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Sonntag, 2. Dezember 2007

Geld für PISA-Testteilnahme: Welche Folgen hat das?

Ich lese gerade in mehreren Artikeln, dass manche Länder beim PISA-Test den Schülern für ihre Teilnahme Geld oder Gutscheine übergaben - für die Teilnahme an sich und wohl nicht je nach ihrem Abschneiden beim PISA-Test.

Und ich merke den Medienberichten eine gewisse Konfusion an, weil davon gesprochen wird, dass die Wissenschaftler sich uneins seien, ob solch eine Entlohnung oder "Aufwandsentschädigung" nun die Ergebnisse beeinflusst haben könnten oder nicht.

Hier muss man zwischen zwei Beeinflussungsmöglichkeiten unterscheiden:

1.) Es könnte sein, dass bei den Schülern die Leistungsmotivation beim Durchführen des Testes erhöht wurde und sie so bessere Leistungen abgaben als jene Schüler, die für die Teilnahme nichts bekamen.

Hier wird berichtet, dass Vortests ergaben, dass solch ein leistungssteigernder Effekt anscheinend beim PISA-Testkatalog nicht signifikant nachgewiesen werden konnte. Eigentlich sollte ein Test, der das Wissen abfragen will, auch so konstruiert sein, dass er nicht die Motivation der Schüler misst, sondern eben ihr Wissen. Es wäre also ein schlechtes Zeichen für die Validität des PISA-Tests, wenn kleinere Motivationsunterschiede der Schüler bereits große Auswirkungen hätten auf das Test-Ergebnis. Es ist davon auszugehen, dass man bei der Konstruktion des PISA-Testverfahrens darauf geachtet hat, solch eine Verfälschung des Ergebnisses durch die Motivation der Kinder möglichst auszuschließen. Außerdem kann man davon ausgehen, dass Schüler, die am Test teilnehmen - egal ob sie dafür Geld bekamen oder nicht - allgemein daran interessiert sind, gut abzuschneiden. Eine normal hohe Motivation kann also erwartet werden. Geldgeschenke können diesen Motivationsgrad vermutlich kaum dermaßen anheben, dass die Leistungsergebnisse signifikant ansteigen. Dies zeigen unterschiedliche psychologische Studien zur Wirkung der Entlohnungshöhe auf die Leistungsbereitschaft. Nicht die tatsächliche Höhe der Entlohnung spielt hierbei die größte Rolle, sondern die Wahrnehmung der Entlohnung als angemessen. Schon das eigene Selbstbild drängt einen normalerweise dazu, sich einigermaßen intensiv anzustrengen. Erleben die Kinder die Teilnahme am PISA-Test also nicht als unfair, sollte auch bei einer nicht vorhandenen Aufwandsentschädigung bei der Mehrheit der Schüler eine normal hohe Motivation gegeben sein. Ausreißer nach unten hinsichtlich der Motivation, also Schüler, die absolut nicht motiviert sind und sich bewusst verweigern, sollten durch im Test eingebaute Vorgaben aussortiert werden können oder sich statistisch ausgleichen.

2.) Schwerer wiegt die Vermutung, dass dank der finanziellen Anreize sich vor allem nur bestimmte Schüler für die Teilnahme am PISA-Test meldeten. Statt also einen Durchschnitt aller Schüler eines Landes zu messen, hätte man dann nur jene Schüler gemessen, die den Test vielleicht eher nicht freiwillig durchgeführt hätten. Denkbar ist auch, dass es rund um die Implementierung einer Zahlung einer Aufwandsentschädigung andere Auswahleffekte gegeben hat. Vielleicht wurden so beispielsweise über die Möglichkeit, am Test teilzunehmen (und sich mal eben 50 Dollar zu verdienen) nur jene Schüler informiert, die allgemein gut informiert sind über das, was an ihrer Schule vorgeht. Oder vielleicht wurden von Lehrern sogar gezielt Schüler mit der Möglichkeit der Teilnahme "belohnt"? Aus der Testteilnahme könnte so durch die Aufwandsentschädigungen ein begehrtes, knappes Gut geworden sein, das sich vor allem erfolgreichere Schüler angeln konnten als Möglichkeit für einen kleinen Zusatzverdienst.

Das Problem wäre also weniger, dass Schüler durch Geschenke stärker motiviert wurden bei der Durchführung des Tests, sondern dass die Einführung einer Aufwandsentschädigung in manchen Ländern einhergegangen sein könnte mit einer speziellen Auswahl spezieller Schüler. Dies wäre jedoch kein Fehler am Testdesign des PISA-Tests selbst, sondern ein Fehler bei der Durchführung des PISA-Tests. Anders gesprochen: Wer ein Messinstrument falsch anwendet, darf sich nicht wundern, wenn er unbrauchbare Messergebnisse bekommt. Wer die Temperatur nicht im Schatten, sondern in der Sonne misst, darf sich nicht wundern, wenn er andere Messergebnisse bekommt als die der örtlichen Wetterstation.

Aber ich weiß schon, wie man diese neuen Nachrichten rund um den PISA-Test am Montag in Deutschland politisch kommentieren wird. Und das weiß ich, obwohl ich keine Kristallkugel im Schrank habe.

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Samstag, 1. Dezember 2007

Union passt das PISA-Wetter nicht, also soll neuer Wettermann her

Netzeitung.de berichtet:

Bundesbildungsministerin Annette Schavan hat sich am Freitag der Kritik ihrer Unionskollegen angeschlossen. [...] Auch der niedersächsische Kultusminister Bernd Busemann (CDU) forderte Schleicher am Freitag zum Rücktritt auf und sprach sich dafür aus, auf längere Sicht aus der PISA-Studie auszusteigen. (Quelle: Netzeitung.de)


Könnte es sein, dass die Unions-Kultusminister und Frau Schavan, "Bildungs"- Ministerin, auch den Rücktritt von "Tagesthemen-Strömungsfilm"-Präsentatoren (sprich vom "Wettermann") fordern würden, wenn ihnen das präsentierte Wetter nicht passt?

Für wie bescheuert halten uns die Unionskultusminister und Frau Schavan eigentlich?

Da entsprechen die Ergebnisse aus der PISA-Studie also nicht den Wünschen und deshalb droht man aus dem PISA-Test auszusteigen? Das ist so lächerlich, dass man es kaum mit Worten beschreiben kann.

Und was soll dann geschehen? Will man dann die Schulleistungen sicherheitshalber nicht mehr wissenschaftlich evaluieren? Damit die Politiker wieder freies Feld haben für ihre Propaganda? Oder möchte man einen neuen, wissenschaftlichen Test? Da muss die Frage erlaubt sein: Warum? Gibt es wissenschaftlich etwas derartig auszusetzen am PISA-Test, dass seine Ergebnisse unglaubwürdig sind? Da würde ich aber gerne mal die Argumente hören von diesen Bildungsfritzen der Union.

Die Gründe für das Unbehagen der Union liegen wohl darin, dass PISA ein internationaler Vergleichstest ist. Und da die Verbesserung des Bildungssystems eine Sache von vermutlich eher Jahrzehnten als Jahren ist und die Union sich doch so gerne schon vor den nächsten Landtagswahlen als die "Bildungs-Partei" darstellen will, will man vermutlich schlicht diesen lästigen PISA-Test loswerden und ihn ersetzen durch einen rein nationalen Evaluationstest. Da ist Deutschland dann immer Spitze und die bayerischen Schulen am spitzesten und das lästige Skandinavien mit seinem guten Schulsystem führt nicht mehr zu unerwünschten Irritationen.

Mal sehen, wie das jetzt weiter geht und bei welchen anderen Themen und Fachgebieten die Union dann bald die Abschaffung wissenschaftlicher Expertise vorantreibt. Mit den Deutschen und ihren Medien kann man es ja anscheinend machen, ohne dass es auffällt.

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Freitag, 30. November 2007

Sind PISA-Testergebnisse pure Ideologie?

Tests wie beispielsweise der PISA-Test zur Erfassung des Lernerfolges bei Schülern sind hochkomplexe Produkte. Sie werden in mehreren Stufen nach international anerkannten, wissenschaftlichen Kriterien konstruiert. Das Gebiet der "Testkonstruktion" ist ein eigenständiger Forschungsbereich innerhalb der Sozialwissenschaften wie beispielsweise der Psychologie.

Solch ein Test, ob nun der PISA-Test oder einer der bekannten IQ-Tests (beispielsweise der Hamburg-Wechsler-IQ-Test), ist ein wissenschaftlich austariertes Messinstrument. Sozialwissenschaftler haben das Problem, dass es für das, was sie messen wollen (also beispielsweise Lernerfolg oder Intelligenz), keine physikalischen Messapparaturen wie Thermometer, Barometer, Hydrometer und dergleichen gibt. Sozialwissenschaftler müssen sich deshalb ihre Messapparate selber bauen. Und genau diese Fragenkataloge oder Leistungs- oder Wissenstests sind die Messapparate der Sozialwissenschaftler.

Genau wie ein Thermometer oder Barometer geeicht werden muss, so muss bei den sozialwissenschaftlichen Tests sichergestellt sein, dass sie genau sind. "Genau" heißt in diesem Fall, dass sie tatsächlich das messen, was sie messen sollen und dass sie zuverlässig messen, also nicht mal in einer Situation empfindlicher als Messinstrument reagieren und in anderen Situationen nicht "anschlagen". Wenn ein Thermometer also statt der Temperatur den Luftdruck messen würde, wäre das schlecht. Außerdem wäre es schlecht, wenn ein Thermometer in Deutschland genauer funktionieren würde als in Frankreich. Bezogen auf sozialwissenschaftliche Tests heißt das beispielsweise, dass bei einem IQ-Test erfasst werden soll, wie schnell jemand denken kann und nicht, welches Vorwissen er mitbringt, wieviel jemand weiß. Die PISA-Tests hingegen wollen messen, wieviel jemand lernen konnte. Der PISA-Test interessiert sich also im Gegensatz zu einem IQ-Test für das Wissen, das jemand erlernt hat. Wenn ein IQ-Test oder ein PISA-Test nun in einem Land genauer messen würde als in einem anderen Land, dann wäre das schlecht. Auch wenn ein IQ-Test oder ein PISA-Test gestern etwas anderes messen würden als heute, wäre das schlecht. Genauso wie es schlecht wäre, wenn ein Thermometer heute die Temperatur korrekt anzeigt, morgen jedoch nicht mehr. Man könnte in diesem Fall die Temperaturmessungen nicht mehr über mehrere Tage miteinander vergleichen und könnte keine Aussagen darüber treffen, ob sich beispielsweise die Durchschnittstemperatur in den letzten Wochen erhöht hat oder nicht.

Sozialwissenschaftliche Tests sind also Messinstrumente. Anders jedoch als Messinstrumente, die physikalische Eigenschaften messen, ist ihre Konstruktion weitaus komplizierter.

So werden beispielsweise die einzelnen Items eines Tests mit statistischen Methoden daraufhin überprüft, ob sie alle unterschiedliche Aspekte des abzufragenden Themas messen. Man möchte ja beispielsweise beim PISA-Test nicht das Wissen in Geschichte dutzendmal in mehreren Items abfragen, mathematisches Wissen jedoch nur in einer Aufgabe oder einem Item. Außerdem müssen die Fragen verständlich sein und beim PISA-Test müssen die Frage-Items oder Leistungstests so konstruiert sein und so vielfältig sein, dass man mit ihnen auch die unterschiedlichen Ausprägungen des Wissens und des Lernerfolges messen kann. Es nutzt nichts, wenn man am Ende vorwiegend Kinder hat, die entweder alle Aufgaben lösen konnten (weil sie zu einfach waren) oder gar keine Aufgaben lösen konnten (weil sie zu schwierig waren).

