Freitag, 19. Oktober 2007

Phoenix am Morgen macht Kummer und Sorgen

Ich hatte gerade die für mich seltene Gelegenheit, einmal vormittags den öffentlich-rechtlichen TV-Sender "Phoenix" zu gucken. Laut Programmheft handelte es sich um die Sendung "Vor Ort". Angeblich eine Informationssendung.

Nichts dergleichen. Zumindest am Anfang der Sendung, bevor dann tatsächlich irgendwohin "vor Ort" geschaltet wurde und nur noch O-Töne (beispielsweise eine Pressekonferenz) unkommentiert übertragen wurden. So lange jedoch der Moderator das Wort hatte, wurde nicht informiert, sondern in billigster Weise manipuliert, indem Meinungen als Fakten dargestellt wurden.

Screenshot: Moderator der Phoenix-Sendung 'Vor Ort'Das Hauptthema am Anfang der Sendung war die Einigung der EU-Regierungen heute Nacht auf einen Nachfolgevertrag zur gescheiterten "EU-Verfassung". Aber statt zu informieren über den genauen Inhalt der Einigung, indem man beispielsweise detaillierter darstellte, was sich ändert, gab es nur ein kurzes Interview mit einem EU-Parlamentarier, der bestätigen durfte, dass jetzt alles tatsächlich besser wird. Und die Moderation im Studio (siehe nebenstehenden Screenshot) füllte nicht etwa die Informationslücke, sondern wiederholte schlicht, dass jetzt wirklich alles gut wird. Desgleichen geschah dann noch einmal in einem "Interview" des Moderators mit einer zugeschalteten Redakteurin des Magazins "Focus". Wieder wurden dem wartenden Zuschauer keine Fakten präsentiert, sondern nur solche Aussagen wie beispielsweise, dass es früher ja schrecklich war, als an jeder Grenze kontrolliert wurde und dass das ja jetzt dank EU nicht mehr so sei und dass der neue EU-Vertrag wirklich ein Fortschritt sei, um die EU nun auch endlich international "wettbewerbsfähiger" zu machen. Wegen der Globalisierung und so. Was immer das heißen mag.

Die Sendung war ein Paradebeispiel dafür, dass anscheinend in vielen Köpfen bei ARD und ZDF die Ansicht besteht, dass es ihre Aufgabe sei, dem Zuschauer den richtigen Glauben zu vermitteln, statt zu informieren. Zum "Glaubens-Katechismus" gehört dabei: Der Glaube an die nirgends zu kritisierende EU, der Glaube an die heilige Agenda 2010 und der Glaube an Merkels große, gottgewollte Koalition. Das morgendliche Phoenix-Programm scheint so eine Art täglicher, öffentlich-rechtlicher Gottesdienst im Dienste dieser Dogmen zu sein.

Wer ein Thema für einen Artikel in seinem Weblog sucht (ich habe zu einem ausführlicheren Artikel dazu gerade keine Zeit): Einfach mal vormittags diese Sendungen "Vor Ort" oder auch "Bon(n) jour Berlin" von Phoenix aufnehmen und die stimmungs- und meinungsmachende Moderation der Sendung genauer analysieren und auseinandernehmen. Dem Medien-Analysten wird eine fette "Beute" in Form von billiger Propaganda in die Hände fallen. Mich hat jedenfalls diese völlig faktenfreie und extrem dreiste Meinungsmache gerade vom Hocker gehauen.

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1 Kommentar(e):

Nontra hat gesagt…

Zu dem Schlußsatz ("Mich hat jedenfalls diese völlig faktenfreie und extrem dreiste Meinungsmache gerade vom Hocker gehauen.") habe ich eine Frage:

Wieso? Wie kann das vom Hocker hauen?

(1) Das "Format" (die Konzeption) der "Informationssendungen" im deutschen Fernsehen definiert doch gerade, die Zuschauer eben *nicht* zu informieren, sondern ausgewählte (nicht mitgelieferte) Informationen zu *interpretieren*. (Also eben z.B. zu berichten "alles besser jetzt", ohne zu sagen, was eigentlich und warum.)

(2) Das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland ist doch bewußt als Gottesdienst an die von der aktuellen Politik definierten Dogmen aufgestellt. Das ist dessen Aufgabe!

(3) Es war das Vormittagsprogramm! Medien berichten nicht, sondern produzieren und liefern an ihre Zielgruppe. Wer ist denn wohl die Zielgruppe um diese Sendezeit (und auf dem Programm)!

Also: Es wurde 1. Format-getreu, 2. Senderrichtlinien-konform und 3. Zielgruppen-gerecht informiert. Was daran haut vom Hocker?

Das Wort "Information" hat halt eine eigene Bedeutung im Fernsehen. Ähnlich wie "Fakten" im Focus. Es gehört zur Aufgabe der Bürger, sich die notwendige Medienkompetenz anzueignen, Informationssendungen im Fernsehen nicht mit einen Informationskanal zu verwechseln.

Zum sich informieren, ist Fernsehen das falsche Medium. Das kann und will es schlichtweg nicht leisten. Es ist dazu da, die Leute dumm zu halten, nicht um sie schlau zu machen.

Wer das nicht verstanden hat, der hat noch nie fern gesehen.