Sonntag, 24. Juni 2007

Afghanistan: NATO wird immer mehr Teil des Problems

Geht es nur mir so oder bleiben in unseren Medien viel zu sehr die Kinder, Frauen und männlichen Zivilisten unerwähnt, die derzeit anscheinend mit einer kühlen Sorglosigkeit von der NATO in Afghanistan umgebracht werden?

Zumindest in der unteren Artikel-Hälfte kommt Welt.de nach den üblichen, ausführlichen Berichten über eine mögliche Gefährdung von Verteidigungsminister Jung bei seinem jüngsten Afghanistan-Besuch auch auf die Schlächter der NATO zu sprechen:

Der afghanische Präsident Karsai hat unterdessen die ausländischen Truppen in seinem Land angesichts immer neuer ziviler Opfer scharf kritisiert. Er warf der Nato grobe Fahrlässigkeit vor, die eine zunehmende Zahl an Unschuldigen das Leben koste. Die Einsätze der ausländischen Soldaten seien „wahllos, ungenau und rücksichtslos“, sie würden sich außerdem seit Jahren schon nicht ausreichend mit der afghanischen Seite absprechen und ihre Einsätze koordinieren. „Man bekämpft keine Terroristen, indem man ein Feldgeschütz aus 37 Kilometern Entfernung auf ein Ziel abschießt. Das endet definitiv, sicher mit dem Tod von Zivilisten“, erklärte Karsai. „Afghanisches Leben ist nicht billig und sollte auch nicht so behandelt werden.“
Allein in der vergangenen Woche waren rund 90 afghanische Zivilisten getötet worden. Inzwischen kommt die Zahl der Toten, die von Kugeln der Nato- und US-Truppen getötet wurden, immer näher an die der Opfer durch Angriffe der Taliban heran. Am Wochenende erst hatten Raketen der Koalitionstruppen jenseits der afghanischen Grenze mindestens ein Dutzend Unbeteiligter, darunter Frauen und Kinder, auf pakistanischem Boden getötet, als sie bei der Verfolgung verdächtiger Krieger versehentlich die Grenze überschritten hatten. (Quelle)


Aber die NATO verspricht ja Besserung. Wieder einmal. Dann ist ja alles gut.

Nein, leider nicht. Es wird in Afghanistan genauso kommen wie im Irak. Die NATO-Truppen sind inzwischen längst Teil des Problems und nicht mehr der Lösung. Es gab nach dem Sieg über die Taliban vielleicht ein kleines Zeitfenster, um die Zivilgesellschaft voran zu bringen in Afghanistan, aber darum kümmerte sich der Westen letztendlich nur halbherzig. Das Ergebnis: Alles umsonst. Nun wird die NATO allein durch ihre Anwesenheit und noch mehr durch ihr aktuelles Vorgehen immer mehr zum Motor für den Zulauf und den Kampfeswillen der Taliban. Ein Teufelskreis beginnt, der höchstwahrscheinlich irgendwann mit der Flucht der NATO aus Afghanistan enden wird - vermutlich nachdem zuvor noch viele weitere Zivilisten von beiden Kriegsparteien getötet wurden.

Wie oft wird dieser Fehler in der Geschichte noch wiederholt werden? Korea, Vietnam, Somalia, Irak, Afghanistan... Was genau steckt dahinter, dass technisch und materiell eigentlich überlegene Armeen heute derart scheitern? Sie taten es ja früher (Zweiter Weltkrieg und früher) nicht - zumindest was das Erreichen ihrer Ziele betraf, nicht was die Schonung der Zivilisten anging.