Sozialwissenschaftliche Tests unterlaufen aus diesen Gründen eine Reihe von Vortests, in denen man Teile des Gesamttestes ausprobiert an Testpersonen, um die Fragen und Items und Leistungstests anschließend weiter zu justieren und den Test zu verändern.

Es ist außerdem nicht unüblich, als "fertig" bezeichnete Tests doch noch einmal Jahre später zu korrigieren und feinzujustieren, um bessere Messergebnisse zu bekommen.

Wird bei einer solchen nachträglichen Justierung jedoch der Test noch einmal erheblich verändert, entsteht das Problem, dass seine Testergebnisse eventuell nicht mehr vergleichbar sind mit den Testergebnissen der Test-Vorgängerversion.

Und genau dies scheint bei dem heutigen PISA-Test der Fall zu sein. So stellt es jedenfalls der OECD-Pisa-Koordinator Andreas Schleicher dar und jeder Sozialwissenschaftler wird seine Ausführungen als logisch und glaubwürdig betrachten.

So wird plötzlich aus einer scheinbaren Verbesserungen der Leistungen der deutschen Schüler beim aktuellen PISA-Test, eine eventuelle, noch nicht sicher nachweisbare Verbesserung der Leistung. Denn um solch eine Verbesserung wissenschaftlich gesichert nachweisen zu können, müsste die jetzige Version des PISA-Tests erst noch mehrmals angewendet werden.

Die Unions-Kultusminister jedoch sehen in den Äußerungen von Andreas Schleicher, dass also die scheinbare Verbesserung der Leistung deutscher Schüler nicht so sicher ist wie das zunächst aussieht, pure Politik und ideologische Befangenheit. So als wolle Schleicher den deutschen Kindern und dem deutschen Schulsystem keinen Erfolg gönnen. Die Unions-Kultusminister fordern gar deshalb den Rücktritt von Andreas Schleicher, wie Tagesschau.de berichtet.

Die Rücktrittsforderung der Unions-Kultusminister gegenüber Schleicher wirkt extrem lächerlich, wenn man sich etwas mit dem Problemfeld der "Testkonstruktion" auskennt. Die Unions-Kultusminister sollten sich vielleicht zunächst etwas schlauer machen, bevor sie mit unhaltbaren Anschuldigungen um sich werfen.

Sonst könnten noch Rücktrittsforderungen in ganz anderer Richtung laut werden.

Aber ich glaube eh, dass die Kultusminister ihre Rücktrittsforderungen nicht ernst meinen. Aber sie sind natürlich prächtig geeignet, um damit abzulenken von den Schwächen des deutschen Schulsystems, für die sie die politische Verantwortung tragen. Und dieses Ablenkungsmanöver wird funktioniern. Weil die deutschen Medien keine Kraft haben, um sich mit den Hintergründen eines PISA-Tests zu beschäftigen und diese dem Publikum zu erklären, befürchte ich.

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Freitag, 19. Oktober 2007

Studenten als risikolose, renditestarke Anlage für Bildungsfonds

Die Wissenschaftssendung "Nano" von 3Sat brachte gestern einen interessanten Beitrag über die Leute, die kräftig an den neu eingeführten Studiengebühren in vielen Bundesländern verdienen. Link zum Video in der 3Sat-Mediathek (anders als früher, scheint jetzt die direkte Verlinkung von Video-Beiträgen zu funktionieren!). Artikel zum Video: Studenten als Kapitalanlage.

Darin:

Dr. Frank Steinmetz hat einen Fonds gegründet, in den Kapitalanleger einzahlen und der Studenten fördert: die deutsche Bildung als Anlagegesellschaft. Die Studenten zahlen von ihrem späteren Einkommen eine definierte Zeit lang definierte Prozentsätze zurück. Die Anleger gehen von einer guten Rendite aus, weil sich ihre Investionen auf unterschiedliche Fächer verteilen. Da die Gehälter der dann einstigen Studenten mit der Inflation steigen, sind auch die Investoren vor Inflation geschützt.

Die Deutsche Bildung will aber nur jenen Geld leihen, von denen sie glaubt, dass sie auch studieren sollten. [...] Entscheidend ist auch die Aussicht auf einen überdurchschnittlichen Verdienst nach der Hochschulausbildung. (Quelle: 3Sat.de, Nano)


Solch ein Fonds ergibt natürlich nur einen Sinn, wenn Studenten auch Kredite aufnehmen müssen, um studieren zu können. Dank der neuen Studiengebühren und des weiterhin mauen Bafögs entstand hier also ein extrem lukrativer Anlagemarkt mit gleichzeitig kaum vorhandenem Risiko für die Anleger. Den Studenten wird aufgedonnert, bestimmte Prozentsätze ihres späteren Einkommens anschließend zurückzuzahlen. Dies kann in der Summe weit mehr sein als bei üblichen Bankkrediten. Weil der Student sich jedoch in einer unsicheren Lage befindet (er kann ja am Anfang seines Studiums nicht sagen, was er später verdienen wird - der Fonds jedoch kann diese Unsicherheit über viele Studenten hinweg ausgleichen), kann der Fonds genau aus dieser Unsicherheit Kapital schlagen und derartige Prozentwerte bei der Rückzahlung des Kredites einfordern.

Die Bundesländer haben wegen der Studiengebühren den Universitäten teilweise die Zuwendungen weiter gekürzt. Die Unis haben also nicht mehr oder nicht wesentlich mehr Geld zur Verfügung als vor Einführung der Studiengebühren. Immer noch gibt es eklatant zu wenige Studienplätze. Es werden sogar weiter Professorenstellen nicht wieder neu besetzt, weil schlicht das Geld fehlt. Dass die Studierendenquote in Deutschland zur Zeit sinkt, ist also kein gottgegebenes Ereignis, sondern hat handfeste Gründe. Der volkswirtschaftliche Schaden für die deutsche Wirtschaft, die vor allem wegen ihrer Innovationskraft an der Weltspitze liegt, dürfte bereits mittelfristig gesehen enorm sein.

Aber Bertelsmann und Co. und einige wenige Fonds machen gute Geschäfte mit dem System der Studiengebühren. Und das ist ja das Wichtigste. Oder?

Übrigens: Typisch für die öffentlich-rechtlichen Sender: Nach dem Zeigen des kritischen Berichtes musste der Moderator im Studio in seiner Abmoderation des Beitrages (warum müssen Beiträge überhaupt abmoderiert werden?!), schnell alles wieder "gerade" rücken und das Studiengebührmodell als das Non-Plus-Ultra und der Weisheit letzter Schluss loben. Warum macht man dann überhaupt einen kritischen Beitrag, wenn die Abmoderation am Ende behauptet, dass doch alles prima ist? Ist das ein billiger, "von oben" angeordneter Versuch, die Kritik am System nicht ganz so deutlich rüberkommen zu lassen? Oder sind das eingefleischte Reflexe der Studio-Mitarbeiter, denen Kritik am System nicht ganz geheuer ist?

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Mittwoch, 17. Oktober 2007

Intelligentes Leben im Radio gefunden!

Mit wachsender Verzweifelung muss ich feststellen, dass es kein intelligentes Leben im Fernsehen mehr gibt. Irgendeine schlimme Seuche hat gewütet und ließ nur noch Stumpfsinn, Wiederholungen und dämliches Geplapper zurück.

In einem großangelegten Forschungsprojekt bin ich deshalb in den letzten Minuten der Frage nachgegangen, ob es vielleicht noch intelligentes Leben im Radio gibt. Nach einigen Fehlalarmen, die intelligentes Leben vorgaukelten, es jedoch nicht waren, bin ich dann doch noch auf Radiosendungen gestoßen, die Anzeichen von Intelligenz erkennen lassen. Stolz möchte ich hier die Ergebnisse dieser, meiner Expedition präsentieren in Form von Links auf die Podcasts zu den gefundenen Radiosendungen. Auf dass die Erforschung dieser seltenen Lebensformen wachse und gedeihe!

  • All in the mind - Eine Sendung von ABC. Podcastlink zur Sendung. Inhalt: "All In The Mind is Radio National's weekly foray into the mental universe, the mind, brain and behaviour - everything from addiction to artificial intelligence."
  • The Archaeology Channel - Vom "Archaeological Legacy Institute", einer Non-Profit-Organisation in Oregon. Die Homepage bietet auch Videos. Podcastlink zur Sendung. Inhalt: "Explore the human cultural heritage through streaming media. Travel through time and feed the thrill of discovery. Examine the wonderful diversity of the human experience!"
  • Quirks & Quarks - Eine Sendung von CBC. Podcastlink zur Sendung. Inhalt: "Quirks & Quarks covers the quirks of the expanding universe to the quarks within a single atom… and everything in between." Sehr empfehlenswert! Kurzweilig, überraschend, lehrreich. Kennzeichen der Sendung sind die vielen Interviews mit den Forschern selbst. Der Host Bob McDonald schafft es dabei, das Gespräch verständlich und unterhaltsam zu gestalten. Durch das direkte Interview mit den Forschern werden zudem typische "Journalistenfehler" bei der Darstellung von Wissenschaft vermieden. Es wird vermieden, dass Forschungsergebnisse falsch dargestellt oder falsch eingeordnet werden oder falsche Schlüsse aus ihnen gezogen werden.
  • Chaosradio - Vom Chaos Computer Club. Podcastlink zu allen Chaosradio-Produktionen. Inhalt: "Das Chaosradio Podcast Network ist eine Reihe von Radioosendungen, Podcasts und anderen Inhalten, die via Podcasting angeboten werden. In diesem Podcast sind folgende Kanäle zusammengefasst: Chaosradio, Chaosradio Express, Chaosradio International und Chaos TV."
  • Delta - Ein TV-Magazin von 3Sat. Podcastlink zur Sendung. Der Podcast enthält den Kern jeder Delta-Sendung, nämlich die Gesprächsrunde mit den jeweils eingeladenen Experten. Inhalt: "Ein Thema, viele Perspektiven, interdisziplinäre Diskussionen: 'delta' will die unterschiedlichen Disziplinen und Interessen miteinander ins Gespräch bringen."
  • Essay und Diskurs - Eine Sendung vom Deutschlandfunk. Podcastlink zur Sendung.
  • From Our Own Correspondent - Eine Sendung der BBC. Podcastlink zur Sendung. Inhalt: "Insight, wit and analysis as the BBC's foreign correspondents take a closer look at the stories behind the headlines."
  • Der Tag - Sendung von HR 2. Podcastlink zur Sendung. Inhalt: Ein pointierter, detallierter und oftmals ironisch angehauchter Blick auf ein aktuelles, politisches Thema.
  • In Our Time - Eine Sendung der BBC. Podcastlink zur Sendung. Inhalt: "The history of ideas discussed by Melvyn Bragg and guests including Philosophy, science, literature, religion and the influence these ideas have on us today." Die Sendung stellt oftmals eine historische Persönlichkeit in den Mittelpunkt und beleuchtet in einer lockeren Gesprächsrunde mit mehreren Experten, welche historischen Hintergründe diese Person zu ihrem Handeln veranlasst hatten und welche Nachwirkungen ihr Tun bis heute hat. Man nähert sich also der Gesamtperspektive ausgehend von einer einzelnen Person. Immer wieder überraschend, welche Zusammenhänge so deutlich werden und wie verrückt Geschichte sich oftmals entwickelt.
  • Der satirische Wochenrückblick - Eine Sendung von WDR 5. Podcastlink zur Sendung. Inhalt: "Die 'Hausmarke' von und mit Peter Zudeick: Das politische Wochengeschehen - respektlos und treffend formuliert durch den Kakao gezogen. Unbarmherzig, unfair, unglaublich." Leider immer nur einmal in der Woche. Und leider immer nur 3 Minuten kurz.
  • Wissen - Eine Sendung von SWR 2. Podcastlink zur Sendung. Inhalt: "Ausgewählte Sendungen zum Nach-Hören. Neugierige und Wissensdurstige finden hier das Spannendste von Naturforschern, Schriftstellern, Philosophen, Historikern! Das Aufregendste aus Wissenschaft, Medizin, Technik und dem internationalen Forschungsbetrieb! Das Neueste und Brisanteste aus Bildung, Gesellschaft und Zeitgeschehen!" (Die Ausrufungszeichen stammen vom SWR.)
  • Tageszeichen - Eine Sendung von WDR 3. Podcastlink zur Sendung. Inhalt: "Einladung zum Nach-Denken. Engagiert und schonungslos nehmen kritische Zeitgenossen und Vor-Denker pointiert Stellung zu allem, was die Gesellschaft bewegt. Latent aktuelle politische Ereignisse, kulturelle Trends, Bildungsfragen - TagesZeichen ist offen für jedes Thema und setzt auch neue Themen." Die Sendung setzt sich wohltuend ab vom Mainstream-Meinungsbrei. Sie ist oftmals argumentativ sehr gut ausgearbeitet.
Alle von diesen Sendungen ausgesandten Signale wurden von mir persönlich über eine längere Zeit hinweg aufgezeichnet und mit hochwissenschaftlichen Verfahren auf ihren Intelligenzgehalt hin überprüft. Riesige Radioteleskope, Hallen voll mit Supercomputern der letzten Generation und ein Heer von Experten haben mich bei dieser Suche nach Intelligenz im Radio unterstützt, so dass ich zuversichtlich schließen kann: Wissenschaftssendungen oder politische Sendungen gibt es viele. Die oben aufgelisteten zähle ich jedoch zu den vielversprechenderen ihrer Art.

