Montag, 16. April 2007

Fall Oettinger: Die Abhängigkeit deutscher Medien

Einen treffenden Kommentar zum Versagen großer Teile der deutschen Medien beim jüngsten Skandal um Oettinger, den Immer-Noch-Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, bringt Blogmedien.de: Verschlafene Wächter.

Darin:

Der so genannte "Fall Oettinger" zeigt erneut, dass in Deutschland vorrangig "Hurra-Journalismus" betrieben wird. Wichtig ist nicht etwa der Vorfall, sondern ob und in welchem Rahmen andere Medien darüber berichten. Kommentiert wird ohnehin erst, wenn man sich auf der ganz sicheren Seite der vorherrschenden Meinung wähnt. [...] Selbst als sich der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, noch am selben Tag empört zu Wort meldete, fand das kaum Niederschlag in den Medien. Weder Tagesschau noch ZDF-heute berichteten, in den Tageszeitungen wurde am Donnerstag kaum Notiz davon genommen. Die Geschichte kochte erst hoch, nachdem sich in den folgenden Tagen immer mehr Politiker zu Oettingers Trauerrede äußerten. Nicht der Vorfall an sich, sondern die Reaktionen darauf wurden zum Thema. Auf einmal berichten fast alle in großer Aufmachung, selbst die Stuttgarter Zeitung. Mit einer “Wächterrolle” hat das kaum etwas zu tun. (Quelle)


Der unerschrockene Zentralrat der Juden gehörte meines Wissens nach lobenswerterweise tatsächlich wieder mit zu den ersten, die die Schieflage in Oettingers Worten laut anklagten. Und nein, auch dieses Mal kam von nirgendwo der Vorwurf, Oettinger sei Antisemit. Denn darum ging es gar nicht. Es ging bei den Protesten gegen Oettingers umstrittene Äußerungen vor allem um den Schutz unseres heutigen Rechtsstaates. Denn wenn ein nicht gerade kleines Rädchen im System des Nazi-Unrechtsstaates wie der ehemalige Richter Filbinger als "Nazi-Gegner" bezeichnet wird, ist dies vor allem ein Angriff auf den heutigen demokratischen Rechtsstaat. Oettinger hatte mit seinen Äußerungen die Grenzen zwischen Nazi-Deutschland und dem heutigen deutschen Rechtsstaat aufgelöst. Denn wonach sollte man das Verhalten beispielsweise von Richtern schlussendlich noch bemessen, wenn selbst ein Mitwirken an Unrechtsurteilen wieder als entschuldbar oder gar als salonfähig gilt?

Vielleicht hat ja auch manche Reaktion in deutschen Weblogs (meine wohl weniger) neben den Protesten des Zentralrats der Juden manche Politiker bewegt, Stellung zu Oettingers Aussagen zu beziehen. Die deutschen Medien jedoch bewegen kaum noch etwas, sondern werden höchstens bewegt von außen. Deutsche Medien sind anscheinend in zunehmendem Maße abhängig von Wirtschaft und den herrschenden politischen Kreisen. Wegen ihrer fehlenden Distanz und daraus resultierender fehlender Kritik sind deutsche Medien somit zu großen Teilen mitverantwortlich für die derzeitige Politik. Das sollte man nicht vergessen.

Umso wichtiger sind unabhängige Analysen und Kommentare beispielsweise in Weblogs. Lieber wäre mir jedoch, wenn die Medien zurück zu ihrer alten Stärke finden würden. Aber stattdessen haut man bekanntlich lieber mit propagandistischen Stilmitteln auf diese unbequemen Weblogs drauf, wie gerade aktuell mal wieder die "Welt am Sonntag" - nachzulesen bei Stefan Niggemeier: Die WamS, das Netz und die Gosse.

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