so weiter. Die genauen Ursachen von Depressionen sind noch umstritten (mehr Informationen zur Depression zum Beispiel hier). Die Krankheit trifft also nicht etwa vor allem Arme. Sie führt aber häufig zur Verarmung und damit in die Fänge von Hartz-IV. Über die Zeit werden sich also immer mehr an Depression Erkrankte in der gleichen Situation befinden wie Sascha K. Es kann den Top-Manager treffen, die Putzfrau, den Angestellten, den Azubi und Studenten. Hartz-IV kann für diese Menschen zur Todesfalle werden. Besonders gefährdet werden solche Menschen sein, deren soziale Kontakte schon vor der Erkrankung gering und schwach ausgeprägt waren. Und dieses Phänomen der sozialen Vereinsamung betrifft bekanntlich in unserer modernen Gesellschaft ebenfalls alle Schichten. Kennzeichen der Depression ist zudem, dass der Betroffene sich zusätzlich zurückzieht. Es müssen also meist schon Familienangehörige sein oder Leute, mit denen der Depressive schon lange zusammen lebt, damit diese den Erkrankten geradezu gewaltsam dazu drängen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Der Depressive selbst klagt zwar intensiv über sich und seine Situation, ist aber aus eigener Kraft nicht in der Lage, sich aus ihr herauszuarbeiten. Ihm fehlt nicht Einsicht, sondern Kraft.

Psychische Erkrankungen sind in der Öffentlichkeit noch weniger ein Thema als der Tod oder das Sterben oder solche Krankheiten wie Aids. Psychische Erkrankungen sind quasi das Tabu schlechthin. Kein Wunder also, dass man auch bei der Ausgestaltung der Hartz-IV-Reformen dieses Thema anscheinend viel zu wenig berücksichtigt hat.

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Mittwoch, 11. April 2007

Leidet Schäuble an PTBS?

Nachdem ein gewisser Peter Mühlbauer von Telepolis.de zuerst ein lesenswertes Interview mit Dr. Markos Maragkos über die psychische Störung namens "Posttraumatische Belastungsstörung" (PTBS) geführt hat, versucht Mühlbauer in einem weiteren Artikel zu ergründen, ob unser Bundesinnenminister Schäuble eventuell an PTBS leiden könnte. Als Ausgangsverdacht für seine Vermutung zieht Mühlbauer das Attentat auf Schäuble im Jahr 1990 und Schäubles jüngste Gesetzesvorschläge zur inneren Sicherheit heran.

Mühlbauers Verdacht hört sich für den Laien zunächst bestechend an: Schäuble wird Opfer einer Tat, die tatsächlich bei vielen PTBS zur Folge hat und anschließend scheint Schäuble "hypervigilant" gegenüber Gefahren zu sein:

Schäuble verhält sich auffällig und dieses auffällige Verhalten passt auffallend gut in die Symptomatik der Posttraumatischen Belastungsstörung. Vor allem die Hypervigilanz, die übersteigerte Schreckhaftigkeit, das Wahrnehmen abstrakter Gefahren als konkret und die dementsprechend falsche Interpretation dessen, was geeignet, erforderlich und angemessen ist. (Quelle)