Es scheint so, dass es nicht ausreicht, dass Politiker Gründe nennen für einen bewaffneten Einsatz im Ausland. Sind diese Gründe nicht stimmig, gar erlogen, oder überzeugen sie die Bevölkerung einfach nicht, dann scheint ein Militäreinsatz auf Dauer zum Scheitern verurteilt zu sein - wie auch immer hier genau die Wirkmechanismen aussehen. Vielleicht ist es das ungute Gefühl in der Bevölkerung, das die Medien im Lande veranlasst, den Dingen, die die Politiker und das Militär da anstellen, nicht genauer auf den Zahn zu fühlen. So kommt es beim Militär dann wegen der mangelnden öffentlichen Anteilnahme und Aufsicht zu Fehlplanungen, unzureichender Versorgung, fehlender Motivation, was wiederum alles zusammengenommen zu Fehlaktionen des Militärs und zu hohen Opfern unter den Zivilisten führt. Auch die Motivation der Politiker, andere Lösungen als militärische zu suchen, ist dann nicht ausgeprägt, denn die militärische Lösung erscheint auf den ersten Blick als einfacher als langwierige politische oder ökonomische oder soziale Lösungen und man hat ja seine Generäle, die versprechen, der Lage Herr zu werden. Wachsen die militärischen Schwierigkeiten, geben Politiker der Einfachheit halber gerne Durchhalteparolen aus. Es wird ja in der Öffentlichkeit eh nicht intensiver nachgefragt. Hören die Schwierigkeiten nicht auf, sind die Politiker an ihr Wort gefesselt. Würden sie ihre Meinung in Bezug auf militärische Lösungen ändern, gäben sie damit auch zu, zuvor geirrt zu haben, was nicht sein darf, weil damit ihr Ruf dahin wäre. Also übernehmen die militärischen "Technokraten" vollends das Zepter und die militärischen Fehlaktionen verbauen schließlich politische Lösungen immer mehr. Die ansteigende Gewalt als Reaktion auf die militärischen Fehlaktionen lässt dann wiederum nur noch mehr militärische Gewalt notwendig erscheinen als Reaktion. Der Teufelskreis ist da. Und irgendwann werden dann den Ländern, die ihre Armeen ins Ausland geschickt haben, die Kosten an Menschenleben zu hoch - sei es innerhalb ihres eigenen Militärs oder innerhalb der Zivilbevölkerung. Es geht diesen Ländern ja eben nicht um die Verteidigung des eigenen Landes und damit um einen Kampf auf Leben und Tod - anders also als bei den Allierten des Zweiten Weltkrieges.

Sicherlich sind die von mir angenommenen Ursachen für das Scheitern derartiger militärischer Aktionen nicht alle möglichen, denkbaren Gründe. Dass die technisch ach so hoch gerüsteten westlichen Armeen jedoch nicht mal eben einen ganzen Staat umkrempeln und befrieden können, das zumindest scheint mir offensichtlich zu sein.

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2 Kommentar(e):

Jörg Friedrich hat gesagt…

In Deutschland vor 60 Jahren hat das auch funktioniert. Sosehr die derzeitigen Tatsachen für deine Argumentation sprechen, ich frage mich, was heute in Afghanistan anders ist.

Solon hat gesagt…

Ja, aber in Deutschland vor 60 Jahren war es doch auch für die siegreichen Allierten ein wirklicher Kampf auf Leben und Tod. Es war klar: Gewinnt Hitler, wird die eigene Freiheit tatsächlich gefährdet.

Demgegenüber: Macht es für uns hier in Deutschland wirklich einen Unterschied, ob die NATO in Afghanistan erfolgreich ist, oder nicht? Aus diesem eigentlich nicht vorhandenem Interesse an Afghanistan folgt meiner Vermutung nach, dass die NATO-Staaten auch nicht bereit sind für das umfassende Engagement, was bei diesen militärischen Abenteuern eigentlich nötig wäre - vor allem jenseits der militärischen Aktionen.

Wie schwierig das Staatenbilden ist, kann man doch schon an den Folgen der Einheit Deutschlands sehen. Was für eine Mammutaufgabe ist das dann erst - will man sie erfolgreich angehen - bei einem völlig fremden, noch dazu unfriedlichen Land?

Die gescheiterten militärischen Aktionen (Somalia, Irak, Afghanistan usw.) zeigen wohl, dass die einfache militärische Übermacht (wenn sie überhaupt so vorhanden war/ist, was ja selbst angezweifelt werden kann) nicht reicht, um einen Staat aufzubauen. Stattdessen scheint die ganze Unternehmung - ob zu Unrecht oder Recht spielt gar keine Rolle - bei den Einheimischen schlicht als Neo-Kolonialismus anzukommen. Vor allem, je länger das Militär im Land bleibt.

Die deutsche Bevölkerung war nach dem völlig verheerenden Krieg wohl nur noch froh, dass er zu Ende war und die bisherige Führung war wohl zudem vollständig diskreditiert. Ein Widerstand aus dem Untergrund wollte niemand und es gab niemanden, dem man als Führer vertraut hätte. So fügte sich die Mehrheit der Deutschen fast erleichtert in die Besatzung. So hörte ich, dass viele sogar teilweise "froh" waren, als die ganzen deutschen Städte dem Erdboden gleich gemacht wurden, denn es bestärkte sie in der Hoffnung, dass dies nun aber bald das Ende des Krieges bedeuten müsse. Es gab eine große Kriegsmüdigkeit und man war sauer auf die bisherige Führung, weil sie den Krieg verloren hatte. Außerdem gab es in Deutschland ja eine funktionierende Bürokratie und staatliche Institiutionen. Auch wenn sie erst einmal nach dem Krieg zusammenbrachen, so war ihr schneller Wiederaufbau möglich, weil die Mitarbeiter noch da waren, das Wissen zum Führen solcher Institutionen noch da war und weil es keine konkurrierenden Institutionen gab, also beispielsweise keine Stammesführer oder Warlords. Und was es noch alles für Gründe gibt...