Dienstag, 4. Dezember 2007

Kristallkugeljournalismus, lateinamerikanische Variante

Neben dem "Schweinejournalismus" gibt es auch noch eine andere Art des Journalismus. Der sieht dann beispielsweise so aus:

Chávez hätte mit seinen Reformplänen [...] fast diktatorische Befugnisse im Fall eines Ausnahmezustands erhalten, den er selber ohne große Hürden hätte ausrufen können und dies wohl auch so eingeplant hat. (Quelle: Zeit.de)


Fast diktatorisch. Immerhin. Und woher wohl der ZEIT-Autor von diesen Ausnahmezustandsplänen weiß? Vielleicht daher?

Mit der Einführung der unbegrenzten Wiederwahl des Präsidenten wäre es ihm zudem gelungen, seine Amtszeit - wie von ihm geplant - bis auf das Jahr 2050 auszudehnen. (Quelle: Zeit.de)


Sofern das Volk ihn wiedergewählt hätte. Aber das venezolanische Volk besitzt ja keinen eigenen Willen, wie das gescheiterte Referendum gerade gezeigt hat. Oder so.

Chávez räumte seine Niederlage zwar ein, beglückwünschte seinen Gegnern und will nach eigenem Bekunden das Ergebnis der Volksabstimmung auch akzeptieren. Doch es bleibt abzuwarten, was der Linkspopulist wirklich machen wird. (Quelle: Zeit.de)


Schröder räumte seine Niederage nicht ein (2005), Stoiber sah sich bereits als Sieger (2002) und es bliebe abzuwarten, was Merkel alles machen würde, wenn 2009 die CDU eine Zweidrittel-Mehrheit bekommen würde. Oder so.

Chávez hat sich noch niemals mit Niederlagen abfinden können. (Quelle: Zeit.de)


Musste er bislang auch nicht wegen mangelnder Niederlagen.

Es handle sich jedoch nur um eine "vorübergehende Niederlage", hebt El Comercio aus Peru hervor. [...] "Wir setzen unseren Kampf für den Sozialismus fort", zitieren alle Zeitungen des Landes das Staatsoberhaupt. "Der Sieg sei 'mikroskopisch' klein gewesen und man sei vielmehr von der niedrigen Wahlbeteiligung - 44 Prozent der wahlberechtigten haben keine Stimme abgegeben - besiegt worden als von den Reformgegnern", zitieren gleich mehrere venezolanische Tageszeitungen den Präsidenten. (Quelle: Zeit.de)


Das hört sich natürlich ganz gefährlich an. Ähnlich wie wenn sich nach jeder Wahl in Deutschland regelmäßig alle Parteien zum eigentlichen Sieger erklären.

Aber bitte schön... Misstrauen gegenüber Regierungen ist immer gut. Schade nur, dass davon bezogen auf unsere Regierungsfritzen hierzulande immer so wenig zu spüren ist in unseren Medien. Vermutlich stammen die Kristallkugeln unserer Journalisten nicht aus deutscher Produktion, sondern sind nur billige Import-Ware aus Ländern, in denen die Kristallkugelhersteller von Deutschland noch nie etwas gehört haben. Dumme Globalisierung.

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2 Kommentar(e):

ninjaturkey hat gesagt…

Lass unsere wackere Pressetruppe doch ruhig über Chávez schreiben, die zeit hat als Wochenblatt eben immer ein wenig Nachlauf (sogar in der Online-Ausgabe).

Heute spannend, dass der amerikanische Geheimdienst festgestelllt hat (und jetzt alle das alte Lied: die Wissenschaft hat festgestellt, festgestellt, festgestellt...) dass der Iran sein Atomwaffenprogramm schon seit vier Jahren (!) eingestampft hat. Uff, das war knapp. Und zwar wegen des internationalen Drucks. Aha. Drum haben sie´s ja auch geheim gehalten, damit der internationale Druck schön weiter drückt. Aber spätestens 2015 können sie Atomwaffen haben!!!
Nun ja, wenn sich mein Jüngster gut in der Schhule macht, dann Kernphysik studiert und gute Beziehungen zum internationalen Terrorismus aufbaut, kann er 2025 auch Atomwaffen haben.

Übrigens - die Wortbestätigungen haben es wirklich in sich. In der letzten Wochen hab ich mal wieder ein paar (der kürzeren) bei Google eingegeben, und bin beim Diplomaticnet.com gelandet und ein anderes Mal bei 1-butyl-3-[5-(tert-butyl)-1,3,4-thiadiazol-2-yl]-5-(3,4-dichlorophenyl)-4-hydroxyimidazolidin-2-one. Mein alter Chemielehrer hätte uns bei dieser Formel angegrinst und gefragt: "Stinkt das?" ;-))

Solon hat gesagt…

Ich hör jetzt auch auf über Chávez und unsere Presse zu schreiben. Ich denke, es ist klar geworden, dass die Presse ein festgefügtes Feindbild hat, von dem sie sich auch durch Fakten nicht abbringen lässt.

Heute ist es noch Venezuela. Und morgen...?

Naja. Wie gesagt, lassen wir das.

Zu Iran: Interessante Beobachtung, dass die Iraner anscheinend unbedingt weiter politischen Druck haben wollten. Masochisten vermutlich.

Zum Buch "Gefahren des Internets" sollte man im Unterkapitel "Weblogs" als weitere Gefahr, gleich hinter "Gefahr des süchtigmachenden Bloggens" und "Gefahr des Blog-Burnouts" das Kapitel "Gefahr des Verlustes des Selbstwertgefühls des Bloggers durch eine vorlaute CAPTCHA-Funktion" hinzufügen.

Sowas aber auch. ;-)