Dienstag, 21. August 2007

Mob in Mügeln: Was hat die Presse nun rausbekommen?

Als Ergänzung zu meinen gestrigen Fragen nach weiteren Informationen zu den ausländerfeindlichen Vorfälle in Mügeln, Sachsen, hier nun eine kleine Presseschau mit neuen Erkenntnissen der Presse zum Thema:

Auszüge aus dem Text der DPA-Meldung, den die meisten Medien bringen, hier N24.de (inklusive möglichem von N24 selbst verfassten Text): Gespenstische Szenen in Mügeln: Jugendhorde jagt Inder:

Am Tag danach herrscht reflexhafte Abwehrstimmung in Mügeln. Die Bewohner des gut 50 Kilometer von Leipzig entfernten Orts weichen den angereisten Journalisten aus. Bürgermeister Gotthard Deuse (FDP) bemüht sich um Schadensbegrenzung: "Bei uns gibt es keine rechtsextreme Szene." Wenn der Angriff einen fremdenfeindlichen Hintergrund habe, müssten die Täter aus Nachbarorten kommen, wehrt er ab. Opfer Singh Gorvinda (26) berichtet, dass er bislang nie Probleme in Mügeln hatte. Auch sein Bekannter Kulvir Singh, der seit April in dem Ort lebt, hat noch keine Anfeindungen erlebt. [...] Es gibt es Aussagen, wonach im Vorfeld bekannt war, dass Rechtsextreme zum Fest anreisen wollten. [...] In diesem Punkt wiegelt Deuse am Montag ab. Kein Wort auch zu dem rechtslastigen Musikversand im Ort oder zu Rechten-Konzerten in der Region. [...] Zeugen zufolge hat es auch in der Tatnacht etwa eine Stunde gedauert, bis rund 70 Beamte aus Oschatz, Döbeln, Leipzig und Leisnig herbeigezogen waren. [...] [Der Dresdner Verein Bürger.Courage] hat die "Strategie des Verschweigens" von rechtsextremen Tendenzen in Sachsen kritisiert. (Quelle: N24.de)


Tagesspiegel: "Bei uns gibt es keine Rechtsextremen":

Erinnerungen an die Magdeburger Himmelfahrtskrawalle im Mai 1994 werden wach. Oder an die Ausländerhatz in Rostock- Lichtenhagen vor 15 Jahren. (Quelle: Tagesspiegel.de)


In einem weiteren Artikel mit dem Titel "Stadt unter Schock" versucht der Tagesspiegel noch etwas ausführlicher den Kontext zu beleuchten:

Dass die Täter aus dem Ort selbst kommen, hält der Bürgermeister für ausgeschlossen. "Mügeln mit seinen 5000 Einwohnern hat sich einen guten Ruf aufgebaut", sagte er in Interviews. Kerstin Köditz von der Linksfraktion im Dresdner Landtag hält diese Einschätzung für zumindest blauäugig. In der Vergangenheit habe es in dem Ort einschlägige Nazikonzerte gegeben, ein rechtslastiger Musikversand habe dort seinen Sitz. Die Abgeordnete sprach von einer neuen Qualität, da die Jagd nur durch ein massives Polizeiaufgebot habe gestoppt werden können. Ein Sprecher der Antirassismusinitiative Netzwerk Döbeln sagte dem Tagesspiegel: "Die Opfer sind total geschockt." Nach seinen Erkenntnissen waren die Angreifer Neonazis. Überfälle auf Ausländer hätten sich in diesem Sommer bei Volksfesten in der Region massiv gehäuft. (Quelle: Tagesspiegel.de)


Stern.de bringt auch einige der in der DPA-Meldung enthaltenen Reaktionen auf den Mob von Mügeln: Hetzjagd auf Inder - "Kein überraschendes Ereignis":