Diese Deutung geht jedoch fehl. Die bei der PTBS gemeinten Verhaltensänderungen betreffen konkrete, situationsbedingte, reale körperliche Reaktionen und Verhaltensweisen. Abstrakte kognitive Arbeit, somit auch Gesetzesvorschläge, sind kaum als Folge einer PTBS in irgendeiner Weise sinnvoll zuzuordnen und werden höchstwahrscheinlich nicht in derartiger Weise durch eine PTBS verursacht. Das Verhalten (sei es emotional, kognitiv oder körperlich), das duch eine PTBS verursacht wird, zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es unmittelbar und unkontrollierbar für den Betroffenen auftaucht. Mit der "Hypervigilanz", die Mühlbauer anführt, ist beispielsweise eher eine körperlich-psychische Reaktion auf konkrete Reize hin gemeint als eine allgemeine, abstrakte Werte-Einstellung. Hypervigilanz meint also nicht etwa den Wunsch nach mehr Überwachung, sondern eine erhöhte Schreckhaftigkeit oder eine allgemein erhöhte körperlich-emotionale Angespanntheit - im Gegensatz zum Beispiel zu einer Mattheit oder Schläfrigkeit. Soweit ich weiß braucht das Erarbeiten einer Gesetzesvorlage jedoch einige Zeit und erfordert viele Gespräche und Abstimmungsarbeit mit Kollegen. Gesetzesvorlagen sind also das Ergebnis langer, harter, konzentrierter, abstrakter und vor allem kontrollierter kognitiver Tätigkeit. Die Symptome einer PTBS dagegen sind durch den Betroffenen nicht kontrollierbar, an konkreten Verhaltensweisen und konkreten Auslösern festzumachen und eher emotional-körperlicher Natur.

Es mag sein, dass Mühlbauer einfach nach (zu) kurzem Studium der Symptome einer PTBS einen dummen Schnellschuss in Form seines zweiten Artikels abgegeben hat ohne nachzudenken (es hat halt seinen Grund, warum die Diagnose psychischer Störungen normalerweise von Fachleuten durchgeführt wird). Es könnte aber auch sein, dass sein Artikel gewollt Schäuble ans Bein pinkeln wollte mit seiner "Diagnose" einer PTBS.

Wie in diesem Weblog hier sicherlich deutlich wird, halte ich von den Plänen Schäubles nicht nur nichts, sondern halte sie sogar für gefährlich für unseren freiheitlichen Rechtsstaat. Allerdings tut man niemandem einen Gefallen damit, Schäuble abseits einer politischen Auseinandersetzung mit seinen Plänen, auf einer sehr persönlichen Ebene angreifen zu wollen. Es schadet der politischen Diskussion, weil es von ihr ablenkt und Nebenkriegsschauplätze eröffnet, auf denen der Gegner nur gewinnen kann. Und außerdem diskriminiert Mühlbauer mit seinem Vorgehen psychisch Kranke. Ich zumindest sehe die Gefahr, dass die ungerechtfertigten Vermutungen in Richtung Schäuble allgemein psychisch kranke Menschen als "gefährlich" stigmatisieren könnten.

Update: Hier noch ein lesenswerter offener Brief von Christiane Link an den Telepolis-Chefredakteur Florian Rötzer. Christiane Link stellt dar, dass der Text von Mühlbauer auch Querschnittsgelähmte diskriminiert:

Da schafft es Ihr Redakteur nicht, die Politik Schäubles zu kritisieren ohne auf seine Behinderung abzuheben. Er konstruiert 17 Jahre nach dem Attentat eine psychische Erkrankung, für die er keine Belege hat. Er schließt sogar von einem der dümmsten Vorurteile über Querschnittgelähmte (hat keine Sexualität) auf Schäubles Geisteszustand. Er schreibt über die Lebensqualität Schäubles, wie einschneidend die Veränderung von einem Leben ohne und mit Behinderung ist etc. ohne wirkliche Kompetenz. Und der ganze Artikel wird noch getoppt mit einem Bild von einem Rollstuhl, wie ihn sich nicht behinderte Menschen vorstellen, der aber nichts mit den Rollstühlen zu tun hat, die in zivilisierten Ländern von aktiven behinderten Menschen wie Wolfgang Schäuble genutzt werden. [...] Egal was ein Mensch mit Behinderung macht, es wird immer auf seine Behinderung zurück geführt. (Quelle)