Falls jemand den Mut haben sollte, meine Expertise anzuzweifeln: Ich warte nur darauf, in den Kommentaren mein technisches Equipment vorzuführen.

Donnerstag, 23. August 2007

Fastfood ist gefährlicher als Terrorismus

Das meine ich ernst. Zumindest wenn man das ganze kühl betrachtet und sich schlicht die Opferzahlen anschaut. Denn wieviele Leute sind in Deutschland oder auch in den USA in diesem Jahr oder davor durch die Folgen eines Terroranschlags getötet worden? Wieviele starben jedoch auf dem Weg zu einem Fastfood-Restaurant, weil sie die Treppe herunterfielen oder als Autofahrer, Radfahrer oder Fußgänger in einen tödlichen Unfall verwickelt wurden? Wieviele durch eine unerwartete allergische Reaktion auf irgendeinen Nahrungsmittelzusatz? Wieviele verschluckten sich und erstickten an ihrem Fastfood? Wieviele sterben frühzeitig durch ständiges Essen von Fastfood und ihr dadurch bedingtes Dicksein?

Wann also schreitet die Bundesanwaltschaft ein und lässt endlich alle Fastfood-Restaurant-Betreiber verhaften?

Mehr über die völlig aus den Fugen geratene Wahrnehmung von Gefahren und Risiken in unserer modernen Welt und in unserer modernen Gesellschaft in einem Artikel bei Time.com: How Americans Are Living Dangerously.

Auszug:

Shadowed by peril as we are, you would think we'd get pretty good at distinguishing the risks likeliest to do us in from the ones that are statistical long shots. But you would be wrong. We agonize over avian flu, which to date has killed precisely no one in the U.S., but have to be cajoled into getting vaccinated for the common flu, which contributes to the deaths of 36,000 Americans each year. We wring our hands over the mad cow pathogen that might be (but almost certainly isn't) in our hamburger and worry far less about the cholesterol that contributes to the heart disease that kills 700,000 of us annually.

We pride ourselves on being the only species that understands the concept of risk, yet we have a confounding habit of worrying about mere possibilities while ignoring probabilities, building barricades against perceived dangers while leaving ourselves exposed to real ones. Six Muslims traveling from a religious conference were thrown off a plane last week in Minneapolis, Minn., even as unscreened cargo continues to stream into ports on both coasts. (Quelle: Time.com)


Die Erkenntnisse der sogenannten Entscheidungspsychologie, die sich mit den Tücken der menschlichen Wahrnehmung von Chancen und Risiken beschäftigt, sind auch bei dem Sicherheitsexperten Bruce Schneier ein häufiges Thema. Siehe dazu beispielsweise diesen lesenswerten Artikel von ihm: Perceived Risk vs. Actual Risk.

Aus der Perspektive der Entscheidungspsychologie muss man wohl sagen: Viele der Maßnahmen der Sicherheitsbehörden und wohl auch viele Vorschläge unserer Politiker beim Thema "Innere Sicherheit" würden einer kühlen Kosten-Nutzen-Abwägung kaum standhalten.

Ältere Einträge zur Entscheidungspsychologie hier bei "Schieflage":Technorati-Tags: ,

Dienstag, 24. Juli 2007

Das politische Deutschland aus Sicht der Wissenschaft

Hanno Zulla interviewt in seinem Weblog den Psychologen Thomas Kliche, der vor kurzem, befragt nach seiner Einschätzung zu Schäubles ständigen, neuen Vorschlägen zur Inneren Sicherheit, in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung für Aufsehen sorgte. Thomas Kliche beschäftigt sich wissenschaftlich mit Politischer Psychologie.

Das Interview ist absolut lesenswert. Kliche erklärt, was Politische Psychologie (PP) ist und macht deutlich, dass die wissenschaftliche Forschung sehr vieles davon erklären kann, was momentan politisch und gesellschaftlich in Deutschland passiert. Warum zum Beispiel Politiker kaum auf Experten hören, warum viele Bürger sich nach mehr Überwachung sehnen, warum politische Maßnahmen weiterverfolgt werden, auch wenn deren Nutzen offensichtlich nicht gegeben ist. Hier einige Auszüge als Appetitanreger:

Politische Psychologie ist ein Zweig der wissenschaftlichen Psychologie. Sie befasst sich mit sehr grundlegenden Fragen und ist daher leider ziemlich umfassend. Es geht nämlich um die Zusammenhänge zwischen Macht und Herrschaft einerseits, Erleben und Verhalten andererseits.

PP erforscht also alle die Gefühle, Vorstellungen, Überzeugungen und Verhaltensmuster, die zu politischen Abläufen und der Unterwerfung darunter beitragen. Wichtige Beiträge liefert PP z.B. zur Erklärung von Fremdenfeindlichkeit, Vorurteilen, Gewalt, internationalen und interkulturellen Konflikten, von Mitläufertum und Zivilcourage, von Wahlverhalten und Apathie, aber auch von langfristigen Folgen politischer Traumatisierung. [...]

[...] es [gibt] erhebliche Fraktionen, die von Straflust und Kontrollgenuss motiviert sind. Die machen zusammen vielleicht kaum mehr als 30-40% der Bevölkerung aus. Es handelt sich um Personen mit einer hohen Ausprägung konventioneller Werte von Pflicht und Akzeptanz, von Dominanzorientierung, von Autoritärer Persönlichkeit, und um Sympathisanten des Rechtextremismus. Denn repressive soziale Kontrolle ist für Rechtsextreme immer mehr zu einem unauffälligen, gewissermaßen stubenreinen Thema geworden, mit dem sie aus ihrem Wählerstall ausbrechen können.

Zweitens leben wir in einer "Dominanzgesellschaft", wie das Sozialpsychologen nennen. Kontrolle und Erfolg sind bei uns zentrale gesellschaftliche Werte, sie sind eine Grundlage für zugeschriebene Leistung, also Aufstieg und Karriere. "Kontrolle" ist hier aber psychologisch zu verstehen, nicht im Sinne von Überwachung. Kontrolle bedeutet, alles im Griff zu haben und daher in einer berechenbaren Welt zu leben und machtvoll und wichtig zu sein.

Eine solche Dominanzgesellschaft vermittelt allen täglich, dass man Sieger sein soll. Nicht umsonst sind "looser" oder "Opfer" unter Jugendlichen zu Schimpfworten geworden. [...]

Die Polizei wird [...] durch flächendeckende Kameraüberwachung mit privatisierten Hilfsdiensten von den ernsthaften Delikten abgezogen. Trotzdem jubeln viele Menschen über mehr Überwachung. Die soziale Desintegration, der Abbau sozialer und wirtschaftlicher Sicherheit, der Zerfall verläßlicher Lebensplanung, erreicht seit Jahren immer mehr Menschen. Diese makrosozialen Stressoren erzeugen diffuse Verunsicherung und unklare Wünsche nach zuverlässiger Alltagsgestaltung. Das Versprechen, Straftäter zu erwischen, verheißt wirkungsvolle Generalprävention und nimmt damit ein bisschen die Angst. [...]

Drüber reden ergibt Gewöhnungseffekte, weil vertraute Reize ganz allgemein als angenehmer erlebt werden. Das gibt Politikern die Möglichkeit, der Bevölkerung langsam bestimmte Deutungsmuster nahezulegen, damit alles ruhig bleibt, wenn sie die Deutungsmuster für politische Entscheidungen benutzen. (Quelle)


Nur noch einmal zur Klarstellung: Dies sind keine Aussagen, die Thomas Kliche sich einfach so nach eigenem Gutdünken ausgedacht hat, sondern es sind Aussagen, die auf konkreten Forschungsergebnissen aus der wissenschaftlichen Disziplin der Psychologie beruhen.

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Freitag, 6. Juli 2007

Polizei in Angst verbreitet Angst

Polizisten im Einsatz gegen HooligansDie Sendung Kulturzeit von 3Sat berichtet über eine wissenschaftliche Studie über die deutsche Polizei, die Sprengkraft hat: Über die Traumatisierung von Polizisten im Einsatz.

74 Prozent [der Polizisten] werden irgendwann mit einer traumatisierenden Situation konfrontiert. Für fast 30 Prozent von ihnen endet das in einer chronischen Angststörung, einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Das hat die erste, statistisch relevante Studie der Kriminologin Ursula Gasch ergeben. [...] Der Verlauf, der ihm [dem traumatisierten Polizisten] bevorsteht, im Hinblick auf die Verarbeitung einer Posttraumatischen Belastungsstörung, ist der gleiche, wie der Verlauf bei einer vergewaltigten Frau, dem Opfer eines Raubüberfalls, oder dem Soldaten, dessen Kamerad neben ihm selbst zerfetzt wurde. Dann trifft es mich genauso wie den Kameraden in psychischer Hinsicht. Auch das kann mich zerfetzten. (Quelle)


30 Prozent ist eine unglaublich hohe Zahl. Es ist schlicht eine Katastrophe. Angststörungen oder Posttraumatische Belastungsstörungen sind schwere Krankheitsbilder, die das Leben der Betroffenen völlig zerstören können.

Vor Traumatisierung rettet weder die Uniform noch das Wissen auf der richtigen Seite zu stehen. Oft verwechseln Polizisten Traumatisierungen mit Stress und tun das ganze laut den Erkenntnissen von Ursula Gasch als Problem von "Weicheiern" ab. Darüber gesprochen wird innerhalb der Polizei anscheinend nicht. Es soll sogar der Karriere schaden, wenn man solche Probleme offen anspricht. Die Folge: Neben der Beschädigung des eigenen Lebens können gerade auch traumatisierte Polizisten schnell vom Opfer zum Täter werden, weil die Traumatisierungen auch eine sehr erhöhte Aggressionsbereitschaft mit sich bringen können. So können diese Traumatisierungen zur Ursache von Gesetzesverstößen von Polizisten im Einsatz werden.

