Dienstag, 10. April 2007

Die mystische Macht von Bildern, Tönen und Texten

Früher, als das Leben noch einfach war und die Gefahren klar zu benennen (Hunger, Kälte, ein auf einen zulaufender wütender Löwe bei gleichzeitigem Fehlen spitzer Pfeile im Köcher, Missgeschicke wie Beinbrüche oder das Essen von verdorbener Nahrung - vor allem wenn der Medizinmann des eigenen Stammes mal wieder betrunken in der Hängematte ruhte, statt sich um einen zu kümmern...), hatten solche TV-Magazine wie "Panikorama" oder "Brutal 21", ganz zu schweigen von "Aaahhh-spekte", keine Chance mit ihren Storys über hochgefährliche "Killerspiele" oder die noch viel schlimmere "Computersucht". Stattdessen lungerte man abends am Lagerfeuer und war froh, etwas im Bauch zu haben, sich kein Bein gebrochen zu haben und nicht vom Löwen erwischt worden zu sein. Da reichten der Anblick des Sternhimmels und das knisternde Feuer und die ARD und das ZDF hatten einen schweren Stand mit ihren Programmen.

Als die Löwen es leid waren, Menschen anzugreifen und der Medizinmann keine Lust mehr auf alkoholische Getränke hatte (der Grund hierfür muss von der Forschung noch geklärt werden), suchten die Menschen Ersatz für die immer weniger werdenden Gefahren und erfanden schließlich etwas viel Gefährlicheres als Hunger, Kälte und wütende Löwen: Die Kultur. Mit der Folge, dass es plötzlich überall Gefahren gab.

Kultur heißt: Tonfiguren, Bilder, Musik und natürlich Geschichten, später Texte und noch viel Später bewegte Bilder und (jetzt bitte ganz mutig sein) Computerspiele.

Jetzt war nicht mehr nur der real vor einem stehende Löwe angstauslösend, sondern desgleichen Bilder und Geschichten von ihm. Die Gefahr gelangte als Bild, Ton oder Text quasi in den Menschen hinein. Der Löwe fraß nicht mehr den Menschen auf, sondern er fraß sich mittels der Kultur in die weiche Gehirnmasse hinein. Das aber fortdauernd. Die Kultur führte somit zu fordauernden Löwenangriffen bei allen Menschen, während zuvor nur wenige Menschen Löwenangriffen ausgesetzt waren.

Da der Mensch jedoch nicht dumm ist, versuchte er sich auch gegen die Folgen der von ihm erfundenen Kultur zu wehren. Statt sich nur um ausreichend spitze Pfeile im Köcher zu kümmern, reglementierte er jetzt auch den Genuss von Löwengeschichten. So durften Neanderthaler-Kinder pro Tag nur drei Löwengeschichten hören. Das führte bekanntlich zu derben Streitereien in den Neanderthaler-Familien, da die Kinder inzwischen süchtig nach Löwengeschichten geworden waren. Die Folgen sind bekannt: Die Neanderthaler starben aus.

Noch klügere Menschen versuchten, sich die Macht der Kultur zu Nutze zu machen und sie ins Positive zu verkehren. So schufen angeblich die alten Griechen ihre wunderschönen Statuen, um Schönheit und Edelmut hervorzurufen bei den Betrachtern. Später entstand daraus bis ins 18. Jahrhundert vor allem beim Adel die Sitte, beim Zeugen von Nachwuchs schöne Bilder oder Statuen anzuglotzen, damit sich das schöne Antlitz der auf den Bildern dargestellten Menschen auf die Kinder übertrug. Der Deutschlandfunk berichtete vor ein paar Tagen in einer ausführlichen Sendung über diese "Callipaedia", der Erziehung zur Schönheit, die später jedoch vor allem zur Kunst, schöne Kinder zu zeugen, wurde:

Als Leser von Claude Quillets "Callipaedia" muss man sich also junge Adelige vorstellen, die alles über die richtige Partnerwahl oder die Bestimmung des passenden Zeitpunkts für die Zeugung wissen wollten. [...] Dabei betont er [Claude Quillet; Anmerkg. von mir] besonders eindringlich, wie wichtig es sei, dass die Frau - wohlgemerkt nur die Frau! - im Moment der körperlichen Vereinigung sowie während der Schwangerschaft schöne Dinge anschaut. Am schönsten aber seien nicht die Werke der Natur, sondern die der Kunst. Daher müssten im Schlafzimmer Gemälde oder Skulpturen aufgestellt werden. Nur so ließen sich Missbildungen und unliebsame Überraschungen beim Nachwuchs verhindern. (Quelle)


In den letzten beiden Jahrhunderten vergaß man leider die Macht der Bilder zunächst wieder und Maler verarmten bekanntlich zunehmend. Bis das Wissen um die Macht der Bilder bei der Diskussion um den schädlichen Einfluss von Horrorfilmen und nun Computerspielen wieder größere Verbreitung fand.

Ein Hirnforscher namens Manfred Spitzer behauptet heute sogar, dass alles, was durch unsere Sinnesorgane in unser Gehirn kommt, sich dort quasi einbrennen würde und unser Verhalten unbewusst und kaum durch uns beeinflussbar formen würde.

Man könnte nun denken: Können Bilder, Texte, Töne, Computerspiele, sprich Medien wirklich so mächtig wirken? Haben "Panikorama", "Brutal 21" und all die anderen aufrüttelnden Fernsehsendungen und Zeitungsartikel also Recht mit ihrer Warnung vor dem Killerpotenzial der auf unsere Netzhaut und in unsere Ohren eindringenden Signale?

Und ich sage: Natürlich! Man vergleiche doch nur einmal die Anzahl der in Deutschland im letzten Jahr durch reale Löwen angegriffenen Personen mit der Anzahl der Leute, die Killerspiele spielten und anschließend durch irgendwas zu Tode kamen. Die Statistik beweist: Reale Löwenangriffe sind keine Gefahr mehr. Also müssen an den verbleibenden Todesfällen logischerweise die Killerspiele schuld sein.

Die Medien formen uns und unser Gehirn. Könnte sonst zum Beispiel eine neue Therapie-Form gegen das Dicksein so erfolgreich sein, dass die Anzahl der Dicken in der Gesellschaft seit Erfindung der sogenannten "Hör-Therapie" (www.hoer-dich-gesund.com) aber sowas von rapide abgenommen hat?

So erklärt Hoer-dich-gesund.com die Wirkung der Doppel-CD "Übergewicht":

Man hört eine speziell kombinierte Musik, die körpereigene Glücks- und damit Sättigungshormone aktivieren kann. Man macht eine Tiefenentspannung, die die Muskeln löst und so auf natürliche Art dafür sorgt, das man entkrampft und daher den Stoffwechsel sowie den Fettabbau erleichtert. Man macht eine speziell entwickelte Visualisierung, die zu einem dauerhaften neuen Ess- und Körpergefühl führt und Diäten und Wundermittel überflüssig macht. Durch jede Übung wird man fachmännisch geführt und geleitet. Man selbst schließt nur die Augen, hört zu und konzentriert sich dank der Hör-Therapie ausschließlich auf die Überwindung des Problems – ganz ohne Chemie, ganz ohne Nebenwirkungen.


Panikorama, Brutal 21 und Hoer-dich-gesund.com beweisen: Hütet euch vor der Macht der Sinneseindrücke! Hütet euch vor Löwengeschichten und Killerspielen! Hört auf die Warner! Schaut beim Sex auf schöne Statuen oder Gemälde und hört schlank machende Audio-CDs, aber macht ansonsten eure Augen und Ohren zu!

Und wie soll ich dann hören, ob das Telefon klingelt, wird jetzt mancher Oberschlauer einwenden. Pah! Auch darauf gibt es längst eine Antwort: Die gesundmachenden Klingeltöne von Hoer-dich-gesund für nur schlanke 5 Euro nochwas pro Stück.

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