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Dienstag, 10. April 2007

Die mystische Macht von Bildern, Tönen und Texten

Früher, als das Leben noch einfach war und die Gefahren klar zu benennen (Hunger, Kälte, ein auf einen zulaufender wütender Löwe bei gleichzeitigem Fehlen spitzer Pfeile im Köcher, Missgeschicke wie Beinbrüche oder das Essen von verdorbener Nahrung - vor allem wenn der Medizinmann des eigenen Stammes mal wieder betrunken in der Hängematte ruhte, statt sich um einen zu kümmern...), hatten solche TV-Magazine wie "Panikorama" oder "Brutal 21", ganz zu schweigen von "Aaahhh-spekte", keine Chance mit ihren Storys über hochgefährliche "Killerspiele" oder die noch viel schlimmere "Computersucht". Stattdessen lungerte man abends am Lagerfeuer und war froh, etwas im Bauch zu haben, sich kein Bein gebrochen zu haben und nicht vom Löwen erwischt worden zu sein. Da reichten der Anblick des Sternhimmels und das knisternde Feuer und die ARD und das ZDF hatten einen schweren Stand mit ihren Programmen.

Als die Löwen es leid waren, Menschen anzugreifen und der Medizinmann keine Lust mehr auf alkoholische Getränke hatte (der Grund hierfür muss von der Forschung noch geklärt werden), suchten die Menschen Ersatz für die immer weniger werdenden Gefahren und erfanden schließlich etwas viel Gefährlicheres als Hunger, Kälte und wütende Löwen: Die Kultur. Mit der Folge, dass es plötzlich überall Gefahren gab.

Kultur heißt: Tonfiguren, Bilder, Musik und natürlich Geschichten, später Texte und noch viel Später bewegte Bilder und (jetzt bitte ganz mutig sein) Computerspiele.

Jetzt war nicht mehr nur der real vor einem stehende Löwe angstauslösend, sondern desgleichen Bilder und Geschichten von ihm. Die Gefahr gelangte als Bild, Ton oder Text quasi in den Menschen hinein. Der Löwe fraß nicht mehr den Menschen auf, sondern er fraß sich mittels der Kultur in die weiche Gehirnmasse hinein. Das aber fortdauernd. Die Kultur führte somit zu fordauernden Löwenangriffen bei allen Menschen, während zuvor nur wenige Menschen Löwenangriffen ausgesetzt waren.

Da der Mensch jedoch nicht dumm ist, versuchte er sich auch gegen die Folgen der von ihm erfundenen Kultur zu wehren. Statt sich nur um ausreichend spitze Pfeile im Köcher zu kümmern, reglementierte er jetzt auch den Genuss von Löwengeschichten. So durften Neanderthaler-Kinder pro Tag nur drei Löwengeschichten hören. Das führte bekanntlich zu derben Streitereien in den Neanderthaler-Familien, da die Kinder inzwischen süchtig nach Löwengeschichten geworden waren. Die Folgen sind bekannt: Die Neanderthaler starben aus.

Noch klügere Menschen versuchten, sich die Macht der Kultur zu Nutze zu machen und sie ins Positive zu verkehren. So schufen angeblich die alten Griechen ihre wunderschönen Statuen, um Schönheit und Edelmut hervorzurufen bei den Betrachtern. Später entstand daraus bis ins 18. Jahrhundert vor allem beim Adel die Sitte, beim Zeugen von Nachwuchs schöne Bilder oder Statuen anzuglotzen, damit sich das schöne Antlitz der auf den Bildern dargestellten Menschen auf die Kinder übertrug. Der Deutschlandfunk berichtete vor ein paar Tagen in einer ausführlichen Sendung über diese "Callipaedia", der Erziehung zur Schönheit, die später jedoch vor allem zur Kunst, schöne Kinder zu zeugen, wurde:

Als Leser von Claude Quillets "Callipaedia" muss man sich also junge Adelige vorstellen, die alles über die richtige Partnerwahl oder die Bestimmung des passenden Zeitpunkts für die Zeugung wissen wollten. [...] Dabei betont er [Claude Quillet; Anmerkg. von mir] besonders eindringlich, wie wichtig es sei, dass die Frau - wohlgemerkt nur die Frau! - im Moment der körperlichen Vereinigung sowie während der Schwangerschaft schöne Dinge anschaut. Am schönsten aber seien nicht die Werke der Natur, sondern die der Kunst. Daher müssten im Schlafzimmer Gemälde oder Skulpturen aufgestellt werden. Nur so ließen sich Missbildungen und unliebsame Überraschungen beim Nachwuchs verhindern. (Quelle)


In den letzten beiden Jahrhunderten vergaß man leider die Macht der Bilder zunächst wieder und Maler verarmten bekanntlich zunehmend. Bis das Wissen um die Macht der Bilder bei der Diskussion um den schädlichen Einfluss von Horrorfilmen und nun Computerspielen wieder größere Verbreitung fand.

Ein Hirnforscher namens Manfred Spitzer behauptet heute sogar, dass alles, was durch unsere Sinnesorgane in unser Gehirn kommt, sich dort quasi einbrennen würde und unser Verhalten unbewusst und kaum durch uns beeinflussbar formen würde.

Man könnte nun denken: Können Bilder, Texte, Töne, Computerspiele, sprich Medien wirklich so mächtig wirken? Haben "Panikorama", "Brutal 21" und all die anderen aufrüttelnden Fernsehsendungen und Zeitungsartikel also Recht mit ihrer Warnung vor dem Killerpotenzial der auf unsere Netzhaut und in unsere Ohren eindringenden Signale?

Und ich sage: Natürlich! Man vergleiche doch nur einmal die Anzahl der in Deutschland im letzten Jahr durch reale Löwen angegriffenen Personen mit der Anzahl der Leute, die Killerspiele spielten und anschließend durch irgendwas zu Tode kamen. Die Statistik beweist: Reale Löwenangriffe sind keine Gefahr mehr. Also müssen an den verbleibenden Todesfällen logischerweise die Killerspiele schuld sein.

Die Medien formen uns und unser Gehirn. Könnte sonst zum Beispiel eine neue Therapie-Form gegen das Dicksein so erfolgreich sein, dass die Anzahl der Dicken in der Gesellschaft seit Erfindung der sogenannten "Hör-Therapie" (www.hoer-dich-gesund.com) aber sowas von rapide abgenommen hat?

So erklärt Hoer-dich-gesund.com die Wirkung der Doppel-CD "Übergewicht":

Man hört eine speziell kombinierte Musik, die körpereigene Glücks- und damit Sättigungshormone aktivieren kann. Man macht eine Tiefenentspannung, die die Muskeln löst und so auf natürliche Art dafür sorgt, das man entkrampft und daher den Stoffwechsel sowie den Fettabbau erleichtert. Man macht eine speziell entwickelte Visualisierung, die zu einem dauerhaften neuen Ess- und Körpergefühl führt und Diäten und Wundermittel überflüssig macht. Durch jede Übung wird man fachmännisch geführt und geleitet. Man selbst schließt nur die Augen, hört zu und konzentriert sich dank der Hör-Therapie ausschließlich auf die Überwindung des Problems – ganz ohne Chemie, ganz ohne Nebenwirkungen.


Panikorama, Brutal 21 und Hoer-dich-gesund.com beweisen: Hütet euch vor der Macht der Sinneseindrücke! Hütet euch vor Löwengeschichten und Killerspielen! Hört auf die Warner! Schaut beim Sex auf schöne Statuen oder Gemälde und hört schlank machende Audio-CDs, aber macht ansonsten eure Augen und Ohren zu!

Und wie soll ich dann hören, ob das Telefon klingelt, wird jetzt mancher Oberschlauer einwenden. Pah! Auch darauf gibt es längst eine Antwort: Die gesundmachenden Klingeltöne von Hoer-dich-gesund für nur schlanke 5 Euro nochwas pro Stück.

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