Die Polizei braucht also vermutlich umfangreiche Hilfe in Form einer besseren Betreuung und Ausbildung und in Form einer besseren Polizeiführung. Aber diese "weichen" Faktoren werden weiterhin vermutlich bei den Verantwortlichen unterschätzt in ihrer Bedeutung.

Copyright-Hinweis: Die Rechte an obigem Foto besitzt "lichtundschatten". Das Foto unterliegt einer Creative-Commons-Lizenz.

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Dienstag, 22. Mai 2007

Google lädt Nutzer zu Usability-Tests ein

Blogspot/Blogger.com - wo dieses Weblog hier beheimatet ist - gehört zu Google. Beim Schreiben von Weblog-Einträgen bekommt man als Nutzer von Blogspot auch ein sogenanntes "Dashboard" zu sehen, wo es hin und wieder Neuigkeiten über den Service von Blogger/Blogspot oder Google zu lesen gibt. Heute fand sich die allgemeine Einladung an alle Blogger/Blogspot-Nutzer, gegen Geld bei Google-Nutzertests mitzumachen. Usability-Untersuchungen neuer Google-Produkte also. Mal wieder eine Gelegenheit für mich, kurz etwas über Usability zu schreiben und die böse Politik für einen Artikel außen vor zu lassen. :-)

Usability heißt: Gebrauchstauglichkeit, Benutzerfreundlichkeit, Bedienbarkeit... Und eines wird daraus deutlich: Google nimmt das Thema Usability ernst. Ich behaupte, dass ein großer Teil des Erfolges von Google genau darauf beruht. Und Google sind die Erkenntnisse aus solchen Studien auch einiges Wert: Pro Test, der circa eine bis anderthalb Stunden dauern soll, zahlen sie Teilnehmern 75$ (ohne Anfahrtskosten allerdings). Um am Test teilzunehmen, ist keinerlei besondere Vorbildung nötig. Ein Untersuchungsleiter von Google setzt sich dann mit der Testperson zusammen und testet mit dieser einen Person intensiv Prototypen neuer Google-Dienste oder Anwendungen. Sehr personalintensiv also! Daneben gibt es noch andere Tests, wohl auch Online-Umfragen oder das von einem Google-Mitarbeiter per Telefon angeleitete Bedienen eines Prototyps via Internet und so weiter. Die bei manchen so beliebten "Eyetracking-Studies" oder gar nur der Einsatz von Online-Befragungen reichen für Usability-Untersuchungen nicht aus. Um einen wirklichen Eindruck von der Bedienbarkeit eines Produktes zu bekommen, ist es am effektivsten, man lädt einen Nutzer ein, gibt ihm eine genau beschriebene Aufgabe, die er mit einem Prototypen des Produktes durchführen soll und beobachtet ihn während seiner Tätigkeit hinsichtlich vorher festgelegter Kriterien und Fragestellungen (Führt der Nutzer einen Test erfolgreich durch? Welchen Weg von xx möglichen Wegen wählt er? Wieviele "Fehler" macht er? Findet er den schnellsten Bedienweg? Und so weiter). Am besten zeichnet man alles auf Video auf und führt anschließend direkt nach dem Test auch noch ein Videokonfrontationsinterview durch. In dem darf der Tester dann, während er sich das soeben aufgezeichnete Video anschaut, genau beschreiben, warum er was zum Lösen der gestellten Aufgabe am Prototypen gemacht hat und wie er sich dabei gefühlt hat. Natürlich gibt es diverse Varianten dieses Vorgehens (zum Beispiel ohne Video, dafür aber mit der Aufforderung an die Testperson doch bitte während der Durchführung der Aufgabe "laut zu denken", um so den Beobachter zu informieren, warum er was mit dem Prototypen macht).

Die eigentliche Arbeit bei solchen Usability-Tests besteht jedoch nicht in der Durchführung, sondern in der Begleitung der Designer bei der Entwicklung des Produktes, in der Planung der Tests und anschließend in der Auswertung und dem Herunterbrechen der Ergebnisse auf konkrete Designvorschläge. Wenn man also auch nicht unbedingt Massen an Testpersonen braucht, so doch genügend Leute, die diese Tests beobachtend begleiten. Befragt man Testpersonen in Form eines Interviews, muss man festlegen, ob man die Antworten anschließend qualitativ auswerten möchte, also in Form einer Inhaltsanalyse dessen, was die Testpersonen zum Prototypen äußern, oder ob man die Antworten anschließend mittels statistischer Verfahren aggregieren und auswerten möchte und vielleicht sogar einen Indexwert für bestimmte Usability-Probleme berechnen will. Bei einer großen Firma wie Google, die ein weltweites Publikum bedient, wären Auswerter bei einer qualitativen Auswertung sicherlich schnell zeitlich überfordert. Denn ich vermute, dass Google viele Testpersonen einlädt, um wirklich sicherzustellen, dass ihre Produkte für die unterschiedlichsten Menschen weltweit bedienbar sind. Um derartige Tests zu planen und auszuwerten, braucht es dann meist beispielsweise ausgebildete Psychologen, die solche Testkonstruktionen im Studium lernen.

Schön finde ich folgende Antwort in der zugehörigen FAQ:

Frage: Does it involve having electrodes attached to my body?
Antwort: No. Sorry.

Oder diese hier:

Frage: A member of my family works at Google. Can I still sign up?
Antwort: Yes. If you ask them nicely, maybe they'll even invite you to lunch.

:-)

Ich spekuliere mal und vermute, dass Google aktuell Prototypen testet, bei dem die unterschiedlichen Google-Dienste noch stärker als bisher unter einer einheitlichen Oberfläche integriert werden. Klar, dass das intensive Usability-Tests erfordert. Oder es sind wieder mal noch ganz neue Google-Produkte im Anmarsch... Wer weiß?

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Montag, 7. Mai 2007

Naisbitt: Wenn ein Zukunftsforscher mit der Gegenwart nicht klar kommt

Ein Herr, der sich John Naisbitt nennt und als "Futurologe" bezeichnet wird, redet Stuss: "Gemeinsam gehen wir unter" (FR-Online.de).

Nun könnte man fragen, warum einen dieser Naisbittsche Stuss irgendwie interessieren muss. Weil die Medien ein einwandfreies Talent darin haben, solchen Typen Raum zu geben für ihren Quark. Medien lieben Quark. Das Knäckebrot an Aussagen anerkannter Experten ist ihnen dagegen zu trocken.

Herr Naisbitt soll 1982 die Globalisierung und das Informationszeitalter vorhergesagt haben. Was für eine Leistung! Etwas vorherzusagen, was zu dem Zeitpunkt längst Teil der Gegenwart war. Meine Herren.

Dann wollen wir doch mal sehen, was Herr Naisbitt heute so sagt, dass es die Frankfurter Rundschau erwähnenswert findet. Vielleicht hat Naisbitt ja gelernt und sich bemüht nach seinen Fehlschlägen und Pseudo-Vorhersagen in der Vergangenheit ab sofort bessere Qualität abzuliefern:

[Naisbitt:] Boeing produziert Flugzeuge für Kunden, Airbus ist ein Beschäftigungsprogramm, kein Flugzeughersteller, das ist das Problem dieser Firma. [...]

Falls es [Europa; Anmerkg. von mir] nicht endlich die längst überfälligen Reformen herbeiführt, wird Europa den Pfad des gemeinsamen Untergangs beschreiten. Gemeinsam gehen wir unter, aber solidarisch.

[FR:] Es gab in den letzten Jahren viele Reformen - alle zugunsten der Wirtschaft.

[Naisbitt:] Viele! Hören Sie doch auf! Das war doch gar nichts. Meine Erfahrung ist, dass die Europäer die Wichtigkeit des Wettbewerbs nicht anerkennen, ihn ablehnen. Es geht um die Wahl Fairness oder Freiheit. [...]

Deutschland hat eine Geburtenrate von 1,3 Prozent, 2,1 Prozent sind notwendig, damit die Bevölkerungszahl stabil bleibt. Die Zahl der Immigranten, die diesen Verlust kompensieren könnten, wird stark begrenzt. Wenn es so weiter geht, wird die europäische Bevölkerung in zwei Generationen um die Hälfte geschrumpft sein. Die Wirtschaftsleistung wird entsprechend zurückgehen. [...]

Ich bin ziemlich skeptisch, was man daraus schließt, dass sich unser Planet in den letzten 100 Jahren um etwa einen halben Grad Celsius erwärmt hat. Es ist einfach lächerlich zu behaupten, dass diese Erwärmung immer schneller geschehe und so hochzurechnen, dass der steigende Meeresspiegel New York und Shanghai ausradieren werde. Das Ganze gleicht einer Religion. (Quelle)


Leider fragte die Frankfurter Rundschau nicht nach, wieso Airbus dann so erfolgreich ist, wieso Freiheit und Fairness sich ausschließen sollen (sehr interessantes Gegensatzpaar, wirklich... Freiheit wäre also unfair... also ungerecht... Gerechtigkeit und Freiheit als Gegensatz...?), oder warum die Anzahl von Menschen in einem Land einen Einfluss hat auf die Wirtschaftsleistung oder andersherum, warum die absolute Wirtschaftsleistung eines Landes im internationalen Vergleich eine Rolle spielen soll, wenn die Wirtschaftsleistung pro Einwohner gleich bliebe? Die Einwohnerzahl alleine sagt bekanntlich gar nichts aus, sonst wären die Schweizer oder gar die Luxemburger arme Schlucker. Na ja, und die Sache mit dem Klimawandel... von einem Herrn Naisbitt darf man nicht erwarten, dass er versteht, was Wissenschaft ist und was sie nicht ist und wie wissenschaftliche Bewertungen zustande kommen.

Von einem Affen, dem man Malfarben und ein Blatt Papier hinhält, darf man eben auch nicht erwarten, einen Picasso geliefert zu bekommen.

Die größte Frage, die dieses Interview also aufwirft, ist, warum jemand einen Mann namens Naisbitt interviewt. Halt, nein, das ist nur die zweitgrößte Frage. Die wirklich größte Frage ist, warum man so einen Schwachsinn dann auch noch seinen Lesern zumutet. Aus Hass den Lesern gegenüber? Aber warum? Was haben wir der Frankfurter Rundschau getan? Ich verwende sie nicht als Klopapier, denke jeden Abend mit zärlichen Gedanken an sie, könnte sie jedem Obdachlosen als warme, polsternde Unterlage und Zudecke empfehlen... Warum also wird man zugemüllt mit so einem Ochsenmist?

Dann doch lieber Interviews mit Knut, dem Eisbären. Der sagt zwar auch nichts Intelligenteres, sieht dabei aber besser aus.

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Samstag, 31. März 2007

Beim Thema "Sicherheit" regiert Hysterie statt Vernunft

Das Herstellen von Sicherheit ist immer mit unterschiedlichen Arten von Kosten verbunden. Diese Kosten können zum Beispiel Geldausgaben sein (mehr Polizei bedeutet mehr Personalkosten...). Oder es können Zeitkosten sein (umfangreichere Flughafensicherheitskontrollen kosten mehr Zeit...). Oder es sind abstrakte Kosten wie die Risikoerhöhung des Datenmissbrauchs bei der Vernetzung von Überwachungsdaten oder die Einschränkung der Privatsphäre der Bürger.

Vielleicht könnte man sagen: Sicherheitsmaßnahmen schränken immer irgendwie die Handlungsfreiheiten ein. Deshalb ist es normalerweise nötig, solche Sicherheitsmaßnahmen hinsichtlich ihres Kosten-Nutzen-Verhältnisses genau anzuschauen. Das will die Bundesregierung aber seltsamerweise bei Maßnahmen, wo es um die Herstellung von Sicherheit geht, nur selten machen.