Der Vorsitzende des Innenausschusses im Bundestag, Sebastian Edathy (SPD), warnte davor die rechtsextreme Szene zu unterschätzen. "Die Übergriffe von Mügeln sind ein ganz entsetzliches Ereignis, überraschend kommt es aber nicht", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Ich kann dunkelhäutigen Bürgern auch heute nicht mit gutem Gewissen raten, Volksfeste in ostdeutschen Kleinstädten zu besuchen." Der scheidende israelische Botschafter in Deutschland, Shimon Stein, sieht die Gefahr eines wachsenden Rechtsextremismus in Deutschland. Die Akzeptanz für Rechtsradikalismus in der deutschen Gesellschaft scheine in den vergangenen Jahren gewachsen zu sein, sagte Stein der "Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen". "Letztendlich muss sich die deutsche Gesellschaft die Frage stellen, inwieweit sie bereit ist, anti-demokratisches Gedankengut zuzulassen oder etwas dagegen zu unternehmen." (Quelle: Stern.de)


Die Netzeitung führt noch ein interessantes Detail an in ihrem Artikel mit der die Warnungen von Sebastian Edathy herausstellenden Überschrift "SPD warnt vor Reisen nach Ostdeutschland":

Die Opfer waren laut Bürgermeister Deuse auf Einladung der Stadt bei dem Volksfest. "Umso bedauerlicher ist der Vorfall", sagte er. Sie seien mit dem indischen Besitzer der Pizzeria bekannt, der seit etwa fünf Jahren in Mügeln lebt. Zudem verkauften die Männer auf dem Wochenmarkt Kleider. (Quelle: Netzeitung.de)


Spiegel.de hat anscheinend selbst mit dem Bürgermeister der Stadt Mügeln und mit weiteren Augenzeugen vor Ort gesprochen. Dementsprechend informativ ist der Artikel im Gegensatz zum großen Rest der Presse, wo meist nur die DPA-Meldung wiederholt wird. Auch berichtet Spiegel.de von mal wieder sehr fragwürdigem Vorgehen der Polizei, das vielleicht sogar zur Eskalation beigetragen haben könnte. Eskalation auf Dorffest: Ausländer in Mügeln fürchten neuen Gewaltexzess:

Solche Krawalle gebe es auch in Leipzig und Dresden, sagt der Bürgermeister, "nun hat es Mügeln getroffen". Das tue ihm alles sehr leid. Doch ein negatives Image habe das Städtchen nicht verdient. "Bisher gab es hier keine Dinge, die mit rechts zu tun haben." [...] Eine 36-Jährige, die in der Pizzeria Picobello arbeitet, war mittendrin, als es zur Schlägerei kam. Sie schildert SPIEGEL ONLINE den Ablauf: [...] Die Frau tanzte mit ein paar Indern, die dienstags und donnerstags auf dem Markt Textilien verkaufen. "Im Zelt hat der Streit angefangen", sagt sie. Vielleicht wurde mal gerempelt, vielleicht habe es auch manchem nicht gepasst, dass eine Deutsche mit Ausländern tanzt, vermutet sie. Dann habe es eine Warnung gegeben: "Wenn ihr in fünf Minuten nicht verschwunden seid, gibt's Stunk." Die 36-Jährige und einige Inder verließen daraufhin die Tanzfläche - doch vor dem Festzelt begann die Schlägerei. "Die haben gewartet", sagt die Frau. Die Inder flüchteten sich schließlich ins Picobello. "Wir haben Schutz gesucht", sagt Herr Singh, der die Pizzeria betreibt. Er selbst habe das Zelt schnell verlassen, als er merkte, dass es Krach geben könnte. Singh sagt: Die zumeist jungen Angreifer haben "Ausländer raus" gebrüllt. Das sagt auch die 36-Jährige. Sie sei angepöbelt worden: "Wie kannst du bei Ausländern arbeiten?" Die beiden Männer, die den Streit angefangen hätten, seien bekannt, sie kämen aus Mügeln, sagt die Frau. Sie seien sogar Stammkunden im Picobello gewesen. Doch viele andere, die an der Schlägerei beteiligt waren, seien von auswärts gekommen. [...] "Als die Polizei kam, ist das ganze eskaliert." Beamte hätten gegen völlig Unbeteiligte Reizgas eingesetzt und auf am Boden liegende Personen eingeprügelt. 150 bis 200 Menschen hätten schließlich vor der Pizzeria gestanden, indem die Inder sich eingeschlossen hatten. "Das war wie ein kleiner Volksaufstand." (Quelle: Spiegel.de)