Der Grund dürfte klar sein: Sicherheit verkauft sich für Politiker gut. Sicherheitsmaßnahmen gehen weg wie warme Semmeln. Das Volk will Sicherheit. Ob bei Lebensmitteln oder beim Reisen im Flugzeug. Dass diese Sicherheits-Semmeln bei zu viel Verzehr kontraproduktiv und giftig wirken, das verschweigt man lieber.

Und das ist verantwortungslos.

Ein weiteres Beispiel dieser populistischen, unverantwortlichen Politik bringt Süddeutsche.de: Die Sprengstoff-Lüge.

Es geht darum, dass die derzeitigen Maßnahmen an Flughäfen zum Schutz vor Sprengstoffanschlägen durch Flüssig-Sprengstof (Plastikbeutel-Manie) großer Unsinn sind und enorme Kosten verursachen, ohne wirksam zu sein.

Jedoch:

Auf die Frage der FDP-Abgeordneten, ob die Bundesregierung die Flüssigkeiten-Kontrollen noch für ein geeignetes Mittel halte, den Terror zu bekämpfen, antwortet sie: "Ja, die Beschränkung der Flüssigkeitsmenge reduziert das Risiko eines terroristischen Anschlages mittels Flüssigsprengstoff." (Quelle)


Das Risiko mag minimiert werden. Nur zu welchen Kosten? Bei Maßnahmen zum Schutz der Sicherheit verlieren Politiker regelmäßig jedes Augenmaß.

Die korrekte Risikobewertung ist für Laien dabei natürlich außerordentlich schwierig. Umso wichtiger wären wirklich unabhängige Experten, die beratend zur Seite stehen. Leider hören Politiker aber allzu oft auf Experten, die nicht unabhängig sind oder benutzen gleich das undurchschaubare Problemfeld "Sicherheit" als Mittel, um sich zu profilieren.

Das gilt für sicherheitsfanatische Innenexperten genauso wie für allzu verbohrte Öko-Anhänger, die jedes strahlende Handy verbieten möchten.

Update: Lesetipp zu dieser Problematik: The Psychology of Security, von Bruce Schneier.

Ein Auszug:

It makes no sense to just look at security in terms of effectiveness. "Is this effective against the threat?" is the wrong question to ask. You need to ask: "Is it a good trade-off?" Bulletproof vests work well, and are very effective at stopping bullets. But for most of us, living in lawful and relatively safe industrialized countries, wearing one is not a good trade-off. The additional security isn't worth it: isn't worth the cost, discomfort, or unfashionableness. [...]

There are several specific aspects of the security trade-off that can go wrong. For example:

1. The severity of the risk.
2. The probability of the risk.
3. The magnitude of the costs.
4. How effective the countermeasure is at mitigating the risk.
5. How well disparate risks and costs can be compared.

The more your perception diverges from reality in any of these five aspects, the more your perceived trade-off won't match the actual trade-off. (Quelle)


Im Folgenden listet Bruce Schneier Forschungsergebnisse der Wissenschaft auf, die belegen, wo wir Menschen oft völlig fehl gehen bei der Einschätzung von Risiken.

Die Tragödie ist, dass Schäuble & Co. anscheinend nicht einmal die Diskussion zulassen, dass ein Trade-Off bei Sicherheitsmaßnahmen nötig ist. Nein, nach ihnen muss man zum Herstellen von Sicherheit "alles Menschenmögliche tun". Und selbst wenn man ein Trade-Off vollzieht: Von den vielen, möglichen Fehleinschätzungen, denen wir dann beim Trade-Off zwischen Risiko und Nutzen unterliegen, werden Schäuble & Co. vermutlich noch nie etwas gehört haben.

Und so werden wir von Idioten Unwissenden und Ignoranten regiert. Viel Spaß noch, Deutschland, mit diesen Politikern und dieser inkompetenten, laienhaften, völlig unprofessionellen Politik.

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Samstag, 24. März 2007

WDR betreibt Foltern für die "Forschung"

Ich sehe gerade eine Wiederholung der Wissenschaftssendung "Nano" von 3Sat. Normalerweise zeichnet sich diese Sendung als eine der wenigen Sendungen im deutschen Fernsehen dadurch aus, dass die Beiträge seriös sind. Nicht so die gerade laufende Ausgabe. In ihr wird ein anscheinend vom WDR übernommener Beitrag gezeigt, den ich absolut skandalös finde:

Inszenierte UnfallszeneUm das bekannte und weit verbreitete Phänomen und Problem der unterlassenen Hilfeleistung zu veranschaulichen, inszenierte der WDR einen Unfall. Ein Fahrzeug liegt zertrümmert und auf der Seite am Rand einer schmalen, im Wald verlaufenden Landstraße. Unter dem Fahrzeug liegt bewegungslos ein blutverschmierter Mensch. Siehe nebenstehenden Screenshot aus dem TV-Beitrag. Mit einem Klick auf das Bild kommt man zu einer größeren Version des Screenshots.

Der WDR führt mit diesem Beitrag das der Psychologie schon lange bekannte Phänomen vor, dass viele Autofahrer (gut die Hälfte) am Unfallort vorbeifährt und nicht hilft. Die andere Hälfte der Autofahrer legt eine Vollbremsung hin und eilt schockiert zum vermeintlichen Unfallort und steht erst einmal kurz fassungslos auf der Stelle.

Ich möchte hier betonen, dass ein Ethikrat einer deutschen Universität solch eine Inszenierung für wissenschaftliche Zwecke vermutlich niemals erlaubt hätte. Der WDR-Beitrag schockiert hier nicht nur unnötigerweise die beteiligten Autofahrer, setzt sie gar durch die Nötigung zu einer Vollbremsung einer realen Gefahr aus, sondern der Beitrag verunglimpft auch die Psychologie. Muss der Zuschauer doch annehmen, dass Psychologen ähnlich brutale Methoden anwenden würden, um zu ihren Forschungsergebnissen zu gelangen.

Außerdem ist diese Inszenierung völlig überflüssig. Neue wissenschaftliche Erkenntnissen sind durch sie nicht zu gewinnen und den bekannten Sachverhalt hätte man dem Zuschauer auch anders beibringen können. Auch das von den Machern des Beitrags durchgeführte Verfolgen und inquisitorische Befragen von Autofahrern, die am vermeintlichen Unfallort vorbeigefahren waren, ihr peinliches Vorführen vor einem möglicherweise Millionenpublikum hätte man sich sparen können. Es ist eben so, dass solch eine Unfallsituation für viele eine Überforderung darstellt. Moralingetränkte Fragen helfen hier nicht, sondern konkrete Anweisungen und Tipps, wie jeder einzelne sich verhalten sollte, kommt er an solch einen Unfallort. Genau diese Tipps fehlten jedoch im WDR-Beitrag.

Fazit: Ein ekelhafter, Effekt heischender Beitrag, der die beteiligten Personen emotionalem Stress und realen, gesundheitlichen Gefahren aussetzte. Öffentlich-rechtlicher Rundfunkscheiß in Reinform.

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Mittwoch, 21. März 2007

Unbelehrbare Kultusminister

Unbelehrbare Kultusminister müssten eigentlich ein Paradoxon sein. Nicht jedoch in Deutschland.

Die erneute Kritik der deutschen Kultusminister am Bericht des UN-Menschenrechtsbeauftragten Muñoz über das deutsche Schulsystem beweist, dass die Bildungspolitik den Bundesländern entrissen werden muss. Seit 30 Jahren versprechen die Bundesländer, die Durchlässigkeit des Schulsystems zu erhöhen und die Chancengleichheit zu fördern. Nichts ist passiert. Selbst jetzt nicht, wo harte, wissenschaftliche Daten vorliegen und Kritik von allen Seiten auf die Kultusminister einprasselt. Zum Beispiel heute wieder: Studie des Münchner Ifo-Instituts stützt die Kritik des UN-Menschenrechtsinspektor (Netzeitung.de).

Stattdessen stecken die Kultusminister weiterhin den Kopf in den Sand und verteidigen das dreigliedrige Schulsystem, so als ob es etwas Heiliges, Unantastbares wäre: Kultusminister und Elternverein halten UN-Bildungsinspektor Muñoz für inkompetent (Netzeitung.de).

Was ist mit diesen Kultusministern los?

Bildung ist tatsächlich ein Menschenrecht. Chancengleichheit ist Menschenrecht. Aber statt das ernsthaft anzuerkennen, polemisieren die deutschen Kultusminister, dass das Bildungssystem ja wohl kein Fall für Amnesty International wäre und weisen so den kritischen Bericht des UN-Beauftragten zurück, ohne sich sachlich und ernsthaft mit ihm auseinanderzusetzen:

Starke Töne schlug der saarländische Kultusminister Jürgen Schreier an. Zwar verkenne nach der Pisa-Studie niemand die großen Herausforderungen an die deutschen Schulen, sagte er dem "Tagesspiegel". Empörend sei jedoch der von Muñoz vermittelte Eindruck, Deutschland verletze Menschenrechte. "Das deutsche Bildungssystem ist kein Fall für Amnesty International!" (Quelle. Direktlink zum Textauszug.)


Die Verantwortungslosigkeit der Kultusminister stinkt zum Himmel. Die föderal organisierte Bildungspolitik ist eine organisierte Verantwortungslosigkeit - und diese wird auch in Zukunft leider sicherstellen, dass sich auf diesem Gebiet nichts in Deutschland verbessern wird. Deshalb muss eine Diskussion darüber starten, ob man das Bildungwesen nicht den Händen der Bundesländer entreißen sollte. Würde für Bildung die Zentralregierung alleine zuständig sein, wäre es - so meine Hoffnung - weniger leicht möglich für die verantwortlichen Politiker, dem Thema immer wieder mit dummdreisten Behauptungen aus dem Weg zu gehen. Die Arbeit von Politikern auf Bundesebene erhält halt allgemein größere Aufmerksamkeit als die von Landespolitikern. Auch das Festmachen der Verantwortung an einer Person, sprich an einem Kultusminister, statt an 16 (plus einen Pseudo-Bildungsminister auf Bundesebene) würde einen größeren Handlungsdruck für die Politiker auf diesem Gebiet erzeugen. Zugleich könnte der Bund wesentlich besser sicherstellen, dass alle Bildungseinrichtungen die gleiche finanzielle Ausstattung bekommen.

Es reicht also nicht, dass ein Sachgebiet den Ländern theoretisch Anreize bieten würde, einen Wettlauf "nach oben" zu starten. Man könnte ja denken, dass jedes Bundesland auf lange Sicht profitieren würde von eigenen Investitionen in den Bildungsbereich.

Aber vermutlich besteht dieser Anreiz so gar nicht. Weil die Bundesbürger natürlich nach ihrer Ausbildung oftmals nicht im Bundesland bleiben, sondern dahin wechseln, wo es Arbeitsplätze gibt. So ist bei den Bundesländern sogar dasjenige das Dumme, das viel ins Bildungswesen investiert und die Breite der Bevölkerung fördert. Bayern zum Beispiel macht es sich besonders einfach und sortiert einfach früh aus, statt der Masse an Schülern zu helfen (TAZ.de: Bayerns ungerechter Erfolg). Wenige, aussichtsreiche Schüler zu fördern, ist insgesamt natürlich billiger als die breite Masse ausreichend zu fördern. Die Folge: Müsste Bayern sich alleine mit seinen Abiturienten versorgen, käme es bald zu einem Abwandern der Industrie in andere Bundesländer, weil Bayern viel zu wenig Abiturienten und damit Studienanwärter bereit stellt im Verhältnis zu allen Schulabgängern Bayerns. Aber da gibt es ja gottseidank die Abiturienten aus den anderen Bundesländern, die diese bayerische Lücke auffüllen.

Das föderale Bildungssystem fördert also das Schmarotzertum unter den Bundesländern statt den gegenseitigen Wettbewerb und gehört deshalb abgeschafft.

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Freitag, 16. März 2007

Second Life im Bundestag

Nun beschäftigt sich sogar schon der wissenschaftliche Dienst des Bundestages mit Second Life: Gutachten des Bundestages zu Second Life (PDF-Datei)!

Lustig finde ich vor allem folgende Stelle:

Mit der wachsenden Bedeutung von Second Life nimmt auch die geäußerte Kritik zu. Als größtes Problem erscheint vielen Teilnehmern die virtuelle Gesetzlosigkeit, die dazu führt, dass es vermehrt "Verbrechen" wie unerlaubten Waffengebrauch, sexuelle Belästigung oder massives Mobbing innerhalb des Second Life gibt. [...] Allgemein stellt sich die Frage nach der Gefährdung der Nutzer aufgrund einer möglichen Suchtgefahr. Einer Studie zufolge stellt Internetabhängigkeit ein häufig unterschätztes Risiko dar. Diese Gefährdung könnte durch die Realitätsnähe von Second Life eine ganz neue Dimension erreichen. Betroffene tauchen dabei in eine virtuelle Welt ein, in der sie das sein und verwirklichen können, was sie sich im realen Leben wünschen. Grenzen werden überschritten, die Scheinexistenz nimmt an Bedeutung zu, während der Bezug zu Realität verloren geht.

Trotz dieser Kritikpunkte wird Second Life immer wichtiger. Teilweise wird es sogar als die neue, dreidimensionale Version des Internets bezeichnet. Inwieweit sich der Trend fortführen lässt, bleibt abzuwarten. (Quelle)


Suchtgefahr bei Second Life? Hehe. Zum Zerstreuen dieser Sorge empfehle ich den Erfahrungsbericht von Missi, die auch diese hochgefährlichen, extrem aufwühlenden "sexuellen Belästigungen" in aller Ausführlichkeit beschreibt: Ausflug ins Secondlife.
Also falls Langeweile neuerdings nicht als suchtgefährdend angesehen wird und der Second-Life-Besucher nicht unbedingt jünger als 16 Jahre ist, ist ein Besuch bei Second Life vermutlich ein geringeres Risiko für die Krankenkassen als jede andere Betätigung.

Realitätsnähe in Second Life? Computerexperten halten Second Life und seine Grafik für veraltet.

Ach ja: Die virtuellen Waffen in Second Life sind übrigens nur virtuelle. Genauso wie das Herumfliegen und die Porsches und Yachten und Bungalows. Ob die Berichterstatter des Bundestages Mühe hatten, Realität von Virtualität auseinanderzuhalten? Wenn ja, empfehle ich den Besuch beim Psychiater oder Augenarzt - oder möchte die Hardwareaustattung wissen, die Second Life für sie so lebensecht auf den Bildschirm zaubert. Die Grafikkarte hätte ich dann nämlich auch gerne.

Eine Gefahr (und Gefahren braucht es immer - da könnte man dann bekanntlich vielleicht was drehen dran mit neuen Gesetzen, neuen Regulierungen des Internets und so...) sehe ich jedoch in Second Life: Die der Vereinsamung. Nein, nicht die Vereinsamung im realen Leben, weil man sich nur noch in Second Life aufhält, sondern die Vereinsamung in Second Life. Über diese Gefahr klärt wunderbar der Artikel "Geisterstadt für Space-Cowboys" von Thomas Knüwer im Handelsblatt auf:

Es gibt Menschen, die würden Britney Masons Job lieben. Angelfreunde, zum Beispiel. Oder Nachtwächter. Menschen also, die es lieben, allein zu sein, zu sinnieren, ungestört von anderen. Britney Mason sitzt in einem hoch modernen Büro hinter einem glatt polierten und aufgeräumten Schreibtisch. Ihr Kopf ist leicht vornüber gesenkt, als sei sie eingenickt. "Ist es hier immer so leer?" fragt der Besucher. Es braucht ein Weilchen, dann ruckt ihr Kopf hoch. "Yep", sagt sie. Am Donnerstagmorgen sei vielleicht mehr los, "dann gibt es ein Frühstück, und es kommen immer ein paar Leute".

Mason ist Angestellte der Unternehmensberatung Crayon. Digitale Angestellte, besser gesagt. Denn sie hütet die elegante Crayon-Repräsentanz in der virtuellen Welt Second Life. Und wie bei so vielen anderen Unternehmen, die sich in das zweite Leben wagen, zeichnet sich Crayons Heimstatt vor allem durch eines aus: gähnende Leere. (Quelle. Direktlink zum Textauszug.)


Als jedoch jetzt die vielen Medien über Second Life berichteten, war da plötzlich tatsächlich jede Menge los. Überall muskelbepackte und sonnengebräunte Reporter. Aber darüber hatte ich ja schon berichtet: Journalisten auf Recherche in "Second Life".

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Dienstag, 13. März 2007

Klimaskeptiker sind reine ZEIT-Verschwendung

Symbolfoto: Auslässe für heiße LuftLiebes Tagebuch,

ich habe gut geschlafen, gut gefrühstückt, Hoch "Maggie" schien sonnig in die Wohnung und ich hatte sogar noch Zeit, kurz bei ZEIT.de vorbeizuschauen. Kurz: Es ging mir heute morgen richtig gut.

Dort bei ZEIT.de erregte dann die Überschrift eines Artikels von Andreas Sentker meine Aufmerksamkeit: Lasst uns zweifeln!

Gute Überschrift. Zweifel sind meiner Meinung nach immer angebracht. Ich bin ja auch Fan von dem Kulturprodukt namens "Wissenschaft". Und da wird das Zweifeln bekanntlich immer groß geschrieben.

Bekanntlich? Anscheinend nicht bekannt. Zumindest diesem Herrn Andreas Sentker nicht. Der meint, die Wissenschaftler würden Daten und Theorien, die gegen den Klimawandel sprechen, gelenkt und abgesprochen unterdrücken. Aus pädagogischen Gründen, damit man nicht den Elan der Politiker gefährde, die jetzt endlich etwas gegen den Klimawandeln tun wollten.

Dass der Wissenschaftsbetrieb davon lebt, sich gegenseitig zu widerlegen zu versuchen und dass Theorien niemals wissenschaftlich "bewiesen" sind, davon ahnt der ZEIT.de-Schreiberling anscheinend nichts (zur weiteren Erläuterung siehe diesen Kommentar unterhalb des ZEIT-Artikels).

Tja, wieder also so ein Jour-hatschi-nalist, der über ein Thema schreibt, von dem er offensichtlich null Ahnung hat. Und ich dachte, dieses Privileg sei Bloggern vorbehalten.

Und damit möchte ich für heute enden, liebes Tagebuch: Es war ein Scheiß-Tag. ZEIT.de hat ihn mir ordentlich vermiest. Danke dafür an die Redaktion bei ZEIT.de. Vielleicht sollte ich die Lektüre dieses Blättchens einstellen oder nur noch fortführen, wenn ich eh mies drauf bin.

Copyright-Hinweis: Die Rechte an obigem Foto besitzt "Danny McL". Das Foto unterliegt einer Creative-Commons-Lizenz.

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Sonntag, 11. Februar 2007

Rätsel Autismus

Seit kurzem zirkuliert ein wirklich sehr interessantes YouTube-Video einer Autistin in der internationalen und nun auch deutschen Blogosphäre: In My Language.

"Silentmiaow", wie die Autistin sich nennt, führt in dem Video vor, wie sie mit ihrer Umwelt in ihrer "natürlichen Sprache", wie sie es nennt, kommuniziert. Sie interagiert mit diversen Gegenständen, bewegt sie, betastet sie, riecht an ihnen, entlockt ihnen Geräusche und lässt sich faszinieren von den verschiedenen Sinneseindrücken, die die Umwelt für sie bereithält. Dazu summt sie leise vor sich hin. Für Außenstehende ein äußerst befremdliches Verhalten.

Autisten verhalten sich häufig so und erscheinen nicht fähig, mit einem zu kommunizieren. Sie scheinen nicht auf Ansprache zu reagieren. Sie scheinen in einer abgekapselten Welt zu leben. Vor allem Eltern autistischer Kinder leiden enorm darunter. Medizin und Psychologie versuchten und versuchen weiterhin, die "Mauer", die den Autisten zu umgeben scheint, zu durchbrechen. Mit den unterschiedlichsten Therapieansätzen und auch mit Medikamenten. Mit manchmal mehr, manchmal weniger Erfolg und manchmal anscheinend verheerender Wirkung für die Psyche der Autisten.

Im zweiten Teil des Videos erklärt Silentmiaow dann mit Hilfe eines Sprachcomputers, was ihre Bewegungen und ihr Gesumme im Video soll. Sie schildert eloquent, dass das ihre Art ist, mit ihrer Umwelt umzugehen, mit ihr zu interagieren, dass die Dinge und Sinneseindrücke sie einfach faszinieren würden und dies ihre Art sei mit diesen Sinneseindrücken zu befassen und die Sinneseindrücke zu lenken und auszukosten oder zu verstehen. Dank des Sprachcomputers ist sie also in der Lage, sich auch "ganz normal" zu unterhalten. Man versteht, dass Silentmiaow kein "Freak" ist. Dass sie intelligent ist.

Bei vielen scheint dieses Video deshalb "wie eine Bombe" eingeschlagen zu haben. Man sieht das an den unfassbar vielen Kommentaren auf Youtube zu ihrem Video. Viele schreiben, dass es ihnen die Augen geöffnet habe, dass Autisten ja gar nicht "dumm" seien oder unfähig zu kommunizieren.

Silentmiaow ist Teil einer neuen Bewegung von Autisten, die gesellschaftlich aktiv ist um darzustellen, dass ihre Art des Fühlens, Denkens und der Interaktion mit ihrer Umwelt nicht krankhaft ist und geheilt werden müsse, sondern einfach nur andersartig sei.

In einem langen Kommentar bei Metafilter.com erläutert Silentmiaow auch eine aktuelle wissenschaftliche Theorie zum Autismus (Enhanced Perceptual Functioning in Autism von
Professor Laurent Mottron, et al.). Die Theorie von Mottron und anderen geht davon aus, dass Autisten in der Lage sind, die Umwelt direkter wahrzunehmen als wir "normalen" Menschen. Normalerweise filtert unser Gehirn automatisch all die vielen Sinneseindrücke heraus, die von den Sinnesorganen ans Gehirn geschickt werden. So können wir uns zum Beispiel auf einer Party trotz des Hintergrundlärms auf ein Gespräch mit unserem Gegenüber konzentrieren. Wird jedoch irgendwo unser Name gerufen, schrecken wir plötzlich auf. Was beweist, dass die Sinneseindrücke, hier also der ganze Krach im Raum, eben nicht einfach weg sind, sondern im Gehirn ankommen und auch verarbeitet werden, aber vom Gehirn vor unserem Bewusstsein verborgen werden, bis ein relevanter Reiz auftaucht. Man vermutet nun, dass bei Autisten dieser Filter nicht oder anders funktioniert oder Autisten den Filter direkter beeinflussen können als wir Nicht-Autisten.