Der Artikel von Spiegel.de zeigt auch eine mögliche Erklärung auf, warum auf dem Stadtfest eine anscheinend zusammengehörende, organisierte Gruppe von gewaltbereiten Menschen anwesend war. Es scheint zuvor in der rechten Szene ein Überfall auf den Jugendclub in Mügeln geplant gewesen zu sein. Die Jugendclub-Betreiber hätten davon jedoch Wind bekommen und den Club vorsorglich geschlossen. Die angereisten Gewalttäter könnten nun nach einem Ersatzziel Ausschau gehalten haben und fanden es in Form des Stadtfestes und der dort anwesenden Inder. Andererseits weiß Spiegel.de auch von Stimmen aus dem Umfeld des Jugendclubs zu berichten, die nicht nur Rechtsradikale unter den Gewalttätern ausgemacht haben wollen. "Da waren am Ende alle dabei, von jung bis alt, vom Punk bis zum Skinhead", so ein junger Mann gegenüber Spiegel.de.

Auch die TAZ war vor Ort und gibt ebenfalls detaillierte Schilderungen von Augenzeugen wieder, die jedoch im Gegensatz zu den bei Spiegel.de wiedergegebenen Meinungen die Arbeit der Polizei loben, aber auch deutlich machen, dass ausländerfeindliche Ressentiments bei manchen so tief verwurzelt zu sein scheinen, dass sie diese Ressentiments bei sich selbst und bei anderen gar nicht mehr wahrnehmen, sondern schlicht für selbstverständlich halten. Übergriffe in Sachsen: "Da haben Glatzen gewartet":

Unbestritten ist wiederum, dass auch die Pizzeria den Angegriffenen keinen Schutz bot und dass bereits eine Scheibe eingetreten und ein Auto demoliert worden war, bevor die Polizei etwa eine halbe Stunde nachdem sie von den Indern gerufen worden war mit etwa 70 Beamten anrückte. Da hatten einige Angreifer bereits Pfeffergas eingesetzt und einen weiteren deutschen Angestellten der Pizzeria mit Tritten schon misshandelt. Verbürgt sind auch Rufe wie "Ausländer raus!" Die Polizei verhinderte durch ihr entschlossen Auftreten Schlimmeres, wie auch einige Bewohnern anerkennen. Eine andere Geschichte erzählen einiger Mügelner, die sich am Tage danach gleichfalls am Markt einfinden und das Geschehen diskutieren. Danach hätten sich die Inder schnell zusammengefunden und mit Messern und abgeschlagenen Flaschen bewaffnet. Eskaliert sei das Geschehen, weil zuerst zwei Deutsche an Hals und Oberschenkel durch Stiche verletzt wurden. "Da haben sich eben einige Deutsche in landsmannschaftlicher Verbundenheit zusammengetan", lässt sich ein Mügelner mittleren Alters vernehmen und fügt hinzu: "Sie wollen doch nur schreiben, dass in Mügeln alle rechtsradikal sind!" Daneben steht ein etwa 25-jähriger junger Mann mit Bärtchen und kleinem Bauch, der dazu eifrig nickt - aber nur, um sich gleich darauf ausdrücklich als Rechtsradikaler zu bekennen. Ja, er sei dabei gewesen und habe vor der Pizzeria auch ausländerfeindliche Parolen gerufen, nachdem "zwei von uns" schwer verletzt worden waren. "Die sollen ihr Leben leben, die Kanaken, und uns in Ruhe lassen." (Quelle: Taz.de)