Weitere Informationen über den Kampf der Autisten gegen den gesellschaftlichen Zwang, sich ändern und mit Hilfe von Therapien oder Medikamenten an die Mehrheit anpassen zu müssen, erhält man auch in einer absolut exzellenten Folge der Radiosendung "Quirks & Quarks" vom kanadischen Sender CBC, in der die Arbeit von Mottron und der Autistin Michelle Dawson dargestellt wird: Rethinking Autism. "Quirks & Quarks" ist eine Wissenschaftssendung. Jede Woche werden entweder Zuschauerfragen beantwortet oder Forscher direkt zu neuen, interessanten Forschungsergebnissen interviewt. Wie sich das für einen ordentlichen Sender gehört, gibt es die Folgen zum Autismus auch Wochen nach der Ausstrahlung noch herunterzuladen als MP3-Datei und als OGG-Datei. Und natürlich gibt es die ganze Sendung "Quirks & Quarks" auch als wöchentlichen Podcast. Es ist einer der vier, fünf Podcasts, die ich regelmäßig anhöre, auf die ich sogar jede Woche hinfiebere. Absolut empfehlenswert und um vieles besser (informativer und unterhaltender) gemacht, als das, was man zu wissenschaftlichen Themen so in deutschen Medien findet.

Die oben verlinkte Folge von Quirks & Quarks wurde übrigens anschließend heftig kritisiert und angegriffen. Ein paar der Hörer-Reaktionen las Quirks & Quarks dann in der nachfolgenden Sendung vor (MP3, Ogg).

Ich bin auf dem Gebiet des Autismus kein Fachmann und kann nicht sagen, ob die Theorien, die Mottron et al. verfolgen, inzwischen breite Anerkennung in Fachkreisen gefunden haben. Auf jeden Fall ist "Autismus" ein großes Thema in den USA - bislang eher hinsichtlich der Frage, welches denn nun die richtigen Therapieansätze seien. Dass die Stimme von Betroffenen selber, die sich gegen die Therapie-"Wut" wehren, in der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskussion über Autismus wahrgenommen wird, scheint jedoch relativ neu zu sein.

Kritische Stimmen (vor allem von Eltern von autistischen Kindern) gegenüber diesen Ansichten von Betroffenen merken jedoch an, dass "Autismus" ein so breitgefächertes "Störungs"-Bild sei, dass die Aussagen von Mottron und anderen nur für bestimmte "milde" Autismus-Formen zutreffend sein könnten, dass es jedoch weitere Formen des Autismus geben würde, die unbedingt der Behandlung bedürften.

Weitere Informationen zu und von den Betroffenen selber:

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Freitag, 2. Februar 2007

Welt.de: Klimaforschung ist reine Glaubenssache

Die Tageszeitung "Die Welt" ist eine enorm kritische Zeitung. Und wenn auch die ganze Menschheit jenseits der Firma Exxon Mobil an einen menschengemachten Klimawandel glaubt, so bleibt "Die Welt" standhaft.

Der standhaft daherkommende Standpunkt dieses Welt.de-Artikels scheint nämlich zu sein: Man müsse doch bitte schön einmal fragen dürfen! Man müsse doch bitte schön auch einmal diese ganze Klimawandel-Hysterie skeptisch beäugen dürfen! Die Hetze gegen Kritiker des Klimawandels trage ja geradezu "religiöse" Züge! Und dass nur noch Exxon Mobil nicht an den Klimawandel glaubt, heiße ja bitte schön nicht, dass das Äußern von Zweifeln am Klimawandel verboten sein könne!

Doch. Das heißt es. Zumindest für eine Zeitung, die als seriös rüberkommen will. Welt.de hat also ausgeschissen. Das war es also mit der Seriösität. Dahin. Weg. Denn der oben verlinkte Artikel von Welt.de steht nicht etwa im schon immer sehr kruden und skurrilen Meinungsforum von und bei Welt.de, sondern in der Rubrik "Politik".

Warum Welt.de nicht mehr als seriöses Nachrichtenorgan gelten kann nur wegen eines Artikels, der den Klimawandel anzweifelt? Weil der Artikel unterstellt, dass Wissenschaft gleich Religion sei. Weil der Artikel indirekt darzustellen versucht, dass es in der Wissenschaft nicht um Empirie und die ständige Neu-Überprüfung von Theorien geht, sondern um das Anpreisen von unbeweisbaren Glaubenssätzen und das Zusammenrotten von Wissenschaftler, die anschließend nichts anderes im Sinn hätten als wie ein Mob gegen Kritiker loszugehen.

Denn im Artikel heißt es unter anderem:

Wenn nach Meinung der meisten Klimaforscher die Erderwärmung außer Kontrolle geraten ist, so ist aus Sicht der vielen Millionen Laien die Klimaforschung selbst erst recht außer Kontrolle - naturgemäß. Denn wer von ihnen kann sich schon ein Bild davon machen, ob die Computersimulationen der Experten korrekt laufen, geschweige denn ob sie mit den richtigen Daten gefüttert sind. Abhilfe könnte ein Korrektiv schaffen mit dem offiziell erteilten Arbeitsauftrag, die alarmistischen Szenarien infrage zu stellen. (Quelle)


Dieses Korrektiv, liebe Redakteure bei Welt.de, gibt es schon. Es nennt sich Wissenschaft. Nichts machen Wissenschaftler lieber als die Arbeit ihrer Kollegen kritisch zu bewerten. Denn weist man irgendwo Fehler nach oder korrigiert und erweitert man bestehende Theorien oder sammelt gegensätzliches Datenmaterial und ist dieses stichhaltig, wird man bekannt und berühmt in der Wissenschaft. Anders als im Feuilleton reicht allerdings der reine Widerspruchsgeist in der Wissenschaft nicht aus, um ernst genommen zu werden. Man muss harte Daten liefern und überzeugende Argumentationen und bessere Theorien. So arbeitet die Wissenschaft. In der Wissenschaft wird es glücklicherweise immer Querdenker geben, die an ihren Daten festhalten und von ihrer Theorie überzeugt sind. Aber sie müssen auch ihre Kollegen überzeugen und das geschieht meist erst, wenn Daten wirklich sehr überzeugend sind und in ein umfassendes Erklärungsmodell passen. Der einzelne Wissenschaftler soll ruhig weiter arbeiten an seiner Theorie, die herrschenden Theorien widerspricht, aber man darf von seinen Kollegen nicht erwarten, dass sie ihn nur wegen seiner Starrsinnigkeit ernst nehmen. Zweifel und Zweifler wird es also in der Wissenschaft immer geben. Scharlatane in den Medien und der Wirtschaft und der Politik nutzen dies meist aus, um zu sagen: "Seht ihr! Da gibt es doch noch Kritiker! Also kann die herrschende wissenschaftliche Meinung eventuell falsch sein!" Denen muss man antworten: Sicherheit gibt es in der Wissenschaft nie. Aber anders als Wahrsager können Wissenschaftler die mögliche Fehlergröße ihrer Theorien und Vorhersagen einigermaßen genau beziffern.

Wer also sollte nach Meinung von Welt.de dieses geforderte "Korrektiv" sein? Der Artikel spricht es nicht klar aus, aber man liest es zwischen den Zeilen: Womöglich soll es Exxon Mobil sein. Für Exxon Mobil lässt Welt.de nämlich nicht gelten, was es für die Wissenschaft fordert: Kritik. Kritik an Exxon Mobil sei nämlich nur ein "Vorwurf plumper Lobbypolitik":

Viel ist es nicht, was das American Enterprise Institute (AEI) als Preisgeld ausgelobt hat: 10 000 Dollar soll der Wissenschaftler erhalten, der die apokalyptischen Thesen des IPCC zur Klimaentwicklung widerlegt. Die Tatsache, dass hinter dem AEI der Ölmulti Exxon steht, sollte eigentlich etwas mehr erwarten lassen. Dieser Zusammenhang allerdings war es auch, der - wie zu erwarten - dem Anliegen sogleich den Vorwurf plumper Lobbypolitik einbrachte. (Quelle)


Der Artikel fährt danach fort: "Das mag so abwegig nicht sein, dennoch...". Doch, doch, liebe Welt.de. Das ist absolut abwegig. Es ist tatsächlich leider absolut abwegig, davon auszugehen, dass Exxon Mobil nicht Lobbypolitik betreibt. Das "mag" könnt ihr euch schenken. Und das "dennoch" erst recht... Und der am Ende des Artikels stehende Satz, dass man Exxon die korrektive Arbeit nicht überlassen sollte, klingt dann doch eher so, dass man Exxon nicht die ganze Arbeit machen lassen sollte, Exxon also unter die Arme greifen müsse.

Solch eine Zeitung, die die Wissenschaft derart verfälschend darstellt, ist gefährlich. Nicht, weil die Wissenschaft etwas Hochheiliges ist, was man nicht kritisieren darf, sondern weil eine Zeitung, die die Arbeitsweisen eines für die Gesellschaft nicht unbedeutenden Dinges wie das Ding namens Wissenschaft so verfälschend darstellt, gefährlich ist. Solch einer Zeitung ist schließlich alles zuzutrauen. Solch eine Zeitung schreckt nicht davor zurück, den Leser nach Strich und Faden bei allen sonstigen möglichen Themen zu bescheißen. Das ist es, was mich aufregt.

Denn der Artikel vermengt die Darstellung der Ergebnisse aus der Klimaforschung in den Medien mit der Arbeitsweise innerhalb der Wissenschaft. Ob da nun in den Medien eine Liste mit Forschern zirkuliert, die im Welt.de-Artikel als "Klimaleugner" bezeichnet werden, sollte den betroffenen Forschern relativ schnurz egal sein, wenn sie zu ihren Daten und Theorien stehen. Und ich vermute, dass sie das tun, weil sich ihre Aussagen meines Wissens nach auf andere Bereiche beziehen als die möglichst genaue Vorhersage der Klimaentwicklung der nächsten 100 Jahre. Solche Feinheiten gehen im reißerischen Welt.de-Artikel jedoch unter. Da wird gleich von Mobbing gemutmaßt und vom Abkanzeln von Ketzern innerhalb der Wissenschaft. Wer derart in der Wissenschaft vorgehen würde, der würde schnell an Renomee verlieren. In solch einem Fall würde es ausreichen, einfach die Gegenseite einmal ausführlich zu Wort kommen zu lassen und der Listen-Mobber stände dumm da. Außerdem legt der Welt.de-Artikel nahe, dass von der Politik nur gezielt Forscher gefördert würden, die die Apokalypse des Klimawandels möglichst in schillernden Farben beschreiben. Das Fördersystem der Wissenschaften funktioniert jedoch nicht ganz so plump.

Aber sicherlich wird diese meine Kritik von Welt.de-Autoren wie Ulli Kulke und Co. vermutlich nur verstanden werden als Angriff auf die Meinungsfreiheit. Dabei ist meine Kritik genau das Gegenteil. Denn das bewusste Lügen und Täuschen, das Welt.de mit diesem Artikel betreibt, das ist ein Angriff auf die Meinungsfreiheit. Denn so dämlich können doch selbst Redakteure bei Welt.de nicht sein, dass sie nicht zumindest die absolut grundlegende Arbeitsweise der Wissenschaft begriffen haben. Also kann es sich bei dem Artikel nur um eine bewusste Täuschung und Lüge handeln, die dem Leser einreden will, Wissenschaft sei im Grunde genommen reine Glaubenssache. Es sollte klar sein, dass diese Unterstellung in höchstem Maße anti-aufklärerisch und auch anti-religiös ist, weil die Äußerungen im Welt.de-Artikel auch der Religion und dem Glauben nicht gerecht werden. In der Wissenschaft geht es nämlich um den zivilisierten und mit realen Argumenten (ja, liebe Welt.de-Redakteure, so etwas gibt es - ganz ohne Rabulistik und sonstige Tricks...) ausgefochtenen Streit um die richtige Interpretation von Daten. In Religion und Glaube geht es jedoch um wichtige theologische Aussagen und Offenbarungen Gottes (nicht um Offenbarungen von Menschen oder Wissenschaftlern oder Welt.de-Redakteuren) und nicht darum, ob das Klima sich verändert und ob man daran glauben muss oder sollte oder kann.

Wer dermaßen - so wie dies dieser Welt.de-Artikel tut - Religion mit Wissenschaft gleichsetzt, ist also entweder äußerst ungebildet oder er verwirrt und täuscht seine Leser ganz bewusst, um Zweifel an nach wissenschaftlich bemessenen Maßstäben relativ sicheren Aussagen zum Klimawandel zu säen. Diese Zweifel dienen jedoch nicht mehr der Wahrheitsfindung, sondern der Verwirrung. Wer hier bei dem Thema Klimawandel Verwirrung stiften will und warum, das mag sich jeder selbst an seinen zehn Fingern ausrechnen.

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Freitag, 19. Januar 2007

Wo bleibt der professionelle Datenschutz?

Es braucht endlich einen wirklich professionellen Datenschutz in Deutschland. Es braucht eigenständige Forschungen an Universitäten zum Thema, wie man Datenschutz-Unfälle verhindern kann und mit den Folgen umgehen kann. Am besten als interdisziplinär (Jura, Informatik, Psychologie...?) angelegter eigenständiger Forschungs- und Lehrbereich.

Solche Pannen wie die des Polizeipräsidiums Südhessen (HR-Online.de: Polizeiskandal: Fahndungsdaten im Internet) sind nichts im Vergleich zu dem, was auf uns zukommt mit den nach den jüngsten Gesetzen auf Bundesebene (bald auf EU-Ebene) erweiterten Datenerfassungs- und Sammlungs- und Zusammenlegungsbefugnissen der Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden neu entstehenden riesigen Datenbergen. Bleibt der Datenschutz so infantil wie heute, reicht da vermutlich wie im Polizeipräsidium Südhessen der Klick auf einen falschen Knopf und statt einiger weniger Menschen könnten dann schnell europaweit Millionen von Menschen betroffen sein. Das ist nun mal der Fluch und Segen der digitalen Informationsverarbeitung. Und sind sensible Daten erst einmal in der Öffentlichkeit, dann werden professionelle Daten-Händler im Halbdunkel diese Daten sofort abgreifen und zu Geld machen. Das heißt: Betroffene, deren Daten dann "nach außen" gelangt sind, werden völlig machtlos sein. Vertrauliche Daten können nicht wieder "zurück geholt" werden. Auch falsche und veraltete Daten werden in den Händen dieser Daten-Händler verbleiben und in ihren Händen weiter ihr Unheil treiben.

Es geht also ums nichts weniger als die Zukunft der Informationsgesellschaft bei diesem Thema. Wird das Thema "Datenschutz" auf technischer, sozialer und juristischer Ebene vernachlässigt, haben wir bald enorme Massen von Bürgern und Verbrauchern, die unter den Folgen eines unzureichenden Datenschutzes leiden werden. Denn Unfälle und Missbrauch werden passieren, wenn nicht mit enormer Energie dagegen gesteuert wird. Die Akzeptanz der Informationstechnologie würde rapide abnehmen mit negativen wirtschaftlichen und sozialen Folgen. Und je länger die bei diesem Thema derzeitig absolut ignoranten Politiker auf Landes- und Bundesebene an der Macht sind mit ihrer katastrophalen Gesetzgebung in diesem Bereich, desto rapider wird auch die Akzeptanz der Demokratie in breiten Kreisen der Gesellschaft abnehmen.

Auf politischer Ebene bedeutet nämlich fehlender Datenschutz gegenüber dem Staat, ein Ausgeliefertsein des Bürgers gegenüber dem Staat. Ebenso gegenüber manchen Wirtschaftszweigen, wie zum Beispiel dem kleinen Wirtschaftszweig der Urheberrechteverwerter, die bei den derzeitig herrschenden Politikern offensichtlich einen absolut überproportionalen Einfluss genießen. Gerade erneut bewiesen durch neue Gesetzesinitiativen der Regierung, die es der Musikindustrie beispielsweise ermöglichen sollen, ohne klare rechtliche Regelungen einfach von Internetprovidern die Herausgabe von detaillierten Kundendaten verlangen zu können (Heise.de: Nutzerdaten sollen zur Gefahrenabwehr freigegeben werden).

Dieses Ausgeliefertsein gegenüber Staat, Behörden und einigen Wirtschaftszweigen ist für den einzelnen Bürger noch nicht in großem Umfang spürbar. Höchstens gesellschaftliche Randgruppen spüren, wie der Staat in seinem neuen Wahn der "präventiven" Verbrechensbekämpfung die Verhältnismäßigkeit der Mittel vergisst und seine neue Macht ausspielt. Vielleicht ist zum Beispiel das Vorgehen der bayerischen Polizei gegen vermeintliche Aufrufer zu Straftaten im Vorfeld der diesjährigen NATO-Sicherheitskonferenz so ein Beispiel. Das Weblog "Get Privacy" berichtet: Polizeistaat weitet sich aus - Demokratie nur noch Buzzword für Politiker.

In zehn Jahren könnte dies jedoch anders aussehen. Wenn die Gesetzgebung weiterhin so vorgeht gegen den Datenschutz wie derzeit, werden immer größere Teile der Gesellschaft von den neuen Machtbefugnissen der Behörden spürbar betroffen sein. Denn das Prinzip der "präventiven" Verbrechensbekämpfung hebelt vermutlich auf lange Sicht mit dem ihm innewohnenden Prinzip der Eskalation alle Bemühungen eines professionalisierten Datenschutzes aus.

Deshalb ein kurzer Einschub zum Phänomen des Präventionsstaates:

Der Staat in Form der Personen Schäuble, Beckstein und aller weiteren derzeitigen Länder-Innenminister hat sich in putschartiger Weise eine neue Aufgabe gestellt: Die Verbrechensprävention. "Putschartig" deswegen, weil diese Aufgabe und die damit einhergehende Umforung des Staates, soweit ich weiß, bislang nicht wirklich demokratisch legitimiert wurde. Und ich bezweifle, dass ein demokratischer Rechtsstaat überhaupt dazu in der Lage ist, diese Aufgabe zu erfüllen. Ähnlich wie Hugo Chavez in Venezuela die Rolle des Staates dort neu definiert, indem er Rohstoffe und Industriezweige wieder verstaatlicht, so definieren derzeit große Teile der SPD und der Union den deutschen Staat neu. Ein Staatswesen definiert sich nämlich über seine Aufgaben. Der neu entstehende "präventive" Staat wird in entscheidenden Teilen gänzlich anders aussehen als der uns allen noch vertraute demokratische Rechtsstaat. Darauf wies schon vor einiger Zeit zum Beispiel Dr. Heribert Prantl hin. Jüngst wieder in einem Kommentar zur Einführung der sogenannten "Anti-Terror-Datei": Der Präventionsstaat (Süddeutsche.de).

Neben der Untauglichkeit des demokratischen Rechtsstaats als "Präventionsstaat" ist an der selbst gewählten Aufgabe der "präventiven" Verbrechensbekämpfung problematisch, dass ihr das Prinzip der Eskalation innewohnt. Die Eskalation heißt, dass die Aufgabe der präventiven Verbrechensbekämpfung niemals zufriedenstellend gelöst sein wird, so lange es noch irgendein Verbrechen gibt. So lange es Verbrechen gibt, müssen demnach der Logik des Präventionsstaates zufolge Sicherheitsbehörden immer noch mehr Mittel und Befugnisse bekommen bis jedes Verbrechen ausgemerzt ist. Welchen Umfang die weiteren Mittel und Befugnisse haben müssen, um dem Ziel der Prävention gerecht zu werden, bleibt dabei jedoch allen Beteiligten unklar, weil es keine gesicherten Daten darüber gibt, wieviele potenzielle Verbrechen man schon verhindert hat oder durch die neuen Befugnisse noch wird verhindern können. Der einzige nachprüfbare und sichere Wert, die einzige Richtgröße für den Präventionsstaat ist die Null: Null Verbrechen. Daraus folgt, dass die Forderung nach weiteren Befugnissen und Mitteln für die Sicherheitsbehörden mit der Zeit ins absolut Maßlose ausufern werden, denn vor dem Erreichen der Null kann sich der Präventionsstaat nicht zufrieden geben.

Der Rechtsstaat bisheriger Prägung beschränkte sich dagegen in seinen Aufgaben und stellte als Ziel die Verbrechensaufklärung und nicht die Verbrechensprävention in den Vordergrund. Dieser Zielgebung wohnt keine automatische Eskalation inne, weil man den Stand der Verbrechensaufklärung genau beziffern kann als Prozentzahl der Verbrechen, die bei der Polizei gemeldet worden waren und die man zudem aufgekärt hatte. Die Wirkung neuer Befugnisse und Mittel konnte man genau beziffern. Man konnte zum Beispiel sagen, dass die Verbrechensaufklärung im Zeitraum XY sich verdoppelt hat. Ähnlich rationale Aussagen sind nicht möglich, will man beziffern, wieviele mögliche Verbrechen durch bestimmte Maßnahmen im Zeitraum XY verhindert wurden.

Soweit zum Phänomen des "Präventionsstaates", der der Einführung eines professionellen, interdisziplinären Forschungs-, Wirtschafts-, Technologie- und Rechtsfeldes namens "Datenschutz" in hohem Maße entgegen stehen würde.

Fazit also: Wir brauchen einen Datenschutz, der ähnlich professionell und umfassend aufgebaut ist, um Datenschutz-Unfälle zu verhindern wie zum Beispiel im Bereich des Flugverkehrs durch eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Fachbereichen, Forschungsabteilungen in Firmen und extra staatlichen Behörden zu verhindern versucht wird, dass Flugunfälle passieren.

Update: Dass ein wirklich professionalisierter Datenschutz nötig ist, der sich nicht nur um die technische Implikation von technologischen Sicherheitssystemen kümmert (aber auch und noch erheblich intensiver als derzeit!), sondern auch um Arbeitsprozesse, Organisationsstrukturen, Mitarbeiterschulungen und so weiter, macht unter anderen auch dieser Erfahrungsbericht eines Slashdot.org-Lesers namens "The Mayor" mehr als deutlich: Data Security Center.

The Mayor erzählt, wie er als temporärer Mitarbeiter einmal Zugang zu einem Hauptdatenzentrum in den USA (MAE East) bekam und erfuhr, dass erstens die ganze Sicherheitstechnologie (ID-Karte, Handflächenscanner, Iris-Scanner und so weiter) nicht perfekt funktionierte und deshalb die Mitarbeiter die Technologie bald nicht mehr einsetzten. Und zweitens Software zwar am Anfang genau auf mögliche Sicherheitslecks untersucht wurde, anschließende Patches jedoch nicht mehr.

Datenschutz ist ein enorm komplexes Themenfeld. Ich vermute, dass es sich als wesentlich komplexer und schwieriger erweist, einen guten Datenschutz umzusetzen, als eine Boeing oder einen Airbus sicher in die Luft und wieder zurück auf die Landebahn zu bekommen. Dennoch gibt es bislang an Universitäten oder in der Wirtschaft oder in Behörden keinen Bereich, der sich auch nur annähernd diesem immensen Problem der Sicherstellung eines umfassenden Datenschutzes stellt. Auch das Bundesamt für Informationssicherheit oder die Expertise von Geheimdienstlern reicht hier längst nicht aus, da sie meines Wissens nach sich hauptsächlich mit den technologischen Aspekten des Datenschutzes beschäftigen und nicht auch mit Themen wie "Human Error" oder der Bedeutung von Arbeits- und Organisationsprozessen für die Einhaltung des Datenschutzes.

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