Nachtrag: Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) bringt (wohl auf AP beruhende) weitere Details, die dagegen sprechen, dass die Deutschen aus Selbstverteidigung heraus (so wie dies die von der TAZ Interviewten teilweise äußerten - siehe oben) gegen die Inder handelten. Hetzjagd auf acht Inder in Sachsen:

Eines der Opfer, der 39 Jahre alte Kulvir Singh, sagte der AP, dass er noch im Zelt mit einer Flasche auf den Kopf geschlagen worden sei. Auch sein Auge sei getroffen worden. Seine Landesleute seien mit Reizgas angegriffen und ebenfalls geschlagen worden. In der Pizzeria hätten sie sich zusammen mit zwei Polizisten eingeschlossen. Ohne die Polizisten hätten die Angreifer sie vielleicht totgeschlagen. (Quelle: NZZ.ch)


Nachtrag 2: Die Süddeutsche Zeitung berichtet noch über die Aussagen der beiden Polizisten, die die Inder in der Pizzeria vor dem Mob geschützt haben. Polizisten zu Einsatz in Mügeln: Schwache Verteidiger:

Drinnen hockte bald ein Dutzend teils verletzter indischer Staatsbürger, die sich auf der Flucht vor aufgebrachten Festbesuchern in das Lokal geflüchtet hatten - "die Inder zitterten um ihr Leben", berichtet Reinhard. Draußen sei die Menge unterdessen immer aggressiver geworden. "Sie riefen 'Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!'", sekundiert ein Polizeikollege. (Quelle: Süddeutsche.de)


Nachtrag 3: Über die sich entwickelnde Legendenbildung in Mügeln berichtet Spiegel.de. Erste Verfahren nach Hetzjagd - aber Mügeln mauert:

Aber viele Mügelner mauern. Die Suche nach Zeugen geht nur langsam voran. 20 Augenzeugen wurden bislang verhört, verkündete der sächsische Polizeipräsident Bernd Merbitz heute. Eine Sprecherin der Polizeidirektion Westsachsen sprach jedoch von "mühevoller Arbeit". Möglicherweise hat der ein oder andere Angst, am Ende als Verräter dazustehen: Schließlich müsse derjenige, der sich bei der Polizei melde und Tatverdächtige nenne, anschließend mit den betreffenden Personen noch jahrelang in der Kleinstadt Mügeln zusammenleben, sagte die Polizeisprecherin. [...] Normalerweise müssten sich alle melden, die vor Ort waren, doch davon sei man weit entfernt, sagen die Ermittler. Und das, obwohl "praktisch jeder auf dem Fest war, der nicht im Urlaub war", wie es im Ort heißt. (Quelle: Spiegel.de)


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2 Kommentar(e):

Don Pepone hat gesagt…

Wie schon gesagt, in der Dorfgemeinschaft anerkannte, nette Kerle. Die gefahr ist tatsächlich nicht zu unterschätzen aber leider ebeno wenig greifbar.

der Verdächtige hat gesagt…

in zeiten des achso hochgelobten web 2.0 und dsl-anbindung ins internet, dürfte die problematik, anonym ein interview zugeben, wohl eine kleine sein.
hier zeigt sich nur mal wieder wie kleinkariert und fahrlässig der deutsche michel agiert: "...ich hab von nix gewusst, ich hab nix gesehn und gehört sowieso nicht..."
das problem wird lieber ignoriert, zitat:"Bei uns gibt es keine rechtsextreme Szene.", anstatt darauf zu reagieren. welcher bürgermeister kann denn bitte ernsthaft so eine aussage machen? bei der letzten landtagswahl hat bestimmt auch niemand npd gewählt - das gibts nur in anderen teilen von sachsen, oder wie?
manchmal wünsch ich mich einfach ganz weit weg...
naja, wenns dennmal wieder soweit is, dass das braune gesocks offen und mit ihren zeichen auf der strasse unterwegs sind, kann ich ja immer noch sagen: "das konnte ja niemand ahnen..."

mfg der Verdächtige